Weißenhorn Von Zuhause zurück in die Heimat

Weißenhorn / CARSTEN MUTH 10.08.2013
Massenproteste, Unruhen, blutige Zusammenstöße. Es gibt sicherere Länder als Ägypten derzeit. Die Familie Hellendrung hat sich dennoch für ein Leben in Kairo entschieden - und dort ihr Glück gefunden.

Aller Anfang ist schwer. Das hat die Familie Hellendrung aus Weißenhorn erfahren, als sie nach Ägypten auswanderte. Freunde und Familie waren weit weg, die fremde Kultur und das Leben in der Millionenmetropole Kairo gewöhnungsbedürftig. Dann erreichte der arabische Frühling das Land. Massenproteste, revolutionäre Unruhen, der Sturz des Mubarak-Regimes. Viele verließen das Land, die Hellendrungs blieben.

Gut drei Jahre sind seitdem vergangen. Ägypten wird wieder von Unruhen erschüttert. "Dieser Machtkampf bereitet uns Sorgen", sagt Holger Hellendrung. Vor dem Umzug war er Lehrer an der Realschule in Blaustein. Heute leitet er eine deutsche Privatschule in Kairo, unterrichtet Chemie, Physik und Englisch. Kürzlich hat der 43-Jährige seinen Vertrag in Kairo um drei weitere Jahre verlängert. "Mit Zustimmung des Familienrats", sagt er und lächelt. Frau Miriam (40) und die beiden Kinder Lea (7) und Jonas (10) haben zugestimmt.

Die Familie aus Weißenhorn hat sich ihren Traum vom Leben im Ausland erfüllt. Zurück nach Deutschland wollen die Hellendrungs jedenfalls vorerst nicht. Auch deshalb, weil sich die Kinder in Kairo wohlfühlen. Lea und Jonas spielen Tennis und Fußball, gehen Schwimmen im Verein. Sie haben wie ihre Eltern neue Freunde gefunden und Arabisch gelernt. "Wir sind so richtig angekommen", sagt Holger Hellendrung. Er und seine Familie wohnen komfortabel. Abseits des großen Trubels haben sie im vergangenen Jahr ein schönes, großes Haus bezogen. Satte 250 Quadratmeter Wohnfläche, Garten, Pool, privater Sicherheitsdienst. "6th-October-City" nennt sich der Stadtteil im Westen der Metropole. Bis zum Tahrir-Platz, dem Epizentrum der Demonstrationen, sind es 30 Kilometer. Spürbar sind die Unruhen aber auch in der "6th-October-City".

"Niemand weiß, wohin dieser Machtkampf führt", sagt Familienvater Hellendrung. Anhänger und Gegner des geschassten Präsidenten Mursi stünden sich unversöhnlich gegenüber, das Land sei gespalten, die Terrorgefahr steige. Die Zeiten sind unruhig geworden in Ägypten. Wieder einmal. Das spüren auch die Kinder. "Angst haben sie aber nicht", betont ihr Vater.

Bis Ende vergangenen Jahres haben Lea und Jonas eine deutsche Schule in der Nähe des Stadtzentrums besucht. Als die Proteste zunahmen, haben die Hellendrungs ihre Kinder dort abgemeldet. "Das war uns zu heikel geworden", räumt Vater Holger ein. "Inzwischen sind die beiden an meiner Schule in unserem Stadtteil." Die Sicherheit der Familie gehe vor.

Miriam Hellendrung hat anfangs an der Schule ihres Mannes in der Verwaltung gearbeitet. Jetzt ist sie die "Familienmanagerin", wie ihr Mann sagt. Die 40-Jährige kümmert sich um Kinder, Haus, Garten, erledigt den Schriftkram, macht Termine für Treffen mit Freunden aus. "Wenn meine Frau im Hintergrund nicht wirklich alles regeln würde, dann würde unser Leben in Kairo nicht funktionieren."

Die Arbeit an der Schule in Kairo ist für Holger Hellendrung auch nach drei Jahren eine Herausforderung. "Man kann dort unheimlich viel gestalten, es passiert so viel." Die Entscheidung, auszuwandern, hat er nicht bereut. "Für uns ist das Leben hier ein Abenteuer." Dafür jedoch müsse man "gemacht und offen" sein. "Man kann nicht nach Ägypten gehen und Deutschland im Kopf haben. Das funktioniert nicht." In Kairo sei das Leben eben längst nicht so organisiert und strukturiert wie im Westen. "Das war auch für uns anfangs schwierig zu akzeptieren."

Kairo ist unser Zuhause, Weißenhorn wird unsere Heimat bleiben, sagen die Hellendrungs. Ihr Haus in Weißenhorn-Hegelhofen haben sie vermietet, in dem Gebäude aber eine Einliegerwohnung gemietet. Dort machen sie derzeit Ferien von Zuhause. Seit einigen Wochen sind die Hellendrungs auf Heimaturlaub in Weißenhorn. Am 21. August geht es zurück nach Ägypten. Am 1. September beginnt dort die Schule. "Wir alle freuen uns darauf."

Proteste in Ägypten dauern an