Kirche „Mit Schwäbisch kommt mehr an“

Friedemann Binder war 14 Jahre Pfarrer in Wangen.
Friedemann Binder war 14 Jahre Pfarrer in Wangen. © Foto: x
Wangen / Kristina Betz 09.09.2017

Im Rahmen der „Kirbe & Kunst im Dorf“ am Sonntag hält Wangens Pfarrer im Ruhestand, Friedemann Binder, um 10 Uhr seine „schwäbische Kirch“ in der Oberwälder Kirche ab. Seit 1991 finden Binders Gottesdienste in Mundart statt. Das Thema der Predigt am Sonntag ist aktuell und polarisierend.

Herr Binder, Sie haben sich ein in der Kirche kontrovers diskutiertes Thema für ihre „schwäbische Kirch“ ausgesucht. Wieso?

Friedemann Binder: Ich habe mich gefragt: Können wir homosexuellen Paaren den göttlichen Segen geben? Dabei habe ich mir die Schöpfungsgeschichte nochmal näher angesehen. Gott gab allen Lebewesen, die er schuf, seinen Segen. Das ist wie seine Unterschrift unter der Schöpfung. Egal wie groß die Unterschiede zwischen Menschen sind, allen gilt der göttliche Segen, jedem gilt diese Signatur.

Damit treffen sie in der Kirche auch auf Widerspruch. Was glauben Sie, woher kommt die Ablehnung?

Man muss wissen, dass Homosexualität bis in die 70er-Jahre noch unter Strafe stand. Da gibt es rein geschichtlich begründet noch einen Bodensatz an Ablehnung. Damals musste man die Paarung von Mann und Frau als das oberste Prinzip sehen. Kinder waren die einzige Altersversicherung.

Wo liegen die Unterschiede der evangelischen und katholischen Kirchen im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren und deren Eheschließung?

In der katholischen Kirche ist die Ehe ein Sakrament. In der evangelischen nicht. Nach dem Verständnis der evangelischen Kirche ist die Ehe ein weltlich Ding, die Kirche gibt ihr nur den göttlichen Segen.

Sie halten ihren Gottesdienst auf schwäbisch ab. Erreichen Sie die Menschen so besser?

In einer anderen Sprachform verstehen viele plötzlich Dinge, die sie vorher nicht verstanden haben, obwohl sie den Psalm schon oft gehört haben. Beim schwäbischen Sprechen kommt etwas anderes und oft mehr an. In der Hochsprache sind Begriffe wichtig, in der Mundart mehr Prozesse, Bilder und Geschichten.

Wie kamen sie darauf, die „schwäbische Kirch“ einzuführen?

Mir wurde in der Oberstufe die Mundart ausgetrieben. Meine dörfliche und sprachliche Herkunft wurde verhohnepipelt. Schüler vom Dorf wurden regelrecht gemobbt. Als ich dann nach 1977 als Pfarrer nach Wangen kam, traf ich mich mit einem Wangener, der an jenem Tag Geburtstag hatte. Und er sprach schwäbisch.

In einem einstündigen Gespräch hat er mich meine Heimatsprache wieder entdecken lassen. Das war ein Signal. In dem Dorf erinnerte ich mich an meine Muttersprache und meine Wurzeln zurück.

Wie hielt die wiederentdeckte Heimatsprache dann Einzug in ihren Gottesdienst?

Zunächst hielt ich nur die Predigten auf Schwäbisch ab. Die Reaktionen waren so offen, hell und freundlich.

Später führte ich die „schwäbische Kirch“ ein und hielt den ganzen Gottesdienst, von der Begrüßung über den Psalm und die Lieder bis hin zur Predigt, auf schwäbischer Mundart ab.

Zur Person

Pfarrer im Ruhestand

im Beirat der Regionalgruppe  Göppingen-Geislingen des Schwäbischen Heimatbundes

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