Erinnerung  Wie Nacktänzerin Klara Baur zur Künstlerbohème wurde

Klara Baur trat unter dem klangvollen Künstlernamen Claire Bauroff auf. Das Bild zeigt sie als Amazone während einer Aufführung um 1919 in Berlin.
Klara Baur trat unter dem klangvollen Künstlernamen Claire Bauroff auf. Das Bild zeigt sie als Amazone während einer Aufführung um 1919 in Berlin. © Foto: Steffi Brandl
Weißenhorn / THOMAS VOGEL 07.11.2017
Geboren in Weißenhorn, gefeiert auf den großen Bühnen der „Goldenen“ 20er Jahre: Als Nackttänzerin und Aktmodell zählte Klara Baur zur Künstlerbohème.

Kleinstädtchen und Berliner Admiralspalast. Beamtenfamilie und ungestüme Künstlerszene. Die beharrende Bürgerlichkeit und der Tabubruch. Mit Klara Baur (1895-1984) gibt es eine Verbindungslinie zwischen all diesen Gegensätzlichkeiten. Sie gehörte zu jenen, die in den Zentren der Moderne wie Berlin, Wien und München auf der Bühne oder vor der Kamera die Grenzüberschreitung probten und dabei beachtliche Triumphe feierten.

Dabei stammte sie doch aus Weißenhorn, einem zu Zeiten ihrer Geburt mit gerade einmal 2000 Einwohnern sehr überschaubaren Provinzort. Hier wurde sie am 26. Februar 1895 unter dem Namen Klara Amanda Anna Baur als viertes von sechs Kindern eines königlich-bayerischen Notars geboren, der in der Hauptstraße 8 Büro und Wohnung hatte. Freilich verbrachte sie hier nur die ersten Monate ihres Lebens. Denn noch im selben Jahr ver­zogen die Baurs nach Neu-Ulm, wo die Familie eine Wohnung in der Augsburgerstraße 25 bezog. 1903 München und 1905 Eltmann am Main waren die nächsten Stationen, die mit oftmaligen Schulwechseln verbunden waren.

Amazone und Avantgarde

Konstante in Klaras jungen Jahren, die sich später den Künstlernamen Claire Bauroff zulegte, war ihr schon früh erwachter Wunsch, zur Bühne zu gehen. Gegen den Willen ihrer Eltern nahm sie in München Schauspielunterricht und ließ sich dort von 1913 bis 1915 beim renommierten Rudolf Bode als Tänzerin ausbilden. Erste Bühnenerfahrungen sammelte sie in Begleitung ihrer Mutter im letzten Weltkriegsjahr bei der Truppenunterhaltung hinter der Front. 1920 war sie erstmals auf der Leinwand zu sehen, im Stummfilm „Pán“ des ungarischen Regisseurs Pál Fejös. Die Ehe mit dem 30 Jahre älteren ungarischen Grafen István Zichy endete tragisch. Der Gatte nahm sich das Leben, nachdem ihn Claire verlassen hatte.

Claire wollte Karriere machen. Und das tat sie, wie ihr Biograph, der Literatur- und Kulturhistoriker Ralf Georg Czapla, herausfand. Sie traute sich was. In der Berliner Scala beispielsweise, einem berühmten Varieté der 1920er Jahre. Als der Vorhang sich hob, stand sie alleine auf der riesigen Bühne im Scheinwerferlicht, splitterfasernackt, und zeigte sich in wechselnder Pose, als Amazone, als Athletin, als griechischer Gott Hermes. Claire inszenierte sich als antike Skulptur, glich dieser wegen ihrer hellen, marmornen Haut, stand aber wegen ihrer rotbraunen Haare und ihres knabenhaften, gertenschlanken Körpers dazu auch im Gegensatz. Diese Körperkunst war alles andere als frivol, die Nacktheit sollte den künstlerischen Ausdruck intensivieren – und stieß naturgemäß auf ein geteiltes, aber starkes Echo. In den Urteilen der Kritiker war von „Exhibitionismus“ die Rede, aber auch von einer „Lyrik des Körpers“.

Von der Kritik gefeiert

In anderen Programmen adaptierte sie Elemente des freien Tanzes zur „Ganzkörpergymnastik“ oder fügte sie zu „Tanzdramen“ zusammen. Befreit von den Zwängen der Ballettschuhe und der Kostümierung gehörte sie zur tänzerischen Avantgarde in Berlin und Wien. Ihre Auftritte in der deutschen Hauptstadt in der Scala und im Admiralspalast oder in Wien im Deutschen Volkstheater, in der Secession oder im Theater in der Josefstadt sowie in frühen UFA-Filmen wurden von der Kritik überwiegend gefeiert.

Ob man in Weißenhorn den Ruhm der berühmten „Tochter“ verfolgte? Eher nicht. Die eh nur kurzzeitigen Bande in die Geburtsstadt waren wohl völlig gekappt. Als die Nazis an die Macht kamen, war ihre Karriere zu Ende, sie selbst geriet in Vergessenheit, wie Czapla schreibt. Dabei wäre es wohl geblieben, gäbe es nicht eine Reihe von (Akt-)Fotos von ihr, angefertigt von Fotografinnen wie Lotte Jacobi und Trude Fleischmann.

Und wäre nicht Czapla über seine Beschäftigung mit dem Dichter Hermann Broch auf sie aufmerksam geworden, mit dem die Künstlerin eine tiefe Freundschaft verband.

Die ungleichen Geschwister

Biografie Zur Wiederentdeckung von Claire Bauroff trug der Literatur- und Kulturwissenschaftler Ralf Georg Czap­la bei, der 2015 die Doppelbiografie „Die ungleichen Geschwister“ im Piper-Verlag veröffentlicht hat. Darin steht auch Claires Bruder Friedrich im Mittelpunkt, der 1925 den Baur-Versand gründete, den ersten Schuhversandhandel in Deutschland. Von Czapla stammt auch ein Beitrag über Claire Bauroff im Geschichtlichen Jahrbuch des Landkreises Neu-Ulm von 2013.

Modell Das wiedererwachte Interesse an ihr rührt von einer Ausstellung in Wien her über die jüdische Fotografin Trude Fleischmann (1895-1990), der Claire 1924 Modell gestanden hat.

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