Kreis Göppingen Radfahren „ist meine Welt“

Kreis Göppingen / Jürgen Schäfer 14.09.2018
Nur Fliegen ist schöner. Flott unterwegs sind jeden Donnerstag Senioren bei einer E-Bike-Runde durchs Voralbgebiet.

Er hat jetzt Zeit. Bernd Herrmann hat das Berufsleben als Lehrer an der Öde hinter sich und ist weiterhin sportlich aktiv. Das versteht sich. Hermann war Spitzensportler, Europameister und Bronze-Medaillen-Gewinner bei den olympischen Spielen in Montreal. Der 400-Meter-Lauf war sein Ding. Jetzt, mit 66, darf es auch das E-Bike sein, neben dem normalen Rad. Und so bietet er E-Bike-Runden für Senioren an. Seine Frau fährt mit.

Wie gerufen kam das für Karin Martetschläger. Fahrradfahren gehört für sie zum Leben. „Das ist meine Welt“, strahlt sie. Von ihrem ersten Geld hat sie sich ein Fahrrad gekauft, und in ihrer Heimatstadt Frankfurt war es für sie immer ein erhebender Moment, über die Mainbrücke von Niederrad in die City zu radeln. „Man sieht die Umgebung ganz anders.“ Jetzt ist es ein Pedelec geworden, und daran sind die Kinder schuld. Die haben den Eltern verordnet: Wenn ihr nach Boll zieht, wo’s hügelig ist, kauft ihr Elektroräder. Sechs Jahre ist die Seniorin damit schon unterwegs.

Start an der Sporthalle von Bad Boll. Sechs, acht fitte Radler sind es immer. Herrmann lotst die Gruppe durch den Ort, vorbei am alten Bahnhof hinunter zu der kleinen Siedlung am Riesbach, wo der Radweg nach Dürnau beginnt. Wir fahren Kolonne. „Achtung, Pfosten!“,  gibt Herrmann nach hinten durch. Fußgänger tauchen auf, wir ordnen uns brav rechts ein. Dann ein Auto von hinten, damit war hier gar nicht zu rechnen.

Flott kommen wir voran, der Akku verleiht Flügel. Die wellige Landschaft nach Heiningen liegt vor uns wie ein grüner Teppich. „Wir fahren die große Heininger Runde“, sagt Herrmann.

Die Senioren kennen die Gegend schon, aber nicht jeden Weg. Über die reizvolle Hangkante des Heubachtals und seinen Seitentälern steuern wir aufs Müllheizkraftwerk zu. In respektvollem Abstand halten wir an. Kleine Rast, um zu trinken.  „Weiß jemand, was da gerade für eine Debatte um den Müllofen läuft?“ fragt  Herrmann. Er interessiert sich für die Dinge am Wegesrand. Er baut sie auch gerne in die Tour ein. So machten die E-Biker neulich Station in einem modernen Kuhstall, wo sich die Kühe frei bewegen können. Der Bauer stellte den Betrieb vor. Herrmann wird sich auch für eine Führung in der neuen Bäckerei Kauderer in Heiningen interessieren, wenn sie fertig ist. Die Kugelmühle von Neidlingen und die Manufaktur Jörg Geiger in Schlat hat er auf der Liste. Aber ob er den Müllofen für attraktiv halten soll, weiß er grad nicht.

Also weiter. Wir stechen ins Heubachtal, aber nur  kurz, es geht direttissima hinauf zur Straße. Mühelos ziehen die Radler die Steige hinauf. „Das ist der Vorteil der Pedelecs“, schwärmt eine Seniorin. Der Kreuthof, der vor uns liegt, wäre auch mal ein Besuch wert, überlegt Herrmann laut.

Mit dabei ist Ulrike von der Heide. Sie hatte bisher nicht oft Zeit an den Donnerstagen. Und wie das so ist: Das Pedelec hat sie seit einem Jahr, sie hat das bei Freundinnen gesehen und gönnte es sich, weil sie ja schon die 65 Lenze habe. Aber mit den Freundinnen hat sich noch keine Radtour ergeben.

Wer hier mitfährt, ist in der Regel schon sein Leben lang Rad gefahren. Wie Helga Boenki. Sie hatte erst ein Pedelec mit kleinen Rädern. „Da muss man mehr strampeln.“ Jetzt hat sie ein großes. Sie fährt mit, um sich fit zu halten. „Nur Sport um des Sports willen ist nicht meine Sache“, winkt sie ab. Das Pedelec sei freilich auch nützlich, wenn man in die Stadt radelt und keinen Parkplatz braucht. Karin Martetschläger nickt. „Fahrrad ist Freiheit. Ich parke überall.“

Die Männer beißen nicht so an. Die E-Bike-Runde ist überwiegend weiblich. Vielleicht  haben’s die Männer nicht so mit den gemeinsamen Unternehmungen, lautet eine Erklärung. Sportlehrer Herrmann hat eine andere: „Die kommen erst, wenn man das Pedelec von einem normalen Rad nicht mehr unterscheiden kann.“  Männer wollten nicht mit Akku gesehen werden.

Wobei ein Pedelec auch nicht von selbst fährt. Die Touren sind nicht ohne. Nach 20,7 Kilometern und 250 Höhenmetern sind wir wieder in Bad Boll. „Man muss schon Fitness mitbringen“, sagt Margot Vester. Für sie geht’s gleich am Nachmittag weiter mit einer Wanderung vom Albverein.

Info E-Bike-Runde jeden Donnerstag von 9.30 bis 11 Uhr, Treffpunkt vor der neuen Sporthalle in Bad Boll mit verkehrssicheren E-Bikes und Fahrradhelmen. Näheres: (07164) 12149.

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