Bad Boll "Ein Denken in Linien"

Die Lautpoeten Hanna Aurbacher und Ewald Liska improvisieren bei der Eröffnung der Ausstellung mit Werken von Sam Szembek.
Die Lautpoeten Hanna Aurbacher und Ewald Liska improvisieren bei der Eröffnung der Ausstellung mit Werken von Sam Szembek. © Foto: Sandra Thurner
Bad Boll / SANDRA THURNER 10.03.2016
Werke von Sam Szembek sind derzeit in der Evangelischen Akademie Bad Boll zu sehen. Untermalt wurde die Ausstellungseröffnung mit dadaistischer Lautpoesie von Hanna Aurbacher und Ewald Liska.

Das minimalistische Credo "Weniger ist mehr" trifft bei den Werken von Sam Szembek, die bis 8. Mai in der Evangelischen Akademie Bad Boll zu sehen sind, kaum zu. Wenig bleibt wenig: wenig künstlerischer Ausdruck, wenige Striche, wenig Komposition. Das einzige "Mehr" sind klare, mit Kohle gezeichnete Linien - teilweise sichtbar ausradiert - und sogenannte Lufträume. Diese sollen als Resonanzen auf beschleunigtes Leben zum Nachdenken anregen, sagte Studienleiter Hans-Ulrich Gehring einleitend. Das "Mehr des Weniger" soll somit im Betrachter entstehen.

So auch der Titel der Ausstellung, der da lautet: "und über mir ist es weit, sinniert ein Gegenstand vielleicht". Was man hier auf zwei Stockwerken zu sehen bekommt, ist eine "Schwarz-weiß-Malerei", die wie gezeichnetes Dada für Minimalisten anmutet. Die Reduktion und der Minimalismus karikieren sich in ihrer Radikalität beinahe selbst. Erst wenn man sich die Mühe macht, mehr über den Künstlers zu erfahren, relativiert sich die Provokation.

Und um auf diese Fähigkeiten so selbstbewusst verzichten zu können, muss man sie zunächst besitzen: Der 1953 in Memmingen geborene Künstler Sam Szembek studierte unter anderem an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und ist Stipendiat zahlreicher internationaler Stiftungen und Preisträger zahlreicher Kunstpreise. Stefan Graupner aus München verfolgt seine künstlerische Entwicklung seit Jahren und erzählte: "Es geht hier nicht um Nachahmung und Virtuosität." Es sei viel Zögern und Tasten in den Bildern, die bewusst keine Assoziationsfelder böten. Vielleicht kann so Kunst für den reizüberfluteten Menschen aussehen? Es gehe um Echtheit, die sich vom Schein der Virtuosität absetze, so Graupner. Er stellte fest: "Es kommt nicht darauf an, was man sieht" - und führte damit den herkömmlichen Begriff von Ausstellung beinahe ad absurdum. Es handele sich vielmehr um ein "Denken in Linien".

Der Künstler habe formuliert: "Fleiß ist nicht, viel zu machen, sondern seine Gedanken zuzulassen" - ganz im Sinne der Kunstrichtung des Dadaismus. "Die-Gedanken-zulassen" im Sinne eines "auch-das-Irrationale-zulassen", das wussten auch Hanna Aurbacher und Ewald Liska zu transportieren. Die international bekannten, dadaistischen Lautpoeten lasen und improvisierten Texte von Kurt Schwitters, Jean Arp, Aleksej Kroutschonych und Raoul Hausmann. Auf jeden Fall wussten die beiden Grenzgänger zwischen Musik und Sprache, die Lufträume auf virtuose Weise zu füllen, etwa mit den Worten "Ziiuu ennze ziiuu rinnzkrrmüü".

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