Textilmesse Wenn Nachhaltigkeit Spaß macht, kommt sie auch an

Dietenheim knüpft an – an seine Geschichte als großer Textilstandort.
Dietenheim knüpft an – an seine Geschichte als großer Textilstandort. © Foto: Martin Dambacher
Dietenheim / Von Martin Dambacher 11.06.2018

Tausende Besucher schlenderten gestern durch die in eine Messehalle umfunktionierte Dietenheimer Sporthalle und ließen sich wie bei der Premiere im Herbst 2016 und der erfolgreichen Fortsetzung im Mai 2017 von „Dietenheim zieht an“ inspirieren. Alt und jung waren genauso begeistert, wie die über 30 Aussteller. Zu Entdecken gab es dabei nicht nur attraktive und nachhaltig produzierte Sport- und Freitzeitkleidung, Unterwäsche, Lederwaren und Accessoires, sondern auch die neuesten Trends aus den Bereichen Mieten, Leihen und Tauschen von Kleidungsstücken.

Ein Fachsymposium mit dem Titel  „Verantwortungsvolle Unternehmensführung in der Textilwirtschaft“ zeigte zudem auf, dass eine saubere und nachhaltige Textilproduktion am Standort Deutschland sehr wohl möglich ist, obwohl oder gerade weil die Unternehmen ein hohes Maß an Sozialverantwortung tragen. Dies unterstrich auch Wolfgang Grupp, Inhaber des Textilunternehmens Trigema, in seinem Vortrag. „Ein Land wie Deutschland, das zu 86 Prozent vom Export lebt, wird ohne Fabriken und Arbeiter nicht zukunftsfähig sein“, sagte er, eine Volkswirtschaft ausschließlich mit Dienstleistung werde nicht funktionieren. „Wenn ich also gefragt werde, ob Deutschland ein Standort mit Zukunft ist, muss ich dies klar bejahen“, so Grupp weiter, auch wenn in einem Hochlohnland wie Deutschland Massenprodukte auf Dauer nicht mehr rentabel produzierbar seien.

Da T-Shirts, Pullis, Hosen und andere Kleidungsstücke aber genau hierzu zählen, erforschte die Universität Ulm zusammen mit der Hochschule Reutlingen in dem vom Land Baden-Württemberg mit 960 000 Euro geförderten Forschungsprojekt „Nachhaltige Transformation der Textilwirtschaft am Standort Dietenheim“ mögliche Lösungen und Wege für die Zukunft. Denn Dietenheim bietet mit seiner großen Textil-Vergangenheit nicht nur das Potential, Neues in diesem Bereich auszuprobieren, sondern beheimatet mit der Firma Otto auch noch einen der führenden Garnhersteller Europas.

Sensibilisierung für nachhaltige Textilien

Mit der wichtigste Baustein im sogenannten Reallabor war die aktive Einbeziehung der Bevölkerung. Daraus sind unter anderem auch die Ideen zum Nähcafe und dem im Herbst 2017 eröffneten Pop-Up-Store für nachhaltige Mode entstanden – und eben das Konzept zur Messe „Dietenheim zieht an“. „Da Modegeschäfte durch den Onlinehandel immer mehr in Bedrängnis kommen, suchten wir nach alternativen Vertriebswegen“, erklärt Professor Martin Müller von der Universität Ulm. „Mit dem Wissen, dass der moralische Zeigefinger für Nachhaltigkeit nicht funktioniert und Einkaufen als Erlebnis gesehen wird, ist uns die Idee der Modemesse gekommen“, so Müller weiter. Letztlich müsse Nachhaltigkeit Spaß machen, um bei den Leuten anzukommen. Eine umfangreiche Befragung der Bevölkerung zu Beginn und am Ende des Projekts hat jedoch gezeigt, dass aktuell noch keine breite Sensibilisierung für nachhaltige Textilien besteht. „Die Konsumenten kaufen primär was gefällt, günstig und verfügbar ist“, berichtet Otto-Geschäftsführer Andreas Merkel. Öko-Siegel hätten nach wie vor nur einen geringen Bekanntheitsgrad, und die Frage nach der Herstellung von Textilien würde noch immer zu selten gestellt. Auch die Hoffnung über das Reallabor fünf bis sechs neue Textilgeschäfte im Illerstädtchen anzusiedeln habe sich bis dato nicht erfüllt, sagt Müller.

In wieweit es möglich ist dem Einzelhandel in der Innenstadt durch Ladengeschäfte wie dem Nähcafé oder temporären Pop-Up-Stores dauerhaft neue Impulse zu geben, ist sich auch Bürgermeister Christopher Eh noch nicht sicher – dies müsse erst analysiert werden: „Wichtig für mich ist, dass Dietenheim durch das Forschungsprojekt erheblich an positiver, überregionaler Bekanntheit gewonnen hat.“

Wie es mit der Messe „Dietenheim zieht an“ nach Ablauf des Projekts in diesem Jahr weiter geht, ist indes noch offen – sicher ist nur, dass das Forschungsprojekt durch das Land nicht verlängert wird und eine Veranstaltung in diesem Rahmen ohne Fördergelder und externe Unterstützung für den Ort schwer zu stemmen sein wird.

In Reallaboren arbeiten Praktiker mit

Forschungsprozess In Reallaboren begeben sich Wissenschaftler in reale Veränderungsprozesse. Sie begleiten zum Beispiel die Sanierung von Stadtteilen, die Einführung neuer Mobilitäts- und Energiesysteme oder erforschen wie im Fall Dietenheim, ob Nachhaltigkeit wirtschaftliche Zukunftschancen für eine Region bieten kann. Das Besondere daran: In solchen Reallaboren werden Praktiker aus Kommunen, Sozial- und Umweltverbänden oder Unternehmen von Anfang an in den ergebnisoffenen Forschungsprozess mit einbezogen.

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