Serie „Ein Kind gibt man nicht zurück“

Vera-Maria Schäfer lässt sich auch durch große Herausforderungen nicht aus der Ruhe bringen.
Vera-Maria Schäfer lässt sich auch durch große Herausforderungen nicht aus der Ruhe bringen. © Foto: Margit Haas
Bad Boll / Margit Haas 18.08.2018

Mich bringt nichts auf die Palme“, sagt Vera Schäfer. Ihr Gegenüber nimmt ihr dies ab. Ruhig und konzentriert berichtet die pensionierte Lehrerin aus ihrem Leben, von den Herausforderungen als engagierte Lehrerin und ihren vielfältigen Aufgaben als Mutter. Der Zuhörer ist überzeugt davon, dass sich die Bad Bollerin von keiner Situation, von keinem noch so schwierigen Schüler oder einem ihrer vier Kinder hat die Ruhe und Contenance rauben lassen. „Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme. Es sind die Kleinigkeiten, die mir Freude machen“. Die christliche Prägung seit der Kindheit spielt sicher auch eine Rolle. „Wir waren aber nie übertrieben fromm oder haben unsere Kinder gezwungen, in die Kirche zu gehen“.

Und dann schöpft Vera Schäfer natürlich Kraft durch ihre Kinder. Man telefoniert oder verbringt gemeinsame Urlaube in ihrer zweiten Heimat Frankreich. Als junge Frau verbrachte sie dort einen Aufenthalt als Au-Pair und telefoniert bis heute jeden Tag mit ihrer „Ersatzmutter“, die ihr in vielen Lebenslagen wichtige Gesprächspartnerin war. Die Liebe zu Frankreich bestimmte auch ihr Studium. Sie studierte Romanistik und Evangelische Theologie, hat ihre Berufstätigkeit nie aufgegeben. „Ich hatte Unterstützung im Haushalt“ und auch immer jemanden, der das lästige Kochen übernahm: „Ich habe viele Talente, Kochen gehört eindeutig nicht dazu“.

Schon als Mädchen, noch in der Schule in Hannover, hatte sie genaue Vorstellungen von ihrem Leben. Und vom Partner an ihrer Seite. „Mein Mann und ich waren schon in der 13. Klasse verlobt“, erzählt sie. Inzwischen sind es 48 Jahre, in denen sie als Paar viele Herausforderungen gemeinsam gemeistert haben. „Wir wollten natürlich Kinder haben. Wir wollten aber immer auch Eltern sein für Kinder, die keine Eltern haben“.

Nach ihrem Referendariat wurde Vera Schäfer schwanger, und die Schäfers stellten sofort auch einen Adoptionsantrag bei Terre des Hommes. Als ihr ältester Sohn ein Jahr alt war, „bekamen wir die Nachricht, dass Zwillingsmädchen in Seoul vor einem Waisenhaus abgestellt worden waren. Für uns war sofort klar: Das sind unsere Kinder!“. Es rührt an, wenn Vera Schäfer sagt: „Unsere Maike verstarb leider in Korea“. Obwohl sie sie nie gesehen hatte, betrachtet sie sie bis heute als ihr Kind. Das überlebende Mädchen wurde nach Deutschland gebracht und war sofort in den Familienverband aufgenommen. Geplant war nun, weitere Kinder zu adoptieren.

Die Bad Bollerin wurde aber wieder schwanger. „Ich hatte jetzt drei Kinder auf dem Wickeltisch“. Was andere Mütter an den Rand ihrer Kräfte gebracht hätte – Vera Schäfer meisterte dies in ihrer ruhigen Art. Und dann, neun Jahre später, „ist unser jüngster Sohn über den Lebensweg gekrabbelt“.

Vera Schäfer erinnert sich gut an den Anruf von Terre des Hommes. „Sie fragten, ob wir einen philippinischen Jungen während einer überlebensnotwendigen Operation in Tübingen betreuen würden“. Er litt an einer nasalen Enzephalozele. Dabei wird Gehirnwasser durch ein Loch in der Schädeldecke gedrückt. „Betreuen und dann wieder abgeben? Das kommt überhaupt nicht in Frage! Der gehört zu uns“, war sie sich mit ihren Kindern einig. Der mit den Kindern abgesprochene Adoptionsantrag lief allerdings auf ein gesundes kleines Mädchen. „Unsere Tochter Randi sagte aber sofort, sie werde lässig mit drei Brüdern fertig. So ist es bis heute.“ Die Hoffnung, dass Micha wieder ganz gesund wird, hat sich indes nicht erfüllt. Denn nicht nur Hirnwasser, sondern auch Hirnmasse war ausgetreten. Und so ist er bis heute geistig eingeschränkt.

Ob sie während der monatelangen Klinikaufenthalte und der häufigen Operationen einmal daran gedacht habe, ihn wieder zurückzugeben? „Nie. Ein Kind gibt man nicht zurück“, betont sie mit Nachdruck. Und: „Micha Johannes hat uns schon in der ersten Nacht daheim als Familie adoptiert“.

Ihn und ihre anderen Kinder hat Vera-Maria Schäfer, wo es ging, in ihren Arbeitsalltag einbezogen. „Sie waren bei Zeugniskonferenzen, bei Klassenfahrten und beim Schüleraustausch dabei“. Auch wenn sie ihren Mann, der vor seiner Tätigkeit in der Evangelischen Akademie Polizeipfarrer war, bei Reisen begleitete, kamen die Kinder, wenn möglich, mit. Sie haben inzwischen eigene Lebenswege eingeschlagen. Nur Micha Johannes lebt noch bei seinen Eltern. Er arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe. Und er spielt sehr gut Geige. „Sein musikalisches Zentrum scheint nicht geschädigt zu sein“. Er spricht auch ein bisschen Französisch, die Sprache, die seine Mutter bis heute pflegt. Und aus der sie eine französische Weihnachtsgeschichte übersetzt hat.

Viel Zeit verbringen Mutter und Sohn miteinander, und sie empfindet es nicht als Mangel, dass ihr nie Zeit für sich selbst blieb. „Ich habe nie im Leben Zeit gehabt, etwas für mich zu tun. Ich habe zwei Hobbys – meine Kinder und die Schule“, bekräftigt sie lachend. Daneben sammelt sie Puppen, die das gemütliche Heim in Bad Boll schmücken. Nach jeder Reise entsteht zudem ein liebevoll gestaltetes Fotoalbum mit den wichtigsten Eindrücken.

Info Die deutsche Fassung der französischen Weihnachtsgeschichte „Bethlehem, Provence“ ist im Manuela-Kinzel-Verlag erschienen (ISBN 978-3-937367-56-9).

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