Freizeit „Sonnenwirtle“ wieder zum Leben erweckt

Bei einem Zwischenstopp im  Rathaus erörterte Stadtarchivar Uwe Geiger bei einem erfrischenden Getränk das Thema „Schandgeige“. Anprobieren wollte sie aber niemand.
Bei einem Zwischenstopp im  Rathaus erörterte Stadtarchivar Uwe Geiger bei einem erfrischenden Getränk das Thema „Schandgeige“. Anprobieren wollte sie aber niemand. © Foto: Patricia Jeannette Moser
Ebersbach / Patricia Jeannette Moser 07.08.2018
Sommer der Verführungen: In Ebersbach wurde beim Rundgang mit Stadtarchivar Uwe Geiger die Historie um den „Sonnenwirtle“ lebendig.

Gut fünfundzwanzig interessierte Besucher folgten der Einladung zum Stadtrundgang auf den Spuren des „Sonnenwirtle“ von Ebersbach. „Das Interesse an dieser Veranstaltung ist sehr groß“, so Stadtarchivar Uwe Geiger. Keiner der Angemeldeten blieb wegen der drückenden Hitze weg.

Und keiner bereute es, denn Stadtarchivar Uwe Geiger fesselte seine Gäste von Anfang an. Er führte vom Stadtmuseum „Alte Post“ aus durch die Gassen von Ebersbach. Abschließendes Ziel war das Gasthaus Hecht, wo ein „Henkersmahl“ den passenden Schlusspunkt bildete. Der Archivar erläuterte zunächst den anstehenden Stadtrundgang am Modell in der Vitrine. Der Blick ruhte dabei auf den örtlichen Gegebenheiten in Verbindung mit der Fils und der damaligen Geschichte und Gesellschaftsstruktur. Die Dauerausstellung „Sonnenwirtle von Ebersbach“ im Raum nebenan kann das ganze Jahr über besucht werden. Ein Aufzug macht die Unternehmung barrierefrei. Drei Leseempfehlungen führten ins Thema ein. Manche Besucher hatten sich bereits mit dem literarischen Werk befasst, wie die Äußerungen und Fragen der Teilnehmer erkennen ließen.

Johann Friedrich Schwahn (1729-1760) war bekannt als Frieder, Fritz oder das Sonnenwirtle, mit einer Neigung zum Jähzorn. Als Sohn des Wirts vom Gasthaus Sonne erhielt er diesen Spitznamen. Der Vorname Johann spielte zu seiner Zeit keine große Rolle. „Vielen Zeitgenossen wurde der Name Johann dem Zweitnamen  vorangestellt und erst dieser fand alltägliche Verwendung und Bedeutung“, erklärte Uwe Geiger. Unterhalb der Veitskirche mit ihrer trutzigen Kirchenmauer wird Friedrich Schwahn in seinen Ausführungen bereits lebendig und seine Persönlichkeit gewinnt für die Besucher an Form. Als intelligent wird er beschrieben. Der Sohn des Sonnenwirts lernt gut auswendig, eine gängige Lehrmethode für lange Zeit, und überzeugt damit noch in der Untersuchungshaft in Vaihingen/Enz, wo er sein Ende findet.

1742 wird Friedrich Schwahn zur Halbwaise, die Mutter stirbt. Ein Vater-Sohn-Konflikt führt dazu, dass der Vater den schwierigen Jungen in die Hände des Pfarrers gibt, während er erneut heiratet. Im Pfarrhaus wohnt Friedrich eine Zeitlang. Die abendliche „Verführungs-Truppe“ blickt hinauf am Gebäude und erspäht die Studierstube des Pfarrers. Hier befinden sich seinerzeit wertvolle kirchliche Gegenstände, die Frieder später stiehlt. Aberglaube wird Frieder heute bescheinigt. Einen „Schutzbrief“ trägt er stets bei sich. Solche werden auf Jahrmärkten verkauft, wie ein interessierter Teilnehmer erfragt. Käufliches Seelenheil hat auch für ihn Bedeutung in dieser Zeit.  Frieder Schwahns Persönlichkeit entsteht bildhaft für die Zuhörer in den Gassen von Ebersbach. „Wir erwandern das romantische Ebersbach“, so eine Dame zu ihrer Begleitung beim Blick auf enge Gassen und Fachwerk. Der Gang auf den authentischen Wegen und die Ausführungen von Uwe Geiger verfehlen ihre Wirkung nicht.

Friedrich Schwahn, offensiv und jähzornig, wird als Rebell beschrieben. Ebersbach mag ihn nicht und hätte ihn schon mit 21 Jahren gerne los. Er wendet sich zu diesem Zeitpunkt noch der Bürgerlichkeit zu, indem er Christine Müller, eine Taglöhnertochter, heiraten will. Weder Vater noch Pfarrer stimmen der Verbindung zu. Zahlreiche Raufereien, Diebstähle und später auch Morde bringen ihn vor Gericht und ins Zuchthaus. Erfolgreiche Ausbrüche machen ihn zum „Ausbrecherkönig“ seiner Zeit. Der Weg führt ihn oft nach Ebersbach zurück.

Steckbrieflich wird er gesucht, Kopfgeld wird ausgesetzt auf ihn und er wird „vogelfrei“. Friedrich Schwahn schließt sich in seiner Räuberkarriere einer Zigeunerbande an und freit die „schwarze Christine“. Die Namensvetterin Christine Müller aus Ebersbach wird die „blonde Christine“ genannt. Ein Generalgeständnis in Vaihingen/Enz, wo er schließlich doch noch gefasst wird, führt dazu, dass sein ganzes Umfeld in die Bestrafung mit einbezogen wird. Die schwarze Christine wird gehängt, die blonde Christine kommt ins Zuchthaus.

Eine kurze Einkehr im Rathaus bringt der Wandertruppe eine willkommene Erfrischung mit Getränken und eine anschauliche Erläuterung des Strafinstruments „Schandgeige“. Keiner will sie mal ausprobieren. Der Weg hin zum geplanten „Henkersmahl“ im Gasthaus Hecht führt zum Geburtshaus von Friedrich Schwahn, zum Gasthaus Sonne. Nahe des Viehmarktes hatte der Vater, der aus Boll stammte, einen idealen Standort für seine Wirtschaft gewählt. Beste finanzielle Bedingungen durch Geburt nützen dem jungen Friedrich Schwahn wenig. Er findet sein Ende auf dem Rad. Diese sehr schmerzvolle Todesstrafe wird am Filsufer eindrücklich erklärt. Die Gäste schaudert sichtlich bei der Vorstellung von so großer Grausamkeit.

Die Endstation der Veranstaltung scheint schnell erreicht nach gut eineinhalb kurzweiligen Stunden. Im Gasthaus Hecht wartet die „Henkersmahlzeit“ mit eingebrannter Grießsuppe, Kapaun mit Knöpfle und Wurzelgemüse. Nonnenfürzle runden als Dessert ab. Friedrich Schwahn selbst begnügt sich am 13. Juli 1760, 31-jährig, wohl mit einem kleinen Glas Wein „gefasst und geläutert“, wie die Überlieferung weiß.

Info Unter dem Link https://www.sommer-der-verfuehrungen.de/programmheft-2018/ können sich die Leser über freie Plätze bei kommenden Veranstaltungen, aber auch über ausgebuchte oder abgesagte Veranstaltungen informieren.

Friedrich Schwahn in der Literatur

Lesestoff Stadtarchivar Uwe Geiger hat einige Leseempfehlungen zum Sonnenwirtle von Ebersbach:

Hermann Kurz: Der Sonnenwirt (geschrieben im 19. Jahrhundert), erhältlich in Antiquariaten, zuletzt verlegt im Jürgen Schweier Verlag.

Hermann Donner: Der Sonnenwirtle von Ebersbach (aus dem 18. Jahrhundert), ein Reprint der Erstausgabe von 1929, im Jahr 1977 erschienen, erhältlich im Stadtmuseum.

Eva Württemberger: Das Sonnenwirtle Friedrich Schwahn und seine Braut (das aktuellste Werk von 2016), Gmeiner Verlag, ebenfalls  im Stadtarchiv Ebersbach erhältlich.

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