Schorndorf / Leonhard Fromm  Uhr
Autoren kritisieren die touristische Vermarktung der Gartenschau und erhalten Zuspruch von Naturschützern.

Massive Kritik trübt wenige Tage nach Eröffnung der Rems­tal-Gartenschau die Euphorie über das Freiluftevent entlang der teils renaturierten Rems von Essingen im Ostalbkreis bis nach Remseck bei Ludwigsburg. Naturschützer beklagen, dass für viele Bauten in Naturschutzgebieten erst nachträglich Ausnahmegenehmigungen erwirkt wurden und etliche touristische Angebote wie Kanufahren auf der Rems Wassertiere und Botanik zusätzlich stressen.

Seit Freitag ist die erste interkommunale Gartenschau Deutschlands im Remstal geöffnet. Neue Rad- und Wanderwege und eine Kanuroute: 16 Gemeinden an der Rems bieten bis 20. Oktober weit mehr als Blumen.

Einer der Wortführer ist Manfred Hennecke aus Remshalden. Der promovierte Biochemiker engagiert sich seit seiner Kindheit für Insekten und ist seit 1981 einer von 40 ehrenamtlichen Naturschutzwarten, die etwa im Frühjahr Art und Anzahl der Pflanzen in den sechs Naturschutzgebieten im Rems-Murr-Kreis erfassen und im Herbst die Kulturlandschaft „ausmägern“, das heißt Flächen mähen oder Gehölze freischneiden.

Mit Manfred Krautter aus Plüderhausen, der einer von vier ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten des Nachbarlandkreises ist, hat der 66-Jährige im Eigenverlag rechtzeitig zur Eröffnung der Gartenschau das Buch „Naturraum Remstal“ herausgebracht. In dem Oberkapitel „Siedlungsgeschichte“, die 5000 Jahre zurückreicht, befassen sich die Autoren kritisch mit der aktuellen Remstal-Gartenschau. Hennecke: „Die Macher sagen ja richtig, wie 1904 erstmals urkundlich erwähnt, dass das Remstal ein Garten ist – aber sie gehen nicht durchweg pfleglich mit ihm um.“

Skywalk im Steinbruch war geplant

Seine Beispiele: Im Steinbruch bei Neckarrems, wo noch Uhus nisten, sei ursprünglich ein Skywalk geplant gewesen. Ähnliche Projekte seien nur durch massive Intervention von Naturschützern verhindert worden, „weil clevere Werbestrategen den sogenannten Außenbereich entdeckt haben“. Viele Bürgermeister seien unkritisch gewesen, so der Vorwurf, und hätten nur die touristischen Aspekte gesehen.

So sei die Rems zwar vorbildlich renaturiert, zugänglich und erlebbar gemacht worden, zwischen Waiblingen und Weinstadt habe man aber eine Kanustrecke realisiert, was nicht nur die letzten Bisams dort belasten und letztlich vertreiben werde. Besonders die „weißen Stationen“, die mitten in die Landschaft und in Naturschutzgebiete gesetzt wurden, empören die Kritiker. Hennecke: „Das mag architektonisch alles hochwertig sein, der Natur dient es aber nicht.“

Cynthia Schneider kam zur Eröffnung der Remstal-Gartenschau als Einhorn – mit einem Bodypaint, also nur mit Farbe auf ihrer Haut. Dafür musste die Stadträtin der Linken ordentlich einstecken.

Sein Vorwurf: „Wir können demnächst keinen Naturschutz mehr machen, weil gar keine Natur mehr da ist.“ Die Bevölkerung unterliege dem Irrtum, im Wald Natur zu erleben. Tatsächlich handele es sich um vom Menschen gestaltetem Naturraum. Zuspruch auf ihr Buch und ihre Kritik an den kommunalen Machern erhalten Krautter und Hennecke per E-Mail, Briefe und Anrufe vor allem von gleichfalls kundigen Naturschützern, Gewässerwarten und Fischerei-Vereinsmitgliedern entlang der Rems. Diese schildern teils weitere Verfehlungen.

Doch Hennecke, der je 500 Pflanzen und Pilze, 200 Vogel-, 20 Amphibien- und zehn Reptilienarten unterscheiden kann, die er großteils im Landkreis noch vorfindet – „viele leider nur noch punktuell“, wie er einschränkt –, gibt sich versöhnlich: Ein Garten, im Sinn einer gestalteten Kulturlandschaft mit bis zu 1800 verschiedenen Pflanzen, sei das Remstal seit Jahrhunderten gewesen. Aktuell nehme diese Vielfalt „durch die industrielle Zerstückelung und Überdüngung der Böden aber massivst ab“. Die Gartenschau mit ihrer touristischen Erschließung der Außenbereiche statt Renaturierung der Kommunen sei ein zusätzlicher Stressfaktor für Pflanzen und Tiere.

Info „Naturraum Remstal“ beleuchtet auf 240 Seiten die Aspekte Geologie, Fluss- und Siedlungsgeschichte, Naturraumbelastung und Schutzgebiete. Das Buch (ISBN 978-3-948138-00-4) kostet 24,80 Euro und ist im Gartenschau-Shop in Schorndorf erhältlich.