Elchingen / STEFAN CZERNIN  Uhr
Lange hat das Landratsamt über ein geplantes Flüchtlingsheim in Elchingen geschwiegen. Das sorgt für Ärger im Ort und schürt Ängste. Die Stimmung in einer Infoveranstaltung war teils feindselig.

Buhrufe, Pfiffe, Szenenapplaus, empörte Kommentare: Die Stimmung in der Bürgerversammlung zum künftigen Asylbewerberheim im übervollen Saal des Konstantin-Vidal-Hauses war von Beginn an aufgeladen, der Grundtenor streckenweise aggressiv. Weit über 300 Zuhörer waren gekommen, um sich von Bürgermeister Joachim Eisenkolb und Vertretern des Landratsamts über die Pläne für das Flüchtlingsheim im ehemaligen Gasthof Adler informieren zu lassen (wie schon kurz berichtet). Die Stuhlreihen waren bald belegt, die Besucher drängten sich teils vor den Saaltüren.

Es sollte ein langer und kein leichter Abend für die Behördenvertreter werden; bis nach Mitternacht zog sich die Veranstaltung hin. Viele Unterelchinger sind weiterhin massiv verärgert darüber, dass das Landratsamt sie nicht im Vorfeld über das Flüchtlingsheim informiert hatte. Obwohl eine erste Besichtigung des Gasthofs mit dazugehörigem Hotel schon im September oder Oktober stattgefunden hatte. Und dass die mit dem Eigentümer - einem Investor, der die Gebäude erst vor kurzem erworben hat - vertraglich vereinbarten Bedingungen nur scheibchenweise ans Licht kommen. "Beschämend" sei das, befand ein Anwohner. Mehr als 800 Unterschriften hat eine Initiative gegen eine "Massenunterkunft" in Unterelchingen gesammelt und an Landrat Erich Josef Geßner übergeben. Gegen die Unterbringung einer "sozialverträglichen Anzahl" von Asylbewerbern in Unterelchingen habe man indes nichts einzuwenden, betonen die Initiatoren. Um die 20 Personen nennen sie als Hausnummer.

"Wir haben den Gasthof Adler für die Unterbringung von maximal 80 Personen angemietet", erklärte die zuständige Bereichsleiterin Karen Beth vom Landratsamt. Der Mietvertrag läuft über drei Jahre, über die Miethöhe gab es keine Auskunft. Obwohl die Zahl schon seit geraumer Zeit im Ort kursiert, führte die - in den Augen vieler Anwohner viel zu späte - offizielle Bestätigung zu aufgebrachten Reaktionen.

Offenbar schürt die Aussicht, dass im Ort künftig eine größere Anzahl an Asylbewerbern beherbergt wird, eine Vielzahl von diffusen Ängsten. An den nördlichen Rand des Landkreises Neu-Ulm gequetscht, könnten diese einen Lagerkoller entwickeln, hieß es in der Versammlung. Unterelchingen biete schlicht zu wenige Möglichkeiten zum Zeitvertreib. Da trug die Information, dass das Landratsamt derzeit mit dem Alb-Donau-Kreis verhandelt, damit die Flüchtlinge auch jenseits der Landesgrenze ins benachbarte Langenau dürfen, nur bedingt zur Beruhigung bei.

Eine Nachbarin zweifelt daran, dass der Brandschutz in dem hastig eingerichteten Gebäude ausreicht. Sie befürchtet, dass die Asylbewerber mit ihren Kochplatten das Gebäude in Brand setzen, das Feuer auf ihr Haus überspringt. Rauchmelder habe sie schon angebracht. "Ich habe Angst um meine Familie." Ein weiterer Anwohner wies auf die Nähe des Kindergartens hin, ein anderer denkt über die Anschaffung eines Kampfhundes nach. Wieder andere sorgen sich in erster Linie um den befürchteten Wertverlust ihrer Immobilien. Fürsprecher aus den Reihen des Publikums hatten einen schweren Stand. Man könne die Asylbewerber doch auch als Chance für den Ort begreifen, sagte eine Neu-Ulmerin. "Haben Sie Kinder?", bekam sie vielsagend zur Antwort.

Karen Beth betonte, welche Schwierigkeiten der Kreis Neu-Ulm habe, ausreichend Unterkünfte für Asylbewerber zu finden. Bis Jahresende rechnet Beth mit zehn zugeteilten Flüchtlingen pro Woche. Diese müsse die Behörde menschenwürdig unterbringen. "Sie glauben nicht, was uns schon für Schweineställe angeboten wurden." Und sie verteidigte die zurückhaltende Informationspolitik des Landratsamts. Teils platzten Mietverträge noch im letzten Moment, weil Druck aus der Nachbarschaft auf den Vermieter ausgeübt werde. "Deswegen geben wir möglichst wenig, am besten gar nichts vor einem Vertragsabschluss bekannt." Es sei jedoch "überlegenswert, wie wir das in Zukunft handhaben". Am Donnerstag werden die ersten 20 Flüchtlinge im Adler ankommen: sieben Einzelpersonen aus Pakistan, ein syrischer Mann mit seiner Tochter sowie Familien aus Jordanien und Syrien.

Tanja Eysell, die die Unterschriftenaktion mitinitiiert hat, zeigte sich vom Verlauf des Treffens enttäuscht. "Ich bin komplett frustriert." Das Landratsamt nehme die Sorgen der Unterelchinger nicht ernst, auch von Bürgermeister Eisenkolb fühlten sich diese im Stich gelassen. "Wir sind komplett übergangen worden." So sei die Chance vertan worden, eine für alle Beteiligten gute Lösung zu finden. Die Initiative setze sich für ein "sinnvolles Maß" an Asylbewerbern ein, mit 80 bestehe die Gefahr, dass "sich ein Brandherd entwickelt".

Eindeutig fällt auch das Fazit einer weiteren Adler-Anwohnerin aus, die die Versammlung vorzeitig verlassen hatte, weil es mehr um Stimmungsmache als um "sinnvolle Informationen" gegangen sei: "Ich fand es erschreckend, wie viele Elchinger scheinbar denken. Dann muss ich sagen, habe ich eher vor meinen Nachbarn Angst, wenn die sich jetzt schon Kampfhunde anschaffen wollen."