Gleichstellung „Frauen arbeiten anders als Männer“

In Sachen Gleichstellung gibt es noch viel zu tun, sind sich Heide Kottmann (links) und Lidwine Reustle einig. Im Interview machen sie eine Bestandsaufnahme und blicken in die Zukunft.
In Sachen Gleichstellung gibt es noch viel zu tun, sind sich Heide Kottmann (links) und Lidwine Reustle einig. Im Interview machen sie eine Bestandsaufnahme und blicken in die Zukunft. © Foto: Carlucci
Kreis Göppingen / Susann Schönfelder 12.01.2018
Nächstes Jahr feiert die Bundesrepublik 100 Jahre Frauenwahlrecht. Wie sieht es mit der Gleichstellung im Landkreis aus?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei eine stetige Baustelle, sagt Lidwine Reustle, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Seit einem Jahr kümmert sich die 35-Jährige um die Belange von Frauen und Männern – sowohl intern als auch extern. Unterstützt wird sie dabei vom Kreisfrauenrat.  Deren Vorsitzende Heide Kottmann sieht in der Wirtschaft durchaus Bewegung, was die Gleichstellung bei der Besetzung von Führungspositionen betrifft. Dennoch sind sich beide Frauen einig: Es gibt noch viel zu tun. Im Interview machen Reustle und Kottmann eine Bestandsaufnahme, blicken ins neue Jahr und würdigen „Heldinnen des Alltags“, die im Verborgenen tagtäglich Großartiges leisteten.

Frau Reustle, Sie sind nun seit etwa einem Jahr Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Was haben Sie bisher angestoßen oder umgesetzt?

Lidwine Reustle: (lacht) Viel. Das war ein volles Jahr. Meine Arbeit richtet sich ja nach innen und ­außen. Intern habe ich zunächst eine Bestandsaufnahme gemacht in Form einer Mitarbeiterbefragung. Dazu kamen Fortbildungen für Frauen und Männer sowie für Führungskräfte. Außerdem habe ich eine Postkartenaktion zum Frauen- und zum Männertag organisiert. Ziel ist immer, Menschen für diese Themen zu sensibilisieren.

Was war das Ergebnis der Mitarbeiterbefragung?

Reustle: Sowohl männliche als auch weibliche Befragte sehen ihren größten Fortbildungsbedarf bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Außerdem wünschen sich die meisten mehr Frauen in Führungspositionen innerhalb der Verwaltung. Das sind die Schlüsselerkenntnisse aus der Befragung. Extern habe ich Projekte mit verschiedenen Kooperationspartnerinnen durchgeführt. Hauptthemen waren dieses Jahr der berufliche Wiedereinstieg, die Familienfreundlichkeit von Unternehmen sowie die Digitalisierung. Ich habe auch Öffentlichkeitsarbeit zum Weltfrauentag und zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen gemacht. Bei diesen beiden Themen habe ich viel mit dem Kreisfrauenrat zusammen gearbeitet.

Heide Kottmann: Ja, das stimmt. Wir brauchen auch die Gleichstellungsbeauftragte, weil wir selbst keinen Etat haben. Im Kreisfrauenrat, der Dachorganisation aller Fraueninitiativen im Kreis, arbeiten ja ausschließlich Ehrenamtliche. Aber es ist nicht üblich, dass der Kreisfrauenrat bei der Gleichstellungsbeauftragten angesiedelt ist. Landrat Edgar Wolff unterstützt uns da sehr, auch finanziell.

Früher hieß die Stelle Frauenbeauftragte. Sind heute Männer und Frauen gleichermaßen diskriminiert?

Reustle: Hinter der Einsetzung einer Frauenbeauftragten steckte die Idee, gegen Diskriminierung von Frauen vorzugehen. Doch wenn die Arbeit fruchten soll, müssen wir alle mitnehmen. Der gesetzliche Auftrag lautet unter anderem, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten. Das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Und es gibt immer noch viele Strukturen, die diskriminierend sind.

Kottmann: Ohne die Männer schaffen wir das auch nicht. Der Begriff Gleichstellungsbeauftragte passt auch besser, weil er auch die Gender-Bewegung beinhaltet.

Wo sehen Sie konkret Handlungsbedarf?

Reustle: Die Rollenbilder müssen sich ändern, auch wenn das schwer zu durchbrechen ist. Die Sensibilisierung ist daher ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich kann das auch ein bisschen anders betrachten und hinterfragen, weil ich nicht aus der deutschen Kultur komme. Es stellt sich doch die Frage: Warum muss überhaupt jemand zu Hause bleiben, wenn Kinder da sind? Es ist schade, wenn jemand auf etwas verzichten muss und so nicht sein volles Potenzial ausschöpfen kann. Frauen sind sehr kompetent, sie arbeiten anders als Männer. Ein System, das nur nach männlichen Kriterien bewertet, übersieht die Stärke von Frauen. Ich denke deswegen, dass es zwingend notwendig ist, dass Frauen lernen, wie das hierarchische System funktioniert.

Kottmann: Beim Thema Führungspositionen hat sich schon einiges getan. Als Verfechterin der Quote sehe ich es sehr positiv, dass in den Aufsichtsräten heute wesentlich mehr Frauen sitzen. Viele Betriebe haben zudem erkannt, dass mit einer Frau an der Spitze eine andere Atmosphäre herrscht. Das zahlt sich aus.

Es gibt immer noch klassische Männer- und klassische Frauenberufe. Ist das ein Thema für Sie?

Reustle: Im Erziehungsbereich brauchen wir auf jeden Fall mehr Männer. In Kindergarten und Grundschule gibt es viel zu wenig Männer, aber hier werden die Kinder geprägt. Die Kinder sehen, dass Erziehung Frauensache ist. Hier spielt die Bezahlung natürlich eine große Rolle – wie im sozialen Bereichen allgemein.

Inwieweit sind Sie mit Themen wie sexuellen Missbrauch oder Gewalt, in erster Linie gegen Frauen,  befasst?

Reustle: Wir wollen den Runden Tisch für ein gewaltfreies Zuhause wieder starten. Der Austausch ist einfach wichtig. Wir wollen schauen, wo gibt es schon Institutionen, wo gibt es noch Lücken. Das wird in diesem Jahr ein ­großes Projekt mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Göppingen. Es gibt beispielsweise keine mir bekannte Beratungsstelle für Täter. Ich fände es wichtig, dieses Thema anzugehen und auch Täter abzuholen. Denn jeder Täter, der so weitermacht, sorgt für mehr Opfer.

Kottmann: Es gibt da bisher keine psychologische Hilfe. Es geht aber auch darum, Frauen zu sensibilisieren, ihre Männer bei Gewalt anzuzeigen. Das ist eine Mammutaufgabe.

Frau Reustle, Sie sind Ansprechpartnerin für Frauen innerhalb der Landkreis-Verwaltung, aber auch für die Bürger im Landkreis. Wie oft sind Sie gefragt?

Reustle: Intern geht es häufig um Fragen um Mutterschutz, Teilzeit in der Elternzeit oder die Anmeldung einer Behinderung – was ich weiterleiten muss, da es nicht zu meiner Aufgabe gehört. Extern geht es oft um den Wiedereinstieg in den Beruf. Da gebe ich dann Adressen von Beratungsangeboten weiter. Wir hatten auch schon Verfahren wegen Diskriminierung, aber da muss man dann schauen, ob es sich um eine Diskriminierung wegen des Geschlechts handelt. Wenn nicht, ist der Personalrat gefragt.

Wie teilen Sie sich die Arbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Göppingen?

Reustle: Das sind ja zwei komplett unterschiedliche Verwaltungen. Es gibt daher unterschiedliche Zuständigkeiten, aber wir tauschen uns aus bei gemeinsamen, landkreisweiten Projekten.

Kottmann: Die Gleichstellungsbeauftragten sind auf jeden Fall ein Gewinn für den Landkreis. Wir sind froh, dass wir sie haben.

Zwei Frauen mit viel Erfahrung

Lidwine Reustle wurde vor 35 Jahren in Benin in Westafrika geboren. Mit 18 ging sie nach Aachen, um BWL zu studieren – und blieb. Seit einem guten Jahr ist sie die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Lidwine Reustle ist verheiratet und wohnt in Ostfildern. Vor ihrem Amtseintritt hat sie Berufserfahrung sowohl in der privaten Wirtschaft als auch als Selbstständige gesammelt.

Heide Kottmann ist seit dem Frühjahr vergangenen Jahres wieder Vorsitzende des Kreisfrauenrats. Sie hatte dieses Amt schon einmal, musste es aus beruflichen Gründen jedoch abgeben. Heide Kottmann ist verheiratet und lebt in Eislingen, dort war sie 20 Jahre lang Stadträtin. Sie ist Kreisvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF). Neben ihrer politischen Tätigkeit ist sie auch im sozialen Bereich tätig: Heide Kottmann ist ehrenamtliche Betreuerin und ehrenamtliche Bewährungshelferin.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Kreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ startet aus diesem Anlass eine Porträtreihe über „Heldinnen des Alltags“, die oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob es die Kindererziehung ist oder die Pflege der Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin oder Sportlerin – „wir wollen Frauen hervorheben und so die Gleichstellung unterstützen“, sagt Lidwine Reustle, Gleichstellungbeauftragte des Landkreises. „Es gibt viele Frauen, die zu Hause eine Monsterarbeit leisten. Wir wollen versteckte Heldinnen zeigen und würdigen“, fügt sie hinzu.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel