Serie Wahrzeichen für einen Ort voller Geschichte

Altenstadt / Von Michael Seefelder 03.09.2018

Klar in der Formensprache und friedvoll in die Umgebung eingebettet, lädt der Brunnen auf dem Altenstadter Synagogenplatz zur Rast ein und verheißt Erfrischung an heißen Sommertagen. Er steht genau an der Schnittstelle der Türen der ehemaligen jüdischen Schule (heute ein Geschäftshaus) und des 1955 abgerissenen Gotteshauses. Ein rundes Brunnenbecken wird von einer Säule mit Kugel überragt, aus einem in mittiger Höhe angebrachten Hahn plätschert das Wasser nach unten. Entworfen wurde der Wasserspender aus Schweizer Sandstein von Steinmetzmeister Helmut Stölzle. Die feierliche Enthüllung fand 1998 statt, als der gesamte Synagogenplatz neu gestaltet wurde.

Das Bauwerk ist einem eisernen Brunnen nachempfunden, der nur wenige Meter entfernt stand. Der Platz, an dem er angesiedelt ist, hat im Illertal eine herausragende historische Bedeutung. Denn er liegt mitten in der einstigen jüdischen Siedlung des Ortes an der heutigen Memminger Straße (im Volksmund noch immer Judengasse), deren Mittelpunkt eine der prachtvollsten Synagogen Süddeutschlands war.

Wie Gemeindearchivar Dieter Imminger und der ebenfalls historisch interessierte Günther Backhaus wissen, spielte Wasser im jüdischen Viertel seit jeher immer eine besondere Rolle. Die Juden in Altenstadt hätten die Quellen an der Halde schon früh gefasst und als erste Siedlung des Ortes quasi fließendes Wasser zur Verfügung gehabt, berichten sie. Gebraucht worden sei es unter anderem für die Mikwe, ein Tauchbad im Judentum zu rituellen Zwecken, das neben der Synagoge stand. „Die Mikwe hatte vielleicht auch etwas mit dem damaligen Brunnen zu tun“, spekuliert Backhaus, der früher unter anderem Führungen auf dem jüdischen Friedhof Illereichen angeboten hat.

Die Einnahmen daraus stellte er zur Verfügung, damit eine Gedenktafel am Standort der Synagoge angebracht werden kann, die an die Juden des Ortes erinnert. Backhaus ist profunder Kenner der jüdischen Geschichte Altenstadts und kann sich wie Archivar Imminger gut an die Zeit erinnern, als die Synagoge noch stand. „Nach Aussage von Fachleuten war das eine der schönsten Synagoge in Schwaben“, sagt Backhaus.

Schon in der Bibel, aber auch in vielen Märchen und Volkserzählungen erscheint der Brunnen als Motiv mit mannigfaltiger Bedeutung. Er steht für Liebe, Trost und das Leben an sich, aber auch für Gefangenschaft und Tod. Somit kann er als Metapher für die ganze wechselvolle Geschichte der Juden in Altenstadt gesehen werden. Mit mehr als 400 Personen machten die Juden in den 1830er Jahren etwa die Hälfte der Ortsbevölkerung aus. Durch Auswanderung schrumpfte die Gemeinde in der Folge kontinuierlich. 1940 hatte Altenstadt noch 24 jüdische Einwohner, die schließlich in Vernichtungslager deportiert wurden.

Heute erinnern neben mehreren noch bestehenden Gebäuden der Judensiedlung Stelen aus Granit an den Grundriss der 1802/1803 im repräsentativen Empire-Stil von Baumeister Johann Nepomuk Salzgeber geschaffenen Synagoge. 1938 bei der Reichspogromnacht in einem dreisten Akt sinnloser Barbarei demoliert und durch Feuer beschädigt, wurde das Zeugnis jüdischen Lebens in Süddeutschland 1955 vollständig abgebrochen. Wie Günther Backhaus berichtet, ereilte die ehemalige Mikwe dasselbe Schicksal. Backhaus und Imminger nennen die Abrisse eine „Dummheit“ und verweisen auf positive Beispiele wie in Fellheim, wo die ehemalige Synagoge restauriert wurde und nun als Veranstaltungsraum genutzt wird.

 Durch die Neugestaltung des Synagogenplatzes mit dem Brunnen als Wahrzeichen war vor 20 Jahren ein erster Schritt unternommen worden, den geschichtsträchtigen Ort wieder mit Leben zu erfüllen. Nicht zurückkehren wird jedoch die lebendige jüdische Kultur, die Jahrhunderte lang selbstverständlich zu Altenstadt gehörte und die den Ort im friedlichen Zusammenleben der Religionen bereicherte.

Stumme Zeitzeugen

Brunnen Sie schmücken zentrale Plätze, laden mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein und symbolisieren mit ihrem sprudelnden Wasser das Leben schlechthin. Dazu stehen sie meist für Geschichte und Geschichten im Ort. Wenn sie könnten, hätten die stummen Zeitzeugen aus Bronze und Stein sicher Erstaunliches zu erzählen.

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