Kinderhilfe „Muttertag ist für die Kinder im Kinderdorf ein Highlight“

Der neue Leiter des SOS-Kinderdorfs Oberberken, Rolf Huttelmaier,  hat mit seiner Frau zehn Pflegekinder aufgenommen.
Der neue Leiter des SOS-Kinderdorfs Oberberken, Rolf Huttelmaier, hat mit seiner Frau zehn Pflegekinder aufgenommen. © Foto: Staufenpress
Schorndorf / Kristina Betz 12.05.2018

Rolf Huttelmaier ist neuer Leiter des SOS-Kinderdorfs Württemberg in Schorndorf-Oberberken. Der 58-Jährige hat selbst mit seiner Frau 10 Pflegekinder aufgenommen. Er weiß: Der Muttertag hat für die Kinder im Kinderdorf eine besondere Bedeutung. Zum Tag der offenen Tür und der Hocketse kommen jedes Jahr bis zu 3000 Interessierte.

Wie ist ihr Werdegang, wie kamen Sie ins SOS-Kinderdorf nach Oberberken?

Ich war nach dem Abitur unentschlossen, ob ich Maschinenbau oder Sozialpädagogik studieren möchte. So entschloss ich mich, im Rahmen des Zivildienstes in einem Kinderheim im Heilbronner Raum im Gruppendienst einer Wohngruppe mitzuarbeiten. Eines Tages fehlten mir 20 Mark im Geldbeutel und ganz schnell war klar, dass das nur der 12-jährige Josef gewesen sein konnte. Für mich als junger Mensch brach eine Welt zusammen: Ich hatte zu Josef doch eine sehr gute Beziehung aufgebaut und nun so etwas. Im Gespräch versuchte ich Josef zu vermitteln, dass eine vertrauensvolle Beziehung und bestohlen werden für mich nicht zusammenpassen. Und in diesem Moment lernte ich eine der wichtigsten Lektionen in meinem Leben: Josef vermittelte mir, dass das Vertrauensangebot von mir überhaupt nichts Verlässliches ist und ich ihn sowieso zum Ende des Zivildienstes wieder „verlassen“ werde.

Wie prägte Sie dieses Erlebnis?

Dieses Erlebnis ließ mir als junger Mensch keine Ruhe mehr. Ich entschloss mich zum einen für das Studium der Sozialpädagogik, zum anderen heiratete ich eine junge Frau, die schon immer Kinderdorfmutter werden wollte. So entschlossen sich meine Frau und ich nach meinem Studium, Pflegekinder in unsere Familie auf zu nehmen. Innerhalb von kurzer Zeit lebten wir mit 6 Pflegekindern zusammen, inzwischen sind es 10 Kinder, die unsere Pflegefamilie als zweites Zuhause erleben. Auf dem Hintergrund des „Josef-Erlebnisses“ bewarb ich mich später beim SOS-Kinderdorf Württemberg und arbeite nun seit knapp 25 Jahren dort.

Welche Bedeutung hat Muttertag für die Kinderdorf-Kinder?

Der Muttertag ist für die Kinder, die im Kinderdorf leben, ein Highlight im Jahresablauf. Sie helfen beim Aufbau und am Muttertag selbst und sie freuen sich, wenn ihre Eltern und andere junge Erwachsene zu Besuch kommen, die früher im Kinderdorf lebten.

Ist der Muttertag ein fröhlicher Tag für die Kinder, oder wird manchen Kindern gerade an diesem Tag bewusst, was schlecht läuft im Verhältnis mit der Mutter?

Ihre Frage zielt im Grunde genommen darauf, wie die Kinder mit den Welten, in denen sie leben, klar kommen. Den Kindern im SOS-Kinderdorf Württemberg geht es dann gut, wenn es gelingt, dass die SOS-Kinderdorfmütter und die Erzieher zu den Eltern der Kinder ein wertschätzendes Verhältnis aufbauen können. Dies ist ein ganz zentraler Fokus in unserer Arbeit und es gelingt auch in den allermeisten Fällen, dies umzusetzen.

Welche Rolle spielt das Verhältnis zu den leiblichen Eltern bei der Entwicklung der Kinder?

Der deutsche SOS-Kinderdorf-Verein untersucht im Rahmen einer Längsschnittstudie die Faktoren, die eine stabile Entwicklung der jungen Menschen ermöglichen. Die gute Ebene der Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie ist hier Wirkfaktor Nummer eins in Verbindung mit der Klärung der sozialen Zugehörigkeit von jungen Menschen.

Was brauchen Kinderdorf-Kinder an Muttertag besonders?

Dass nicht nur andere Kinder Besuch haben, sondern auch sie selbst, am besten von ihren Angehörigen.

Man hört immer nur von Kinderdorf-Müttern, gibt es denn auch Kinderdorf-Väter?

Den klassischen SOS-Kinderdorfvater gibt es deutschlandweit aktuell nur einmal, obwohl alle Stellenausschreibungen immer auf SOS-Kinderdorfmutter/SOS-Kinderdorfvater lauten. Im SOS-Kinderdorf Württemberg leben zwei SOS-Kinderdorfmütter mit ihren Ehemännern und leiblichen Kindern mit jeweils fünf SOS-Kinderdorfkindern unter einem Dach. Die Ehemänner sind Teil der Lebensgemeinschaft der SOS-Kinderdorf-Familie, gehen allerdings einer externen Berufstätigkeit nach.

Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Aspekt in der Arbeit des SOS-Kinderdorfs?

Die Gestaltung von tragfähigen Beziehungen und gesunden und passenden Bindungsangeboten. Erziehungsarbeit ist Beziehungsarbeit. Erziehung braucht geklärte Beziehungen unter den   verantwortlichen Erwachsenen. Erziehungsarbeit heißt, an Zukunftsperspektiven, mit den Ressourcen der jungen Menschen zu arbeiten.

Worauf legen Sie den Fokus in ihrer Funktion und Arbeit als Kinderdorf-Leiter?

Wenn es den Erwachsenen im SOS-Kinderdorf gut geht, dann geht es auch den Kindern gut. Erziehende brauchen gesunde und förderliche Rahmen- und Arbeitsbedingungen, für die ich in meiner Verantwortlichkeit der Leitung zu sorgen habe. Und ich trage im Blick auf die Problem- und Bedarfslagen unserer Gesellschaft die Verantwortung, passende Angebote für junge Menschen und deren Familien weiterzuentwickeln. In den vergangenen zwei bis drei Jahren waren dies die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, darunter Kinder mit 10 und 12 Jahren, denen wir einen möglichst sicheren Lebensort bieten.

Was bedeutet Familie für Sie?

Für mich ist Familie der Ort, an dem junge Menschen gesunde und förderliche Bedingungen für ihre persönliche Entwicklung erleben und zuverlässige Bindungen entwickeln können.

Seit 40 Jahren wird an Muttertag ein Tag der offenen Tür mit Hocketse zelebriert

Hocketse und Tag der offenen Tür an Muttertag von 11 bis 17 Uhr im  SOS-Kinderdorf Württemberg in Schorndorf-Oberberken. Unter anderem gibt es eine Spielstraße, Kinderschminken, Verlosung, Eselreiten, Luftrutsche, Hüpfburg, Spiel- und Bastelangeboten im Kindergarten sowie viele andere Aktionen. Ein großer Bücherflohmarkt bietet Auswahl an Literatur.

Information Interessierte können sich über die Arbeit des SOS-Kinderdorfes Württemberg  informieren. Besucher haben die Gelegenheit, Kinderdorfhäuser zu besichtigen und mit Kinderdorfmüttern und Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen.

Besuch Gegen 14 Uhr ist der Besuch eines VfB-Profis vorgesehen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel