Die Synode der Landeskirche hat eine scharfe Beschränkung von Waffenexporten gefordert,  insbesondere ein Exportverbot von Kleinwaffen zu militärischen Zwecken. Am Entstehungsprozess dieser Erklärung war der Heininger Pfarrer Hauff beteiligt.

Herr Pfarrer Hauff, die Waffenfabrik Heckler & Koch hat erklärt, nicht mehr in fragwürdige Staaten exportieren zu wollen. Was dachten Sie, als Sie das hörten?

Ich sehe zunächst wenig Anlass, dem zu glauben. Wir haben relativ strenge Waffenexportgesetze. Nur hapert es an der Kontrolle. Das ist, als ob man auf der B 10 nicht mehr blitzt, sondern die Geschwindigkeit schätzt. Und nachher sagt der Fahrer, reden wir mal über meine Geschwindigkeit. Heckler & Koch hat laut ARD Waffen nach Mexiko illegal geliefert. Als Jürgen Grässlin Strafanzeige gestellt hat, die fünf Jahre lang unbearbeitet blieb – was hat Heckler & Koch gemacht? Ihn verklagt wegen Veröffentlichung von Betriebsinterna.

 Man kann die Erklärung der Waffenfirma im Zusammenhang sehen mit der Erklärung der Landeskirche gegen Waffenexporte.

Das mag schon sein, dass es auch eine Reaktion darauf war. Es gibt auch die Aktion Aufschrei – stoppt den Waffenhandel. Es gab einen ARD-Themenabend vor einigen Monaten.

 Die Erklärung der Synode beruhte auf dem Entwurf einer Kommission, in der sie saßen. Was wollte sie bewirken?

Ursprünglich war es die Rüstungskonversion, also die Umstellung der Waffenfabriken auf zivile Produktion.

Ist so etwas realistisch?

In England fabriziert eine Firma jetzt Elektronik für Rettungsfahrzeuge statt für Panzer. Eine deutsche hat von Waffen auf Windkraftkomponenten umgestellt. Heckler & Koch hat nach dem Krieg Nähmaschinen und feinmechanische Werkzeuge hergestellt.

Wenn das so einfach geht …

Einfach ist es nicht. Ein Vertreter der Rüstungsindustrie hat uns gesagt: Deren Profitrate sei sehr hoch, wohl die höchste in der legalen Industrie. Und die Chefs fühlten sich mächtig. Es sei ambitioniert, dem entgegen zu­ wirken.

Das hat Sie nicht entmutigt.

Wenn das Image der Waffenindustrie in den Keller geht, bewirkt das was. Unser Gedanke war: eine öffentliche Kampagne für Rüstungskonversion. Die Kirche übernimmt eine Moderatorenrolle, der Staat hilft bei der Umstellung mit Steuererleichterungen. Gerade Württemberg ist eine ausgesprochene Waffenschmiede. Heckler & Koch, Waffenfabriken am Bodensee, in Ulm. Aus Württemberg wird viel Tod exportiert!

Aber dann bekam die Kirchenleitung Angst vor der eigenen Courage.

Sie erklärte das Ziel für zu komplex und beschränkte das Thema auf Rüstungsexporte. Schade.

 Wie steht denn die Kirche zur Waffenproduktion? Sie müsste doch sagen: Schwerter zu Pflugscharen.

Sicher. Als Jesus von römischen Soldaten verhaftet wird, einen Tag vor seiner Hinrichtung, haut einer der Jünger einem Soldaten ein Ohr ab. Jesus sagt: Steck dein Schwert wieder ein. Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Nur tut sich die Landeskirche schwer damit. Auch im Kirchenvolk ist das umstritten. Aber die Diskussion ist in den vergangenen Jahrzehnten vorangekommen.

Sie gehören zur christlichen Friedensbewegung, Sie engagieren sich für Frieden schaffen ohne Waffen. Nur: wie soll’s funktionieren?

Es gab und gibt viele gewaltfrei gelöste Konflikte. Eine Studie hat über 100 Konflikte untersucht und kommt zum Ergebnis: Gewaltfrei ist erfolgreicher, das kostet kein Menschenleben und ist viel billiger. Militär kostet viel Geld. Das fehlt armen Staaten schon in Friedenszeiten für Ernährung, Bildung und Gesundheit. Uns kostet es auch was.

Was machen Sie ohne Waffen gegen Kriegsherren, Gewaltherrscher, Bürgerkriege, Invasion? Gegen den IS?

Sprechen, diskutieren. Es gibt einen zivilen Friedensdienst der Bundesrepublik, ganz offiziell, das sind hochqualifizierte Leute.

Würde der IS mit denen sprechen wollen?

Todenhöfer ist auch zum IS gegangen.

Das sind religiöse Fanatiker. Die wollen töten.

Mit Religion haben die meisten dieser Leute ganz wenig am Hut. Viele haben psychische Deformationen. Die Kernbestände sind über Nacht arbeitslos gewordene Soldaten des Irak. Sie bräuchten eine vernünftige berufliche und Lebensperspektive.

Und Putin? Sein Zündeln in der Ukraine? Seine Bomber in Syrien?

Putin fühlt sich von der Nato bedrängt, weil sie ihr Versprechen, sich nach 1990 nicht nach Osten auszudehnen, gebrochen hat. Hätte man mit ihm gesprochen.

Die Erklärung der Landessynode gegen Waffenexporte hat eine lange Vorgeschichte. Wie fing das an?

Der Weltkirchenrat hat im Jahr 2000 eine Friedensdekade ausgerufen, gegen Gewalt auf allen Ebenen: zwischen Staaten, durch die Wirtschaft, in der Familie, und nach deren Ablauf 2011 eine Friedenskonferenz einberufen. Ich habe damals als Pfarrer vom Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung in Stuttgart gesagt, da sollten wir als Landeskirche dabei sein. So konnte eine zehnköpfige Delegation aus ganz unterschiedlichen Bereichen nach Jamaika­ fliegen.

Eine Urlaubsinsel.

Ein armes Land mit einem Übermaß an Gewalt. Wir wollten nicht nur auf den Unicampus in Kingston, wo die Konferenz tagte, wir sind eine Woche durchs Land gereist und haben faszinierende Initiativen gesehen. Eine Ex-Bankchefin, die eine Mensa aufmacht für hochtraumatisierte Kinder und so erreicht, dass die Eltern sie zur Schule schicken statt dass sie betteln müssen. Ein Pfarrer, der die Jugend-Gangs von der Straße holt. Sie müssen ihre Waffen an der Kirchentür abgeben.

Eine andere Welt.

Die Schattenseite der westlichen Wirtschaft. Die Konferenz hat bewusst gemacht, wie Gewalt ausgeübt wird. Dass wir täglich über 50 000 Hungertote produzieren. Zum Beispiel werden Kleinbauern vertrieben, weil Fonds in Ackerland investieren. Auch jede Kirche der Welt investiert in Fonds. Um auch meine Rente zu sichern. Aber es gibt gute Alternativen.

Mit diesen Eindrücken kamen Sie­ zurück.

Wir haben uns Gedanken gemacht: Was tun wir weiter? Der Oberkirchenrat hat dann eine Kommission zum Thema Rüstungskonversion eingesetzt.

Wie fühlt man sich als Einzelkämpfer gegen die mächtige Waffenlobby?

Ich bin einer von vielen und schätze es, dass mir die Landeskirche Freiräume gibt. Heute sind 80 Prozent der Bevölkerung gegen Waffenexporte. Man muss dicke Bretter bohren. Dass ich Vater bin, hat mich bestärkt im Engagement gegen Rüstung und für Entwicklungspolitik.

Zur Person: Reinhard Hauff


Reinhard Hauff (57) ist Gemeinde­pfarrer von Heiningen, Friedensbeauftragter des Kirchenbezirks und damit auch im Vorstand des Sozialen Friedensdienstes (SFD) in Göppingen. Er engagiert sich in Friedensorganisationen wie „Ohne Rüstung Leben“. Hauff ist verheiratet und hat vier Söhne.