Am 18. Januar 2014 hat Günther Gäble Gewissheit. Im Internet verbreitet sich die Todesnachricht seines Sohnes David. Mitsamt Foto, das den blutverschmierten Leichnam zeigt. David war im Herbst zuvor von Kempten ausgezogen, um in Syrien für den Islamischen Staat, IS, zu kämpfen. Er starb bei einem Feuergefecht, mutmaßlich mit der Freien Syrischen Armee, bei Aleppo. Im Alter von 19 Jahren. Für Günther Gäble endet an diesem Tag eine Zeit zwischen Hoffen und Hoffnungslosigkeit. „Das ist hart“, sagt er.  „Man rechnet damit, dass er nicht wiederkommt. Dann denkt man wieder: Vielleicht kommt er zur Vernunft, kann fliehen.“

Im vollbesetzten evangelischen Gemeindehaus  berichtet  Gäble in Rahmen der Reihe „Vöhringer Abend“ von dieser Zeit, von den Tiefpunkten und wie er zurück ins Leben fand. Mittlerweile kann der 59-Jährige darüber öffentlich sprechen, moderiert wird der Abend von Pfarrer Jochen Teuffel. Die beiden kennen sich schon länger.

Gäble lässt Fotos seines Sohnes durch die Reihen der Zuhörer gehen. Sie zeigen David als Kind, als Jugendlichen. Er wirkt offen und freundlich. Wie kann so jemand zu einem radikalen Islamisten werden? Eine Frage, die auch Gäble umtreibt.

Die Familienmitglieder wirken in Gäbles Bericht unauffällig, im positiven Sinn durchschnittlich. Beide Eltern sind im christlichen Glauben verwurzelt, sie engagieren sich in der Kirche. Gäble und seine Frau sind geschieden. Sie lebt mit Sohn und Tochter in Kempten, Günther Gäble in Memmingen. „Wollte er Rache nehmen, weil ich von der Familie weggezogen bin?“

Wie genau die Radikalisierung Davids abgelaufen ist, ist nicht völlig geklärt. Fest steht, dass sie rasch erfolgt. Der Jugendliche hat Probleme, in Kempten Anschluss zu finden. Er verbringt viel Zeit im Internet. Gäble denkt, dass er dort mit der Islamisten-Szene in Kontakt kommt, der 59-Jährige spricht von „Gehirnwäsche“. Mit 16 Jahren tritt David in einen Boxclub ein, kommt dort mit vielen muslimischen Jugendlichen in Kontakt. Er konvertiert zum Islam und besucht die Moschee in Kempten.

Dort ist er aber wegen seiner radikalen Ansichten später nicht mehr gerne gesehen. David macht seiner Schwester Vorwürfe wegen ihres Kleidungsstils. Außerdem solle sie lieber heiraten, statt zu studieren. Er orientiert sich immer stärker ins islamistische Umfeld, über den Ramadan fährt er nach Dinslaken, wo es eine starke Salafisten-Bewegung gibt.

Günther Gäble spürt, dass ihm sein Sohn entgleitet. „Ich habe versucht, das zu verhindern.“ Er überredet David zu Bergtouren, Vater und Sohn besteigen den Grünten, die Rohnenspitze, den Breitenberg. Eine Annäherung gelingt jedoch nicht. „Er hat die Gespräche abgeblockt.“

Im Sommer 2013 kündigt David seinen Lehrvertrag zum Betriebselektroniker und erklärt, nach Syrien zu gehen, um dort zu kämpfen. Im August ruft seine Ex-Frau bei Gäble an: David habe seinen Koffer gepackt. Der Vater eilt nach Kempten, sein Sohn ist nicht da. Das Gepäck steht in dessen abgeschlossenen Zimmer.  „Ich habe überlegt, die Tür einzutreten, um seinen Reisepass zu klauen“, berichtet Gäble in Vöhringen. Er macht es nicht.

Davids erster Ausreiseversuch scheitert: Die Bundespolizei stoppt ihn am Münchner Flughafen und schickt ihn wieder nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt ist David schon als potentieller Gefährder bekannt. Dennoch gelingt es ihm nur wenige Wochen später, sich  auf dem Landweg über Österreich, Bulgarien und die Türkei nach Syrien abzusetzen. Dort verliert sich seine Spur. Alle paar Wochen erhält Günther Gäble noch E-Mails von seinem Sohn, Lebenszeichen. Zuletzt kurz vor Weihnachten 2013.

Dann herrscht Funkstille. Bis Günther Gäble am 18. Januar die Todesnachricht erreicht.  „Gott hat ihn aus einem unguten Spiel herausgenommen“, sagt er am Gesprächsabend. Er kann mittlerweile mit dem Ereignis umgehen. Aber dies war ein langer Weg. „Business as usual war nicht mehr möglich.“ Gäble sucht sich psychologische Hilfe. Und er fängt an, sich mit der arabischen Kultur und der Sprache zu beschäftigen, knüpft Kontakte zu Menschen. Vor kurzem ist er Opa geworden. „Unser Enkelkind tröstet uns über den Verlust hinweg.“ Und er hat seinen Frieden mit seinem Sohn David gemacht. „Ich denke, dass er bei Gott ist. Und dass Gott ihm gnädig ist.“

Mittlerweile 68. Auflage der Vortragsreihe


Kirche Die Vöhringer Abende sind eine Vortragsreihe des Evangelischen Bildungswerkes Neu-Ulm, die in der Regel monatlich im Gemeindehaus in Vöhringen, Beethovenstraße 1, stattfinden. Mittlerweile zum 68. Mal.