Verkehr Wenn Gaffer Tragödien filmen

Die Polizei spricht von einem gesellschaftlichen Phänomen: Wer Rettungseinsätze und Unfallbeteiligte filmt und dabei womöglich Helfer bei ihrer Arbeit behindert, macht sich strafbar
Die Polizei spricht von einem gesellschaftlichen Phänomen: Wer Rettungseinsätze und Unfallbeteiligte filmt und dabei womöglich Helfer bei ihrer Arbeit behindert, macht sich strafbar © Foto: Maurituis-Image
Kreis Neu-Ulm / Carsten Muth 28.02.2018
Seitdem die A8 von Ulm aus in Richtung München ausgebaut ist, häufen sich dort die schweren Unfälle.

Ein schwerer Unfall auf der Autobahn, Menschen ringen mit dem Tod, doch die Retter kommen nicht durch. Es ist ein Drama, das sich nach Angaben der Polizei immer wieder auch auf den Autobahnen der Region abspielt. Das jedenfalls berichtete Werner Schedel, Leiter der Autobahnpolizei Günzburg, gestern bei der Vorstellung der Verkehrsstatistik für das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten. Schedel sagte: „Es ist wahnsinnig wichtig, dass die Leute eine Rettungsgasse bilden.“ Leider geschehe dies viel zu selten. Die Folge: Helfer verlieren Zeit, gelangen nicht schnell genug an die Unfallstelle. Zeit, die Leben retten könne.

Zahlen 2017 gab es im Landkreis Neu-Ulm – inklusive der gleichnamigen Stadt – insgesamt 5771 Unfälle, das waren 285 mehr als im Jahr zuvor. Dabei wurden 1046 Personen verletzt (2016: 1055). Zwei Menschen kamen bei Unfällen in dem Landkreis ums Leben. 2016 waren es acht.

Hintergrund Der Kreis Neu-Ulm gehört zum Zuständigkeitsbereich des Präsidiums, die Autobahnpolizei Günzburg überwacht große Teile der A 7 und der A 8 in der Region.

Gaffer Die Rücksichtlosigkeit auf Autobahnen nimmt zu, die Schamlosigkeit auch. Stichwort: Gaffer. „Ein gesellschaftliches Phänomen“, sagte der stellvertretender Präsidiumsleiter Guido Limme. Sein Kollege Werner Schedel berichtete von einem Lkw-Fahrer, der auf der A 8 bei Günzburg ausstieg, sich auf die Mittelleitplanke stellte, um einen Motorradfahrer zu filmen – der seinen schweren Verletzungen erlag. Und von Lkw-Fahern, „die während der Fahrt in ihrem Führerhaus aufstehen, mit den Oberschenkeln lenken und mit dem Handy Bilder von Schwerverletzten machen“. Schedel machte klar: Wer solche Tragödien filmt und dabei nicht selten auch die Rettungskräfte behindert, macht sich strafbar – wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs. Darauf stünden Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr.

Unfälle Während die Kennzahlen für die Stadt und den Kreis Neu-Ulm eher erfreulich sind – es gab 2017 mehr Unfälle, aber weniger Verletzte und Tote – bereitet die A 8 den Verkehrswächtern Sorge. Denn seitdem die Autobahn zwischen dem Kreuz Ulm-Elchingen und München sechsspurig ausgebaut ist, häufen sich die schweren Unfälle. „Damit war leider zu rechnen“, sagte Werner Schedel, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Hintergrund: Die Autobahn ist laut Polizei nach modernsten Erkenntnissen ausgebaut worden, hat breite Fahrspuren, kaum Steigungen, bietet in der Regel eine gute Sicht. Deshalb würden allerdings dort heute wesentlich höhere Geschwindigkeiten gefahren als früher. Was wiederum heißt: Wenn es kracht, dann häufig mit fatalen Folgen.

Rettungsgasse Auf Autobahnen gilt: Eine Gasse bereits dann bilden, sobald der Verkehr stockt oder zäh fließt. „Es könnte ja weiter vorne ein Unfall passiert sein“, erklärte Schedel. Er betonte: Auf dreispurigen Autobahnen fahren die links fahrenden Fahrzeuge nach links, der Rest nach rechts und bildet so eine Gasse. „Wobei der Begriff Gasse irreführend ist. Denn sie muss so breit wie möglich sein, damit auch Kranwagen durchkommen.“

Lkw befinden sich im Falle eines Rückstaus wegen eines Unfalls grundsätzlich auf der rechten Spur – und fahren dort ganz nach rechts. „Die haben auf der linken Spur nichts verloren“, sagt der Polizist. Zudem sollten Lastwagen genügend Abstand zu den Vorausfahrenden lassen, damit Rangiermöglichkeiten bestehen.

Staatsanwaltschaft ermittelt noch

Todesopfer Innerhalb weniger Tage ist es im Oktober 2017 im Alb-Donau-Kreis zu zwei Verkehrsunfällen mit tödlichem Ausgang gekommen. Beide Male war ein getunter AMG-Mercedes beteiligt. Am Sonntag, 8. Oktober verunglückte zwischen Amstetten und Schalkstetten ein Sportwagen, der mit weit überhöhter Geschwindigkeit auf der Kreisstraße fuhr. Der Mercedes flog meterhoch durch den Wald, die 24-jährige Beifahrerin und ein 15-Jähriger starben, ein 16-Jähriger wurde lebensgefährlich, der 27-jährige Fahrer leicht verletzt. Nur drei Tage später, am 11. Oktober, verunglückten bei einem Zusammenprall zwei 40 und 60 Jahre alte Autofahrer bei Berghülen tödlich. Eine 23-jährige Fahrerin wurde verletzt. Beide Fälle wurden inzwischen der Staatsanwaltschaft Ulm übergeben. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, sagte Sprecher Michael Bischofberger. Daher sei noch offen, ob Anklage erhoben wird. lai

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