Medizin „Ein Quantensprung für Patienten“

Professor Stefan Riedl erklärt anhand einer Präsentation die neuartige OP-Methode, die für Darmkrebs- Patienten sehr schonend ist.
Professor Stefan Riedl erklärt anhand einer Präsentation die neuartige OP-Methode, die für Darmkrebs- Patienten sehr schonend ist. © Foto: Staufenpress
Kreis Göppingen / Susann Schönfelder 17.08.2018
Mehr als 60.000 Menschen erkranken pro Jahr bundesweit neu an Dickdarmkrebs. Die Klinik am Eichert gehört zu den ersten 50 Kliniken, die solche Tumore jetzt mit einer neuen Methode operiert.

Dickdarmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung – nach Brustkrebs bei der Frau und Lungenkrebs beim Mann. Die Zahlen sind alarmierend: Pro Jahr gibt es mehr als 60.000 Dickdarmkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland, rund die Hälfte der Tumoren befindet sich im Enddarmbereich.

„Die meisten Patienten brauchen eine OP“, sagt Professor Stefan Riedl, Geschäftsführender Chefarzt der Allgemeinchirurgischen Klinik und Leiter des Darmkrebszentrums in der Klinik am Eichert.

Damit die Operation möglichst schonend für den Patienten ist, wurden die OP-Methoden in den vergangenen Jahren immer mehr verbessert und verfeinert. Große Bauchschnitte macht man heute kaum noch, vielmehr werde auch am Darm minimalinvasiv operiert, erklärt Riedl. Die Vorteile für den Patienten liegen auf der Hand: weniger Blutverlust, geringere Komplikationsraten, schnellere Erholung.

Schwierig, die Kurve zu kriegen

Der untere Bereich des Dickdarms, der Enddarm, war bis vor kurzem von dieser minimalinvasiven Methode ausgeklammert: „Hier ist es schwierig zu operieren, weil die räumlichen Verhältnisse sehr eng sind“, erläutert der Chefarzt. Die OP-Instrumente seien gerade, „es ist technisch eine Herausforderung, hier im unteren Bereich die Kurve zu kriegen“.

Eine neuartige Methode macht aber auch diese Operation möglich: Seit 2010 werde sie angewandt, im Jahr 2017 ergab eine Studie verschiedener Kliniken, dass dieses Verfahren jetzt ausgereift sei. „Wir wollten es auch einführen“, sagt Riedl, auch wenn die Methode aufwändig, sprich teuer, ist. „Ich musste schon Überzeugungsarbeit leisten“, fügt der Leiter des Darmkrebszentrums hinzu, dessen Spezialgebiet Tumoren im Enddarm sind. Betriebswirtschaftlich rechne sich diese aufwändige OP nicht, für den Patienten jedoch sehr wohl.

Seit wenigen Wochen ist die Klinik am Eichert nun in der Lage, dieses Verfahren anzubieten: Dabei werde mit speziellen Geräten in zwei Arbeitsgruppen mit doppelter technischer Ausstattung der Tumor entfernt, „ein Operateur kommt von oben, der andere von unten, und zwar gleichzeitig“, erklärt Riedl. Beide treffen sich in der Mitte. Er selbst habe sich darauf spezialisiert, von unten, also durch den Schließmuskel, zu operieren. Sein Kollege, Chefarzt Dr. Matthias Hahn aus der Geislinger Helfenstein-Klinik, übernehme den Part von oben. Noch sei diese Operation personengebunden, soll aber Schritt für Schritt ausgeweitet werden.

„Das Ziel ist, den Tumor ganz präzise, komplett und radikal sowie onkologisch korrekt zu entfernen“, betont Riedl.

Er bezeichnet die neue, Gewebe schonende und funktionserhaltende OP-Methode als „Quantensprung für den Patienten“, weil sie das letzte Mosaiksteinchen sei, um im Enddarm minimalinvasiv zu operieren. „Darauf haben wir schon ganz lange gewartet“, sagt Riedl. Durch die nur geringe Verletzung von Haut und Weichteilen müssten heute nur noch fünf Prozent der betroffenen Patienten dauerhaft mit einem künstlichen Darmausgang leben, früher sei es ein Drittel gewesen.

Der Chefarzt selbst hat in Leuven in Belgien erste Erfahrungen mit der neuartigen OP-Methode gemacht: „Ich habe an anatomischen Präparaten geübt und mir das Verfahren im OP angesehen“, erzählt der 57-Jährige, der seit 2005 Chefarzt am Eichert ist. Zur weiteren Vorbereitung hat er Operateuren in Regensburg über die Schulter geschaut.

Nun soll das Verfahren in der Klinik am Eichert etabliert werden. Riedl sagt, das Göppinger Krankenhaus gehöre zu den 50 ersten bundesweit, die diese Methode eingeführt haben. Insgesamt gebe es in Deutschland 1700 Kliniken und knapp 300 Darmkrebszentren.

Der Chefarzt rechnet in Göppingen mit etwa 30 Operationen im Jahr nach diesem neuartigen Verfahren. „Es kommt ja immer auf Lage und Größe des Tumors an. Für jeden Patienten kommt diese Methode daher nicht in Frage“, erklärt er.

Trotz hochwirksamer, schonender Operationsmethoden und guter Heilungschancen von Dickdarmkrebs appellieren Stefan Riedl und seine Kollegen, zur Vorsorge zu gehen: „Das ist das allerwichtigste.“ Frauen und Männer ab 50 Jahren sollten regelmäßig zum Check gehen, um Vorstufen frühzeitig zu erkennen. Dann wird auch die Zahl der Neuerkrankungen sinken.

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