Gingen 16 Länder in einem Jahr

Gingen / Claudia Burst 06.04.2018
Lebenserfahrung wollte Clarissa Braun sammeln, bevor sie sich als Lehrerin vor Schüler stellt.

Clarissa Braun aus Gingen ist 26 und fühlt sich „bereit fürs Leben“. Vor einem guten Jahr war das noch nicht der Fall: Nach Schule und Studium fürs Lehramt stand das Referendariat auf dem Plan, dann ab ins Berufsleben. „Aber ich wollte noch Lebenserfahrung sammeln und mal was ganz anderes machen. Und nicht die Schienen auf dem Weg bis in die weite Zukunft vorhersehen können“, erklärt die junge Frau, warum sie sich Mitte 2016 nicht für ein Referendariat bewarb und sich 2017 frei nahm, „ohne dafür Pläne zu schmieden“. Nur eines war klar: „Die ersten sechs Wochen wollte ich nach Südafrika, weil sich ein Bekannter von mir dort gut auskennt.“

Aus den geplanten sechs Wochen wurden drei Monate. Clarissa Braun lernte viele Menschen kennen und dehnte ihren Trip aus bis Botswana und Namibia. „Afrika macht was mit einem“, sagt sie heute, „es verändert das Weltbild“. Zum einen war sie schockiert von den Auswirkungen der Apartheid im Land, die es bis heute trotz geänderter Gesetze und Regierung gibt. „Die weißen Afrikaner instruierten mich detailliert, wie ich mich zu verhalten hätte, damit mir nichts passiert“, gibt sie ein Beispiel. Andererseits war es die Offenheit der Menschen in Afrika „und vor allem, wie sie mit der Zeit umgehen“, was sie beeindruckte. „Als Deutscher wird man da aus allen gewohnten Mustern rausgerissen.“ Die junge Frau stellte fest, „dass man alles viel intensiver erlebt, wenn man es nicht bis ins Detail schon vorher plant“.  Herausforderungen gab es viele – sei es der Matsch auf den unbefestigten Straßen, kaputte Reifen mitten im Nirgendwo oder Hyänen in der Nacht, als sie im Freien übernachtete. „Aber an den Herausforderungen wächst man“, weiß die junge Frau.

 Als Clarissa Braun Ende März zurückkam, stand dort der alte, gebrauchte Citroen Berlingo, den sie zu Weihnachten von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte und eigentlich „voll hässlich“ fand. Doch dann kam ihr die Idee, den Kastenwagen als Ein-Personen-Van zu nutzen. „Anfangs legte ich einfach nur eine Matratze hinten rein und packte meine Utensilien in den darunter liegenden Stauraum“, erzählt Clarissa Braun. Nach drei Wochen jobben wollte sie wieder los und zwar nicht dorthin, wo alle anderen hingehen. „Ich fragte mich, was reizt mich am wenigsten?“ Die Antwort lautete Ungarn, wo sie über Österreich hinfuhr, weil sie in Graz Freunde hat. „Das Einzige, was ich mit Ungarn verband, war Puszta und schnelle feurige Pferde“, erzählt die Hobby-Reiterin – und erst in Budapest fing sie an, rumzutelefonieren. „Das ging irgendwie mit Englisch und fünf Wörtern wie Pferd zum Beispiel, die ich mir auf Ungarisch rausgesucht hatte.“ Die Gingerin fand einen Hof, der Pferde verlieh. Dort übernachtete sie in ihrem Auto, half im Stall und im Haushalt und durfte im Gegenzug reiten und die sanitären Anlagen im Haus benutzen. „Ungarn ist so total schön“, schwärmt sie heute – und ihr Auto sei dort und auf dem Weg zurück ihr Zuhause geworden. „Ich hatte oft Angst allein im Auto irgendwo in der Pampa, aber ich habe die Angst überwunden. Meist mit Hilfe von Hörbüchern vom Smartphone, mit Kontakt über die Sozialen Netze oder mit Musik.“

Das Kontrastprogramm

Im Juni folgte ein All-inclusive-Urlaub in der Türkei mit Mutter und Schwester und vollem Luxus. „Das war ein krasses Kontrastprogramm“, sagt sie – genauso wie der Ägypten-Urlaub an Weihnachten. „Mein Ding ist das nicht“, weiß sie jetzt.

Viel mehr genoss sie im Sommer den Fußmarsch auf dem „Traumpfad“ von München nach Venedig mit ihrer Freundin Anna. 500 Kilometer quer über die Alpen mit – je nach Wasservorrat – elf bis 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken. Um auch in diesen Wochen möglichst kein oder kaum Geld zu verbrauchen, schliefen die Frauen im Zelt, genossen die traumhafte Landschaft und „vor allem tolle Menschen, denen wir immer wieder begegneten“. Als sie Venedig erreichten, hätten sie erstmal geheult – vor Glück, aber auch weil sie sich in der Touristenstadt völlig fehl am Platz fühlten. Von Venedig ging es per Bus in die Schweiz, zurück nach Hause, mit dem inzwischen mit einem Klappbett und Kisten ausgestatteten Auto nach Polen und an der Ostseeküste wieder nach Hause.

Clarissa Braun bereiste in den folgenden Monaten Spanien, surfte an der Atlantikküste Frankreichs, wanderte auf einen Gletscher in Chamonix und besuchte Freunde in London. „Ich habe gelernt, minimalistisch zu leben. Auch jetzt, zurück im Alltag, habe ich viele Dinge wie Klamotten, Beauty-Artikel oder Möbel aussortiert“, erzählt sie, wie sie sich verändert hat. Inzwischen wisse sie, was sie wirklich benötige und was nicht. Jetzt habe sie die nötige Selbstsicherheit und auch das notwendige Selbstbewusstsein, um sich als Lehrerin vor Schüler zu stellen. „Ich weiß was ich will und vor allem, was ich nicht will. Ich will mich nicht einengen lassen, nur weil ich eine Frau bin. Ich will nicht alles planen. Und man muss den Schienen nicht grundsätzlich folgen, auch wenn man in einem festen System lebt.“

 Info Finnland, Deutschland, Südafrika, Namibia, Botswana, Österreich, Ungarn, Italien, Türkei, Schweiz, Frankreich, Spanien, Tschechien, Polen, Ägypten, England – diese Länder bereiste Clarissa Braun in dem Jahr zwischen ihrem Studium und ihrem Referendariat, das sie inzwischen in Ludwigsburg ausübt.

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