Wendepunkt Wie ein Herzinfarkt ein Leben verbesserte

Bernd Zörlein fährt leidenschaftlich gern Rennrad. Und weit. Unter 100 Kilometern lohne sich das Umziehen ja nicht, findet der 72-jährige Vöhringer. Seine wiederentdeckte Sportbegeisterung half ihm, mit einer schweren Zeit fertig zu werden.  
Bernd Zörlein fährt leidenschaftlich gern Rennrad. Und weit. Unter 100 Kilometern lohne sich das Umziehen ja nicht, findet der 72-jährige Vöhringer. Seine wiederentdeckte Sportbegeisterung half ihm, mit einer schweren Zeit fertig zu werden.   © Foto: Matthias Kessler
Vöhringen / Stefan Czernin 14.08.2018

Am 22. September 2016 erhielt  Bernd Zörlein aus Vöhringen einen deutlichen Warnschuss: Mit höllischen Schmerzen in der Brust sackte er in der Praxis seines Hausarztes zusammen, ein Krankenwagen brachte ihn schleunigst ins Herzkatheter-Labor an der Weißenhorner Stiftungsklinik, wo der Infarkt behandelt wurde. Es folgten drei Tage auf der Intensivstation und drei Tage auf der normalen Station. Dieser Vorfall markiert einen Wendepunkt  im Leben von Bernd Zörlein. Genauer gesagt, die folgende Rehabilitation in Bad Wörishofen.  Im großen Saal der dortigen Klinik hielt Professor Jens Wagner eine kleine Ansprache an die Patienten. „Wenige Sätze, aber die haben mich komplett umgepolt“, berichtet der 72-Jährige.

„Sie hatten alle Glück“, stellte der Kardiologe Wagner zunächst fest. Und: „Was ab sofort mit ihrem Leben geschieht, bestimmen zu 80 bis 90 Prozent Sie selbst – und nicht wir Ärzte.“  Zu diesem Zeitpunkt wog Zörlein an die 100 Kilogramm, Bauchumfang: 118 Zentimeter. Seit 15 Jahren hatte er keinen Sport mehr betrieben. Und das, obwohl er über eine lange Zeit hinweg  ungeheuer viel  Rad gefahren war. „25 000 Kilometer im Jahr, bis zum Exzess.“ Er trat zweimal bei einem 230 Kilometer langen Mountainbike-Marathon im Salzkammergut an (siehe Info), mehrmals beim Ötztaler Radmarathon, den Swiss-Bike-Masters und so weiter.  Er war Ü50-Rennrad-Marathonweltmeister und Deutscher Senioren-Meister im Mountainbike-Marathon.

Das änderte sich, als sein Sohn Manuel aktiv in den Skisport einstieg. In der Folge kam auch Zörlein immer stärker mit Vereinsstrukturen in Kontakt. Mit der gleichen Hingabe, mit der er früher Sport getrieben hatte, stürzte er sich nun ins Ehrenamt. Und häufte über die Zeit jede Menge Posten an: Er war Abteilungsleiter Ski beim DAV Neu-Ulm, Leiter des Skibezirks Alb-Donau, Schülerbezirkssportwart, schwäbischer Stützpunktleiter Ski Alpin für Schüler, er gründete im DAV eine Inline-Alpinabteilung und war Teamchef Inline Alpin der Nationalmannschaft des Deutschen Skiverbands, zählt Zörlein auf.  „Ich war im Jahr an 47 Wochenenden unterwegs, im Sommer wie im Winter.“

Für Sport blieb keine Zeit mehr, die Fahrräder verschwanden im Keller. Für gutes und reichhaltiges Essen schon. Von 69 nahm Zörlein auf 96 Kilo zu, dazu kam der Stress. Bis am 22. September 2016 sein Herz versagte und er bei Chefarzt Wagner in Bad Wörishofen landete. Dessen Worte fruchteten: Noch in der Reha begann Zörlein mit Nordic Walking, stellte seine Ernährung um – und lieh sich ein Fahrrad für kleinere Rundfahrten aus.

Die Sportbegeisterung kam zurück – und ist bis heute geblieben.  Und wie zuvor, macht Zörlein keine halben Sachen. „Ich teste meine Grenzen aus“, sagt er.  Im Mai war er 17 Tage lang in der Emilia Romagna in Italien mit dem Rennrad auf Tour: 2400 Kilometer Strecke und 26 000 Höhenmeter sind dabei zusammengekommen. Auch vom heimischen Vöhringen aus unternimmt der 72-Jährige weitläufige Ausfahrten. „Unter 100 Kilometern lohnt sich ja das Umziehen nicht“, sagt er.  Zörlein  ist braungebrannt und schlank, wiegt 65 Kilo. Er fühlt sich fit und von seinem zurückliegenden Herzinfarkt unbeschadet.

Und das ist die Botschaft, die er anderen Infarktpatienten mitgeben will. Dass es nichts bringt, sich aus lauter Angst vor einem zweiten Infarkt komplett zurückzuziehen. „Es gibt ein lebenswertes Leben nach einem Herzinfarkt. Auch ein lebenswertes Sportlerleben.“ Zörlein ist klar, dass sein Pensum herausragt, dass viele andere diese Intensität nicht mitgehen können. Aber darum geht es auch gar nicht. Zörlein will Mut machen, sich das eigene Leben soweit es geht zurückzuholen. „Die Psychologie spielt dabei eine riesengroße Rolle“, sagt er. „Angst bringt nichts. Das möchte ich den Leuten zeigen.“

„Einmal Hölle und zurück“

Namensgeber Zweimal nahm Bernd Zörlein an einem 230 Kilometer langen Mountainbike-Marathon im Salzkammergut teil. Mehr als 15 Stunden war er jeweils unterwegs. Auch ein Fernsehteam berichtete. Und interviewte Zörlein. „Einmal Hölle und zurück“, kommentierte der Vöhringer das Rennen. Der Spruch gefiel den Organisatoren so gut, dass sie ihrer Veranstaltung offiziell diesen Titel gaben.

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