Albershausen Bürgermeister: „Der Konflikt ist nachvollziehbar“

Bürgermeister Jochen Bidlingmaier erläutert die Linie der Gemeinde bei der Ausweisung von neuem Bauland. Dagegen regt sich in Albershausen Widerstand.
Bürgermeister Jochen Bidlingmaier erläutert die Linie der Gemeinde bei der Ausweisung von neuem Bauland. Dagegen regt sich in Albershausen Widerstand. © Foto: GIACINTO CARLUCCI
Albershausen / TOBIAS FLEGEL 11.09.2018
Das Ortsoberhaupt Jochen Bidlingmaier räumt ein, nicht immer die Vorgaben der Region und die Wünsche von Anwohnern erfüllen zu können.

Dem Bürgermeister von Albershausen bläst Gegenwind ins Gesicht. Zuerst legten sich Anwohner des Neubaugebiets „Höfelbett“ quer gegen Mehrfamilienhäuser in ihrer Nachbarschaft, danach wehrten sich Einwohner gegen die Bebauung des „Jedermannswiesles“. Im Interview erklärt Jochen Bidlingmaier, wie er mit dem Protest aus der Bevölkerung umgeht und was sich die Gemeinde vorgenommen hat.

Herr Bidlingmaier, wie sehen Sie den kommenden Monaten entgegen?

Jochen Bidlingmaier: Ein spannendes Thema wartet auf uns: der erste Bürgerentscheid in der Geschichte von Albershausen. Wir haben für den Abstimmungstermin bewusst den 16. September gewählt. In der Woche nach Schulbeginn haben wir Zeit für eine Bürgerversammlung. Die ist am 11. September.

Hat Sie der Widerstand gegen die Bebauung des „Jedermannswiesles“ überrascht?

Mich überraschte, dass manche Themen seit 20 Jahren bekannt sind und Kritiker sie erst jetzt ansprechen. Im April gab es eine Fragestunde im Gemeinderat, in die etwa 80 Bürger kamen. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Einfach wird es nicht.

Welche Themen sind Ihrer Meinung nach schon lange bekannt?

Etwa die Frage, weshalb der Kindergarten nicht auf der Wiese gebaut wird. Das Gebiet ist als Wohngebietsfläche im Bebauungsplan ausgewiesen. Auf einer solchen Fläche darf die Gemeinde keinen Kindergarten bauen. Um das zu tun, müsste der Gemeinderat den Bebauungsplan wieder ändern, und das geht nicht so einfach.

Der Gemeinderat hat sich gegen den Bau eines neuen Kindergartens und für einen Anbau entschieden.

Genau. Wir haben eine Standortanalyse in Auftrag gegeben. In dieser Untersuchung wurden vier Orte näher betrachtet, darunter auch das „Jedermannswiesle“. Von der Fläche her hätte die Wiese grundsätzlich für einen Neubau ausgereicht, aber von den Synergieeffekten ist ein Anbau sinnvoller.

Bitte erklären Sie das etwas ausführlicher.

Ein Anbau ist für uns als Gemeinde wegen der Vertretungsregeln wirtschaftlich viel sinnvoller als irgendwo auf der grünen Wiese neu zu bauen. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales hätte zu Recht auch die Erklärung nicht akzeptiert, dass der Neubau eine Außenstelle einer bestehenden Einrichtung ist. Gibt es eine gewisse Distanz zwischen den Gebäuden, dann kann man Betreuende nicht geschwind vom einen zum anderen schicken. Wenn es sich aber um ein mit Schließtüren räumlich zusammenhängendes Gebäude handelt, dann lässt sich das Personal ein bisschen hin- und herschieben.

Widerstand regt sich nicht nur gegen die Bebauung der Wiese, sondern auch gegen Mehrfamilienhäuser im Gebiet „Höfelbett“. In Nachbarkommunen wie Uhingen legten sich Einwohner ebenfalls gegen ein Neubaugebiet quer. Gehen Bürger gegen solche Vorhaben schneller auf die Barrikaden als früher?

Es ist eine vielschichtige Herausforderung: Zum einen können sich die Menschen über das Internet leichter informieren und sind besser vernetzt als früher. Aus der Nachbarschaft gibt es gewisse Widerstände gegen die Zunahme von Verkehr oder die Befürchtung, dass die Ökologie gefährdet wird. Zum anderen werden die gesetzlichen Bedingungen für eine Erschließung immer komplizierter. Aspekte wie der Umwelt- oder Hochwasserschutz müssen mit den Trägern öffentlicher Belange, also anderen Behörden, geklärt werden. So einfach, wie früher Wohngebiete erschlossen worden sind, funktioniert es heute nicht mehr.

Da scheint sich eine Zwickmühle aufzutun: Auf der einen Seite die große Nachfrage nach Bauland und auf der anderen Seite die Widerstände von Anwohnern. Wie werden Sie beiden Lagern gerecht?

Ich glaube, es ist noch nie ohne Kommunikation gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg quartierten Verwaltungen oder Bürgermeister Flüchtlinge in bestehende Häuser bei Familien ein. Das war nicht spaßig, und das ging auch nicht ohne Kommunikation. Damals haben die Gemeinden auch nicht einfach einen Bescheid herausgegeben und gesagt: ab morgen ist die Familie Maier oder Müller da. So lange Diskussionen sachlich ablaufen, ist das aus meiner Sicht völlig unproblematisch.

Heißt das, Sie können die Gegner der Vorhaben verstehen?

Der Konflikt ist für mich nachvollziehbar. Auf der einen Seite fordert die Region eine dichtere Bebauung, um nicht noch mehr Land zu verbrauchen. Auf der anderen Seite wollen Anlieger des „Höfelbetts“ keinen Geschosswohnungsbau, sondern eine lockere Bebauung mit Einfamilienhäusern. Die sagen: Mensch, eigentlich habe ich es genossen, den Blick auf den Hohenstaufen oder die Schwäbische Alb zu haben. Das Problem für uns als Gemeinde ist, die richtige Abwägung zu treffen.

Wie lösen Sie die Aufgabe?

Den Konflikt können wir nicht lösen. Wir können nicht eine größere Verdichtung erreichen und nur Einfamilienhäuser bauen. Die von der Region geforderten 60 Einwohner pro Hektar kriegen wir ungefähr mit der Planung hin. Den Schwerpunkt für den Geschosswohnungsbau haben wir aber woanders gesetzt. Dieser Kompromiss ist unsere Lösung.

Wo sieht die Gemeinde diesen Schwerpunkt für Geschosswohnungsbau in Albershausen?

In Albershausen versuchen wir eine gesunde Mischung hinzukriegen. Für den Geschosswohnungsbau haben wir die Fuchseckstraße vorgesehen, in der es auf einer Seite schon hohe Häuser gibt. Allerdings fordert die Region 60 Einwohner pro Hektar bei neuen Baugebieten. Deswegen sind in unserer Planung für das Gebiet „Höfelbett“ fünf Mehrfamilienhäuser vorgesehen. Die sollen aber nicht so groß werden wie die in der Fuchseckstraße.

Die Gebäude in der Fuchseckstraße sind früher fertig als die im „Höfelbett“. Wann können dort die Ersten bauen?

Nicht vor 2020 – und dann muss es gut laufen. Wir sind noch ein ganzes Stück entfernt von der Verabschiedung eines Bebauungsplans. Wir haben bisher einen städtebaulichen Entwurf mit einer Straßenführung und einem Entwässerungskonzept. Wir sind aber noch nicht soweit, dass wir sagen können, da kommen nur Sattel- oder nur Flachdächer hin. Das Verfahren für den Bebauungsplan dauert noch, und auch die Erschließung von so einem Gebiet ist nicht in zwei Monaten geschehen – zumal wir es öffentlich ausschreiben müssen und die Baufirmen heillos mit Aufträgen eingedeckt sind. Ich gehe davon aus, dass noch viel Wasser den Butzbach hinunter fließt, bis der Erste im Gebiet „Höfelbett“ bauen kann.

Wie geht die Erschließung des neuen Gewerbegebiets „Eschle“ voran?

Wir sind ein bisschen im Zeitplan hinterher, aber ich hoffe, dass es bis Ende 2018 erschlossen ist. Ich gehe davon aus, dass bis Ende des Jahres das erste Baugesuch vorliegt und dass bis Mitte nächsten Jahres die erste Firma bei uns aufschlägt. Die Nachfrage ist riesig, aber nur eine von 20 Firmen ist interessant für uns: Wir wollen keine Speditionen und keine Logistiker haben und nicht nur von einer Branche wie dem Maschinenbau abhängig sein. Wir achten auf eine gewisse Durchmischung wie im bestehenden Gewerbegebiet. Ein Mix von Unternehmen bringt uns auch dann Gewerbesteuer, wenn es bei einzelnen Branchen nicht gut läuft.

Was sind die wichtigsten Vorhaben in nächster Zeit?

Der Anbau des Kindergartens Löwenzahn nimmt gerade viel Raum ein. Mit dem soll es nach Möglichkeit im April oder Mai 2019 losgehen, und nach der Sommerpause 2020 soll der Kindergarten fertig sein. Der Zeitplan ist ehrgeizig, aber realistisch. Wo wir keinen Einfluss darauf haben, sind die Baufirmen. In der Branche geht es gerade verrückt zu.

Wir überbrückt die Gemeinde die Zeit, bis der Anbau fertig ist?

Wir jonglieren gerade immer in Abstimmung mit den Eltern. Wir sprechen mit ihnen darüber, ob immer eine Woche Ganztagesbetreuung sinnvoll ist oder ob sie ihr Kind auch nur an zwei Tagen bringen können. Wir fragen manche auch, ob sie noch zwei oder drei Monate warten können, bis das Kind drei Jahre alt wird. Ein zweijähriges Kind belegt zwei Betreuungsplätze. Wir kommen dennoch nicht umhin, dass wir Ende des Jahres Container aufstellen und einen mobilen Kindergarten errichten. Nur so können wir unseren Betreuungsauftrag erfüllen.

Bürgermeister in zweiter Amtszeit

Zur Person Der Diplom-Verwaltungswirt (FH) Jochen Bidlingmaier lenkt die Geschicke von Albershausen im neunten Amtsjahr. Im Januar wurde er mit 93 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt, hatte aber auch keinen ernstzunehmenden Gegenkandidaten. Bidlingmaier ist
36 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel