Gesellschaft Dorfleben in Winzingen: 1700 Einwohner – 30 Stammtische

Zusammenhalt wird in Winzingen großgeschrieben: v.l. Nicole Wahl, Manfred Stadtmüller, Otto Kibler, Sandra Vogt am Dorfbrunnen. Im Hintergrund sind Pfarrhaus und Kirche zu sehen.
Zusammenhalt wird in Winzingen großgeschrieben: v.l. Nicole Wahl, Manfred Stadtmüller, Otto Kibler, Sandra Vogt am Dorfbrunnen. Im Hintergrund sind Pfarrhaus und Kirche zu sehen. © Foto: Beate Schnabl
Beate Schnabl 16.06.2017
Donzdorfs Teilort Winzingen zeichnet sich durch ein aktives Gemeindeleben aus. Vereine und Stammtische tragen maßgeblich dazu bei.

Wir Winzinger sind ein besonderer Menschenschlag. Bei uns werden Zusammenhalt und Geselligkeit großgeschrieben“, bringt es Otto Kibler, stellvertretender Ortsvorsteher, auf einen Nenner. Ortsvorsteher Manfred Stadtmüller nennt hierfür als Grund das funktionierende und aktive Vereinsleben. „Diese Begeisterung für das Miteinander ist in Winzingen Generationen übergreifend“, fügt Stadtmüller hinzu und erzählt vom Brunnenhock und der Winzinger Fasnet. Diese „Großveranstaltungen“ finden alle zwei Jahre statt und dabei macht das ganze Dorf mit.

Größter Verein in Winzingen ist der Turnverein und hier fungiert die Handballabteilung als großes Aushängeschild. Seit ein paar Jahren besteht die Handballspielgemeinschaft mit Wißgoldingen, seit vergangenem Jahr gehört auch Donzdorf dazu. Die Turnhalle haben die Winzinger einst selbst erbaut, sie ist bis heute  Eigentum des Vereins. Zu ihr gehört eine Gaststätte, die von den Vereinsmitgliedern an sechs Tagen in der Woche ehrenamtlich betrieben wird. „Nachdem wir sonst keine Gastronomie haben, spielt sich hier das Dorfleben ab“, merkt Kibler an. Den Wirtschaftsdienst übernehmen die Abteilungen des TVW.

1700 Einwohner zählt der Donzdorfer Teilort, der sich trotz Eingemeindung im Jahr 1975 ein gewisses Maß an Eigenständigkeit erhalten hat. „Wir wurden zwangsweise eingemeindet“, erklärt Ortsvorsteher Stadtmüller. Bei der damaligen Abstimmung waren 95 Prozent der Einwohner gegen die Eingemeindung. „Vor dem Landtag in Stuttgart haben die Winzinger demonstriert“, weiß Kibler. Jedoch auch eine Klage vor dem Staatsgerichtshof konnte dies nicht abwenden. Das ist längst Schnee von gestern, man hat sich arrangiert und ist stolz auf eine gute Infrastruktur. Der Ort kann ein Kinderhaus mit ganztägiger Betreuung, eine Grundschule mit verlängerten Betreuungszeiten sowie Bäcker, Metzger und Blumenladen vorweisen. Seit Anfang April ist Winzingen mit „schnellem Internet“ versorgt. 2010 wurde das Bürgerhaus eingeweiht und stellt den Ortsmittelpunkt dar. Im katholischen Gemeindehaus werden häufig Familienfeiern abgehalten.

„In Winzingen fühlt man sich wohl“, sagt Nicole Wahl, die als „Reigschmeckte“ in der Dorfgemeinschaft gut aufgenommen wurde und sich im Turnverein unter anderem als Schriftführerin einbringt. Neben dem Turnverein gibt es zahlreiche andere Vereine. Das Akkordeonorchester Schmid beispielsweise hat sich über die Region hinaus einen Namen gemacht. Zur Winzinger Fasnet gehört die Narrenzunft der Holzbrockeler, deren Figuren sich an die Sagengeschichte des Ortes rund um Baron von Roth anlehnen. Seit 30 Jahren findet in Winzingen die traditionelle  Weiberfasnet statt, bei der am Gompigen Donnerstag ausschließlich Frauen in der Turnhalle feiern dürfen. „Von überall her kommen die Besucherinnen, die Halle ist brechend voll und die Stimmung grandios“, erzählt Sandra Vogt vom Fasnet-Orgateam.

Rund 30 Stammtische gehören außerdem zum Gemeindeleben. Einmal im Jahr wird bei zünftiger Blasmusik vor der Turnhalle gemeinsam gefeiert. In dem ländlich geprägten Ort gibt es einen Schäfereibetrieb und vier Nebenerwerbslandwirte mit Muttertierhaltung. Direkt an Winzingen grenzt das Naturschutzgebiet des Heldenbergs mit seiner Pflanzen- und Tiervielfalt, den Wacholderheiden und Buchenwäldern, das Wanderer und Radfahrer lockt.

Sagengestalten zur Geisterstunde

Geschichte Winzingen wurde 1275 urkundlich erstmals erwähnt. Das Winzinger Schloss, heute noch in Besitz der Graf Rechbergschen Familie, gehörte einst dem Baron von Roth, der angeblich sein Volk tyrannisierte. Die Braut eines Bauern „Schön-Dorle“ nahm er als Geliebte. Als der Schlossherr Baron von Roth starb, wurde Schön-Dorle aus dem Ort vertrieben und später tot aufgefunden. Der Sage nach geistert sie nun als Ramprechtsweible im gleichnamigen Wald bei Winzingen.

Fasnet Baron von Roth erschreckt im Wald als grün gekleidetes Männchen, das Holz bricht (brockelt) und wird deshalb Holzbrockeler genannt. Eine weitere Sagengestalt ist der Suhl­ochs, der Wanderer in Gestalt eines schwarzen Stiers zur Geisterstunde das Fürchten lehrt. Die Sagengestalten gehören zur Winzinger Fasnet.