Ebersbach „United School“: Businessplan statt Vokabeln

Ein Hoch auf das „Brautpaar“: Im Standesamt des neu gegründeten Staates auf dem Ebersbacher Raichberg kann man sogar heiraten.
Ein Hoch auf das „Brautpaar“: Im Standesamt des neu gegründeten Staates auf dem Ebersbacher Raichberg kann man sogar heiraten. © Foto: Giacinto Carlucci
Ebersbach / Hannah Reinert 17.10.2018
Wie Demokratie und Wirtschaftssystem funktionieren, erleben Schüler derzeit an der „United School of Raichberg“.

In der „United School of Raichberg“ werden diese Woche keine Vokabeln gelernt. Stattdessen wird im Raichberg-Gymnasium und in der -Realschule Demokratie geübt. So richtig los ging es mit der Planung für das Projekt „Schule als Staat“  vor knapp einem Jahr. Die Idee hatte Jana Liebel, damalige Schülersprecherin der Raichberg-Realschule. Erst wurden Ausschüsse gebildet, und mit der Zeit entstand alles, was gebraucht wurde, um den Mikrokosmos am Leben zu erhalten. Schüler und Lehrer gründeten Unternehmen oder staatliche Institutionen und besuchten Fortbildungen.

„Eine Klasse hat in Geschichte Politiksysteme entwickelt, dann hat der Politik- und Verfassungsausschuss abgewogen, welche Staatsform am besten  wäre“, berichtet „Präsident“ Tobias Unger, der normalerweise die zwölfte Klasse besucht. Der Lerneffekt für die Schüler stehe im Vordergrund, sagt er. „Wir haben uns für eine präsidentielle Demokratie entschieden, nach dem Vorbild der USA. Sie wurde noch Stück für Stück angepasst. Wir wollten ein Politiksystem, wo man schnell eingreifen kann und viel Handlungsspielraum hat.“ Die „United School“ USR umfasst knapp 70 private und zwischen zehn und 15 staatliche Betriebe. Sie seien breit aufgestellt, es gebe Essen, Kultur, Handwerk, Sportangebote und eine Musikschule, all das repräsentiere die Vielfalt des Schulzentrums und der Schülerschaft, berichtet der Präsident.

Seit gestern ist diese Welt für Besucher geöffnet, am Montag bereits für Eltern, die ab 11 Uhr „einreisen“ konnten. Besucher müssen ein Visum beantragen, während Schüler und Lehrer einen Pass besitzen. Das Schul-Zentrum war freudig überrascht, denn obwohl man mit wenig Andrang gerechnet habe, „sind Eltern schon um Punkt elf gekommen“. Das sei auch schön für die Schüler, erklärt Tobias Unger, sie freuten sich, wenn sie ihren Eltern etwas bieten und im eigenen Betrieb verkaufen konnten.

An Kreativität mangelt es den Betriebsgründern nicht. „Lovesearch Partnervermittlung“ lädt ein, sich auf ein Blind Date einzulassen oder anonyme Liebesbriefe zu verschicken. Melissa Tekez ist eine der Gründerinnen und erhält tatkräftige Unterstützung von ihren Mitarbeitern. Sollte mehr daraus werden, ist praktischerweise das Standesamt im gleichen Raum. Maxim Schreiner hilft beim Sportangebot „Kickboxen“ mit, er ist sozusagen der Manager. „Ich mache auch privat mehrere Kampfsportarten“, erklärt er. Es laufe so mittelmäßig bei ihnen, die Idee fände er gut, aber seiner Meinung nach seien die Betriebe nicht breit genug aufgestellt. „Es gibt ein paar Sportangebote und die meisten anderen machen was mit Essen“, findet er. Romy Mühlenbruck geht in die sechste Klasse am Gymnasium und hat einen Kreativladen eröffnet, sie verkauft selbstgebastelte Dekoartikel: „Meine Freundin und ich basteln gerne und haben öfters im Internet und in Shops Kursangebote und selbstgemachte Zimmerdekoration gesehen.“

Richtig cool finden das Projekt Viola Bitzer und Lilli Kasper, beide aus der fünften. Sie mögen besonders, dass sie so ein wenig in die echte Welt schnuppern können. „Wir müssen Geld sparen, lernen, nicht alles auszugeben, wir dürfen Betriebe aufmachen und verdienen richtig Geld“, schwärmt Viola Bitzer. Lilli Kasper fügt hinzu, es sei toll, verschiedene Berufe kennenzulernen. Und so ein Staat bietet eine ganze Bandbreite an Berufen an. Dabei wird versucht alles so realistisch wie möglich zu gestalten. Im Gericht gibt es richtige Gerichtsverhandlungen, die Polizei nimmt Anzeigen auf und kann Störenfriede in Verwahrung nehmen. Das Parlament tagt und das Arbeitsamt verteilt Stellen und händigt Wertmarken aus.

„Es ist toll, wesentliche Funktionen im Staat im kleinen Rahmen wiederzufinden“, so David Geiger. Er ist Besucher, zwei Söhne hat er im Schulzentrum: „Das Wirtschaftssystem, das Steuernzahlen, vieles ist so nah an der Realität.“ Besucherin Corina Keller findet die Begeisterung der Schüler toll: „Die Schüler lernen, wie Wirtschaft funktioniert.“ Michael Rau unterrichtet eigentlich Mathe und Deutsch, jetzt aber leitet er den Buchladen und die Bibliothek. „Das ist eine schöne Sache“, meint der Lehrer. Einziger Wermutstropfen: Der reguläre Unterricht trat zeitweise etwas in den Hintergrund. Normalerweise schreibe er vor den Herbstferien die Arbeiten, dieses Jahr schaffe er es aber nicht.

Heute und morgen sind Besucher willkommen

Projekt  Tobias Unger geht in die zwölfte Klasse und ist jetzt Präsident der United School of Raichberg (USR). So heißt das Schul-Zentrum in Ebersbach eine Woche lang während des Projekts „Schule als Staat“ (SaS). Vor mehreren Jahren gab es SaS bereits am Raichberg-Gymnasium, dieses Mal ist auch die Raichberg-Realschule am Projekt beteiligt.

Besuch Gäste sind willkommen, heute von 8.30 bis 19 Uhr und am Donnerstag von 8.30 bis 16 Uhr. Eintritt 2,50 Euro ab neun Jahren, 1,50 Euro von sechs bis neun Jahren, Jüngere frei.

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