Weißenhorn Weißenhorn will früheres Militär-Areal als Gewerbegebiet ausweisen

Weißenhorn / CARSTEN MUTH 28.01.2015
Feldtörle. So heißt das Areal im Weißenhorner Westen, auf das im Zweiten Weltkrieg hunderte Bomben fielen. Nun soll das Feldtörle Gewerbegebiet werden. Das Projekt könnte Millionen verschlingen.

Weißenhorn boomt. Der Weißenhorner Bürgermeister Wolfgang Fendt ist derzeit mächtig stolz auf seine Stadt und wird nicht müde, dies auch zu betonen. Die Nachfrage nach Bauplätzen sei enorm. Kürzlich habe die Stadt ein kleines Baugebiet mit zehn Grundstücken für Einfamilienhäuser in der Nähe der Mittelschule ausgewiesen. "Wir hatten 70 Bewerbungen auf diese zehn Plätze", sagt Fendt. Auch Gewerbeflächen seien rar geworden. Deshalb will die Stadt ein neues Gewerbegebiet im Weißenhorner Westen ausweisen. Darauf haben sich die Stadträte am Montagabend verständigt - wohlwissend, dass die Verwirklichung des Vorhabens teuer wird.

Geplant ist das neue Gewerbegebiet im Feldtörle auf einem 21 Hektar großen Areal zwischen der Bahnlinie nach Senden im Norden und dem A7-Zubringer im Süden. Die Planer gehen davon aus, dass die Erschließung des Gebiets mindestens 18 Millionen Euro verschlingt. Grund: Das Feldtörle ist altlastenverseucht. Im Zweiten Weltkrieg befanden sich dort große Tanklager der Wehrmacht. 1944 und 1945 warfen US-Kampfflugzeuge hunderte Sprengbomben über dem Gebiet ab. Nach dem Krieg wurden die vielen Bombentrichter mit Schlacke, Hausmüll und Bauschutt aufgefüllt.

Ob sich in dem Boden noch Blindgänger befinden und wie viele Munitionsreste und Gifte, ist völlig unklar. "Was die Kampfmittelbeseitigung betrifft, lassen sich noch keine exakten Angaben machen", bestätigt Stefan Steinbacher vom gleichnamigen Planungsbüro.

Laut Steinbacher müssen 15 Hektar Wald gerodet, der Boden muss aufgeschüttet, das gesamte Gelände um einen Meter erhöht werden, um den Abfluss des Abwassers in das Rückhaltebecken im angrenzenden Industriegebiet Eschach zu gewährleisten. Darauf besteht das Wasserwirtschaftsamt. Deren Experten sagen: Das Regenwasser muss aus dem Feldtörle abgeleitet werden. Es darf nicht im Boden versickern, weil sich dort belastetetes Material befindet.

Aufwendig ist auch die verkehrstechnische Erschließung. Sie erfolgt über den Autobahnzubringer Illerberger Straße. Die Kreuzung Illerberger und Daimler Straße wird zu einem Kreisverkehr mit Bypass umgebaut, zudem soll einige hundert Meter weiter ein zusätzlicher Kreisel entstehen, über den die Fahrzeuge ins Feldtörle gelangen.

Ungeachtet all dieser Herausforderungen und der zu erwartenden Kosten will die Stadt den Plan vorantreiben, einen Bebauungsplan für das Feldtörle ausarbeiten - aus Mangel an Alternativen, wie es heißt. Die Stadt habe keine andere Wahl, wenn sie für Investoren interessant bleiben will, stellt Bürgermeister Fendt klar. Die deutliche Mehrheit im Stadtrat weiß der Verwaltungschef hinter sich. Lediglich CSU-Rat Josef Wanner stimmte am Montag gegen den Plan der Verwaltung.

Kritische Stimmen gibt es durchaus: Grünen-Stadtrat Ulrich Fliegel etwa warnt vor einem finanziellen Kraftakt, der die Stadt überfordern könne. Die vorgelegten Zahlen nennt Fliegel "schockierend", das Projekt ein "Fass ohne Boden". Der Grünen-Rat spricht wie sein CSU-Kollege Wanner von der "grünen Lunge Feldtörle". Beide bedauern, dass das Waldstück dort abgeholzt werden soll.

Thomas Schulz (SPD) hält dagegen: "Was haben wir denn sonst für Möglichkeiten?", fragt er. Schulz betont: "An der Stelle haben wir einen Gleis- und Autobahnanschluss. Also alles, was ein attraktives Gewerbegebiet braucht." SPD-Fraktionssprecher Herbert Richter findet: Die Stadt muss den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen. "Auch wenn einen die Erschließungskosten erst einmal erschlagen."

Die Planer haben "alles mit reingepackt" in ihre ersten Berechnungen, "nichts schön gerechnet", wie Stefan Steinbacher sagt. Er sagt auch: "Es gibt finanziell sicher noch einiges zu optimieren." Das hört Bürgermeister Fendt gerne. Er räumt ein: 18 Millionen Euro Erschließungskosten sind viel zu viel. Grund, deshalb an den Plänen zu zweifeln, hat Fendt nicht. Notfalls werde die Stadt das Areal eben sukzessive erschließen, um Kosten und Grundstückspreise im Rahmen zu halten. "Wir stehen erst am Anfang des Verfahrens."

Luftangriffe auf Weißenhorn

Tanklager Weißenhorn ist im Zweiten Weltkrieg acht Mal von alliierten Luftstreitkräften angegriffen worden. Ziel der US-Bomberverbände waren der Bahnhof und die Tanklager der Wehrmacht, die sich etwas abgelegen von Weißenhorn getarnt im Hochwald Eschach befanden.

Sprengbomben Der erste schwere Angriff fand am 13. September 1944 statt. 45 US-amerikanische Bomber warfen binnen fünf Minuten mehr als 200 Sprengbomben über der Stadt ab. Neun Menschen starben. Die Brücke über die Roth in der Ulmer Straße wurde zerstört, mehr als 30 Gebäude wurden beschädigt, darunter auch der Bahnhof. Das Tanklager im Eschach hingegen überstand den Angriff fast unbeschädigt. Die meisten Bomben schlugen auf einem Feldstück zwischen dem Areal Feldtörle und der Stadt ein.

Zerstörung Anfang April 1945 flog die US-Luftwaffe erneut schwere Angriffe auf Weißenhorn. Diesmal wurde das Tanklager von Spreng- und Brandbomben getroffen und größtenteils zerstört. Es kam zu heftigen Explosionen in den mit Benzin gefüllten Tanks, acht Menschen starben bei dem Angriff. Die Rauchschwaden sollen tagelang über der Stadt gestanden haben. Als sie abgezogen waren, machten Aufklärer der US-Verbände Luftaufnahmen. Auf diese Weise dokumentierten die Amerikaner die Schäden.

 

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