Die Reihen hatten sich schon arg gelichtet, auch Jürgen Bischof (Freie Wähler) war auf dem Sprung, als der Kreis-Werkausschuss gestern nach fast vierstündiger Debatte entschied: Die Verbrennung des so genannten freigemessenen Mülls aus dem Atomkraftwerk Gundremmimgen im Müllheizkraftwerk (MHKW) in Weißenhorn geht weiter. Denn der von der SPD gestellte Antrag, diese Entsorgung zu stoppen, fand im Gremium keine Mehrheit. Allerdings soll die Müllmenge auf maximal 20 Tonnen im Jahr begrenzt werden. Und es soll umfangreiche Messungen geben.

Die Kreisverwaltung hatte zu der auf eine Anfrage von Herbert Richter (SPD) hin aufgekommenen Debatte ein umfangreiches Informationspaket für die Kreisräte geschnürt. Wie berichtet, war am 22. Januar klar geworden, dass schwach strahlender Mischabfall seit 2016 im MHKW landet – bis heute 46 Tonnen. Landrat Thorsten Freudenberger setzte daraufhin die Verbrennung. aus. In den Unterlagen für die Kreisräte wird zum einen eine Einschätzung der Bezirksregierung zitiert, wonach die 2015 geschlossene Zweckvereinbarung mit dem Kreis Günzburg, der dem Müll aus Gundremmingen den Weg nach Weißenhorn ebnet, nicht einfach gekündigt werden könne.

Weil eben aus dem Meiler rechtlich gesehen kein Atom-Müll angeliefert wird, sondern „herkömmlicher Industriemüll, wie er in jedem Gewerbebetrieb anfällt“, wie Heiko Ringel, der technische Geschäftsführer des Atomkraftwerkes, sagte. Dieser könne nur über eine Verbrennung entsorgt werden. Es entstehe dadurch „keine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung“.

Dem pflichtete Klaus Buß vom Landesamt für Umwelt bei. Da der Mischabfall – Wischtücher, Schutzanzüge, alte Tische – vordefinierte Grenzwerte einhalte, wirke auf Menschen pro Jahr nicht mehr als zehn Mikrosievert. Das sei unbedenklich, angesichts einer Hintergrundstrahlung von 2100 Mikrosievert im Jahr.

Allerdings, machte Freudenberger klar, ist dieser rechtliche Einschätzung nur eine Seite. Auch die Ängste in der Bevölkerung, gestützt auf die kritische Ulmer Ärzteinitiative, nehme er ernst. Die Bedenken, dass keine auch noch so geringe ionisierende Strahlung ungefährlich ist, wird in den Unterlagen ausführlich wiedergegeben. Die Frage sei nur, welchem Arzt man glauben wolle. Was nicht weiterhelfe, sei „eine ideologiegeleitete Debatte“ über Mess- und Grenzwerte.

Wer von „radioaktivem Müll“ spreche, der wolle bei der Bevölkerung „bestimmte Bilder und Ängste“ hervorrufen. Es gelte aber, „verantwortungsvoll“ mit dem Thema umzugehen. Zumal die letzte Messung vom 4. Februar zeigt, dass sich in Filter und Schlacke keine Isotope aus dem AKW niedergeschlagen haben.

Strahlung kommt oben drauf

Richter, der in Weißenhorn der Bürgerinitiative gegen die Müllverbrennung angehört, beharrte: „Ich sehe das so, das ist Müll, der immer noch radioaktiv ist.“ Das Freigabeverfahren und die Risikoabschätzung beruhten auf „diffusen Rechenmodellen“. Die Strahlung aus dem AKW-Müll komme oben drauf. „Wir sollten diesen Entsorgungsweg nicht ermöglichen. Zum Schutz der Mitarbeiter und der Bevölkerung.“

Lediglich vier Kreisräte waren dafür, die Verbrennung von AKW-Müll zu stoppen. Und allein Richter war für die Kündigung der Zweckvereinbarung mit dem Kreis Günzburg. Die Mehrheit sah kein Problem. Etwa Franz Josef Niebling (CSU), der zwar aus Weißenhorn ist, für den aber die Messergebnisse aus dem MHKW und die als „völlig unauffällig“ bezeichneten Werte der Weißenhorner Messstation des Bundesamtes für Strahlenschutz ausschlaggebend sind.

Die Mehrheit war indes dafür, in Verhandlungen auf maximal 20 Tonnen pro Jahr zu kommen. Derzeit plant das Atomkraftwerk ab 2022 jährlich bis zu 100 Tonnen in Weißenhorn zu entsorgen. Die Reduzierung will Freudenberger über das Umweltministerium erreichen: Der AKW-Abfall soll auf weitere Müllheizkraftwerke in Bayern verteilt werden.

Alle Kreisräte waren dafür, dass mit dem Öko-Institut Freiburg ein Gutachten erstellt wird, um Gefährdungen bei der Annahme des Mülls auszuschließen. Das Institut hat das Land Baden-Württemberg beim selben Thema beraten. Ebenfalls alle waren dafür, weitere Messungen in Abluft, Schlacke und Filter vornehmen zu lassen, wenn wieder AKW-Müll verfeuert wird. Im März soll es wohl soweit sein. Zudem gab der Ausschuss dem Landkreis seine Zustimmung für den Bau einer eigenen Messstation für Radioaktivität und Schadstoffe in Weißenhorn.

Der Kreis Neu-Ulm entsorgt auch Müll beim Nachbarn


Information Seit 2014 ist im Landratsamt bekannt, dass freigemessener Müll aus dem AKW Gundremmingen in Weißenhorn verbrannt werden soll. Auf Vorschlag der Werkleitung sollten am 28. November 2014 die Kreisräte informiert werden. Das unterblieb „aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen“.

Fund In der am 4. Januar 2019 gezogenen Probe in Filterstaub und Schlacke wurden nur das künstliche Nuklid I-131 aus nuklearmedizinischen Anwendungen und Cs-137 aus dem Reaktorunglück von Tschernobyl gefunden.

Nutzen Von der Müll-Zweckvereinbarung mit dem Kreis Günzburg profitiert auch der Kreis Neu-Ulm: Dieser entsorgt auf der Deponie Burgau nicht-brennbare Abfälle und Schlacken.

Veranstaltung Eine Info-Veranstaltung in Weißenhorn, wo die Hälfte der Besucher gegen die AKW-Müll-Verbrennung antritt, mache er nicht, sagt der Landrat. So etwas spalte bloß.