Weißenhorn Wo bleibt das echte Leben?

Florian Holley, „Wir lesen“ Jugendreporter
Q12, Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn
Florian Holley, „Wir lesen“ Jugendreporter Q12, Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn © Foto: Florian Holley,
Weißenhorn / FLORIAN HOLLEY 21.11.2016

In den Schulen werden die Schüler immer mehr zu Lernmaschinen herangezogen. Aber sollte es eigentlich nicht so sein, dass Kinder zukünftig kreativ und innovativ unsere Welt voranbringen?

Wie viele Graphen muss ein Schüler in seinem späteren Leben noch analysieren? Wie viele Gedicht-Analysen auf Englisch braucht er später noch zu schreiben? Wie viel von dem was man heute in der Schule lernt, ist denn also noch wirklich wissenswert? Die Anforderungen an Schüler werden immer höher.

Wer kein Abitur oder Studium hat, ist bei vielen Berufen chancenlos. Wenn aber ein Gymnasiast mit einem 1,0-Abiturschnitt in einen handwerklichen Beruf eintreten will, kann dieser zwar die Werkstoffe auf ihre chemischen Inhalte analysieren, jedoch hat er keine wirkliche Ahnung, was er nun praktisch mit dem Metallklotz anfangen soll.

Ein Mittel- oder Realschüler dagegen hat einen näher ans Berufsleben angepassten Lehrplan und in seiner Schullaufbahn sehr viele Praktika, die ihn auf sein späteres Berufsleben vorbereiten. Die meisten Mittel- oder Realschüler wissen dementsprechend nach der achten Klasse auch schon, was sie einmal werden wollen, während viele Gymnasiasten selbst nach dem Studium manchmal kaum eine Ahnung haben, was sie machen wollen.

Sucht nach Wissen

Wieso bereitet man Schüler also auf eine Parallelwelt vor, in der es nur um so viel Wissen wie möglich geht, statt auf das echte Leben, in dem im Normalfall nun mal das Schreiben mit Zehn-Finger-System wichtiger ist als eine Gedicht-Analyse auf französisch schreiben zu können? Des Weiteren ist es vielleicht auch gar nicht so gut, immer noch mehr zu wissen und herauszufinden. Der Mensch hat die Angewohnheit, immer alles zu verstehen und für sich nutzen zu wollen. Doch wie man am Atommüllproblem oder dem Gau in Fukushima oder Tschernobyl sehen kann, ist es nicht immer gut, wenn der Mensch sich in die Natur einmischt.

Trotz all der negativen Dinge, die die menschliche Sucht nach Wissen bereits mit sich gebracht hat, stößt der Mensch immer noch weiter in unbekannte Gebiete vor und versucht alles nachzuvollziehen, was auf der Erde geschieht. Wenn dies schon ein menschlicher Drang ist und der Fortschritt so unaufhaltsam nach vorne getrieben werden soll, sollten dann die Schüler nicht zu innovativem und kreativem Denken, statt zu willenlosen Lernmaschinen herangezogen werden?

Eigene Meinung wichtig

Was bringt es unserer Gesellschaft, wenn ihre Kinder zwar die zehn Gebote in drei Sprachen herunterbeten, aber sich keine selbstständige Meinung mehr bilden können, und stattdessen nur den Wissensfraß essen, den die Schule ihnen hinwirft, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, um in ihrem Leben mal etwas zu erreichen. Wäre es nicht sinnvoller, Schüler zur Kreativität anzutreiben und diese zu fördern, statt sie zu unterdrücken und die Meinungen zu vereinheitlichen? Zerstört man damit nicht innovative Ideen, die unsere Welt voranbringen könnten?

Vielleicht ist der Schüler, der gerade für seinen kreativen Einfall eine Sechs bekommen hat und jetzt deprimiert deswegen ist, eigentlich ein genialer Mensch, der in der Zukunft Großes leisten könnte, sich jedoch wegen solchen Erfahrungen nicht traut, seine Ideen zu veröffentlichen. Natürlich muss einem Gymnasiasten ein tiefes Wissen über das Leben und die Welt vermittelt werden – doch ist es auch für einen Abiturienten sehr wichtig, Möglichkeiten geboten zu bekommen, sich auf ein Berufsleben vorzubereiten. Ganz praktisch.