Was einst ein Seat war, ist zum blechernen Trümmerhaufen geworden. Nach mehreren Überschlägen liegt der Wagen auf dem Dach am regennassen Rand der Autobahn. Teile der Front sind abgerissen, persönliche Gegenstände der Fah­rerin liegen im Gras verstreut. Die Frau selbst ist schwer verletzt.

Bilder wie dieses gehören für die Freiwillige Feuerwehr Oberelchingen zum Einsatzalltag. Allein in den vergangenen beiden Wochen rückten die ehrenamtlichen Retter vier Mal zu schweren Verkehrsunfällen aus. Meist geht es dabei auf die Autobahn – die A8 oder die A7 –, immer wieder kommt für die Betroffenen jede Hilfe zu spät.

Viele Einsätze für Feuerwehr Oberelchingen auf der Autobahn

„Wir sehen bei unseren Einsätzen wirklich alles“, sagt Kommandant Thomas Theinert. Von Unfallopfern, die fast unversehrt aus ihren zerstörten Autos steigen, bis hin zu Menschen mit schwersten oder lebensbedrohlichen Verletzungen und abgetrennten Gliedmaßen. Manche wurden von mehreren Fahrzeugen überfahren, sind in ihren Autos eingeklemmt, versterben noch während des Einsatzes am Unfallort.

Das allein ist belastend. „Besonders schwierig wird es, wenn Kinder betroffen sind“, sagt Theinert. „Wenn das Opfer nichts dafür konnte“, ergänzt sein Kollege Philipp Ott, 34. Wenn Geisterfahrer absichtlich in den Gegenverkehr rauschen, wenn Autofahrer, die am Ende eines Staus warteten, von Lkw-Fahrern übersehen und zerquetscht werden.

Baden-Württemberg/Bayern

Während der Arbeit ist das alles kein Thema. „Im Einsatz selbst funktioniert man einfach.“ Danach sei aber stets eine Frage relevant: „Haben wir alles getan, was wir können?“ Die Oberelchinger Wehr ist bestens ausgerüstet und gut ausgebildet – neben der feuerwehrtechnischen Ausbildung sind rund 30 der 52 Aktiven auch Sanitätshelfer. „Das ist die Basis“, sagt Theinert. „Wenn man es dann trotzdem nicht geschafft hat, ein Leben zu retten, dann hat es nicht sollen sein.“ Eine Einstellung, die hart klingt, das weiß der 45-Jährige. Aber er weiß auch: „Es bringt nichts, wenn wir uns an die Unfallstelle setzen und heulen.“

Kollegen der Feuerwehr Oberelchingen unterstützen sich

„Es muss weitergehen“, sagt auch Theinerts Stellvertreter Thomas Schneid, 51 Jahre alt, seit 35 Jahren bei der Feuerwehr. Ihm helfe in schweren Einsätzen seine Ausbildung zum Ersthelfer. „Wenn man einen gewissen medizinischen Hintergrund hat, sieht man vieles anders als ein reiner Feuerwehrmann.“ Dann wisse man: „Bei diesen schweren Verletzungen hattest du keine Chance.“ Eine Anspannung bleibt für Theinert und seine Kameraden dennoch bei jedem Unfalleinsatz: „Hoffentlich kennen wir den Betroffenen nicht.“

Alleine gelassen mit seinen Eindrücken wird niemand. Die Feuerwehr Oberelchingen verfügt über zwei Kameraden, die eine Zusatzausbildung für die psychosoziale Notfallversorgung von Einsatzkräften absolviert haben. „Nach dem Einsatz geht keiner direkt heim“, sagt Theinert. Die Kameraden säßen zusammen und reflektierten das Erlebte. „Dann erzählt jeder aus seiner Sicht, was vor Ort passiert ist“, sagt Ott, der die Leitung der Ersthelfergruppe inne hat. Jeder verarbeite das Geschehene anders, „ein bisschen schwarzer Humor gehört dazu“.

Gaffer und schlechte Rettungsgassen erschweren die Arbeit

Was die Einsatzkräfte zunehmend belastet, sind Dritte, die mit dem Unfall selbst nichts zu tun haben, den Feuerwehrleuten aber das Leben schwer machen. „Die Rettungsgasse ist zu 90 Prozent eine Katastrophe“, sagt Theinert. Vor allem an Tagen, an denen Lkw unterwegs sind – denn die Berufskraftfahrer stünden bei Staus und stockendem Verkehr auf der Autobahn nicht selten auf allen verfügbaren Spuren. Dazu kommt: Die Hemmschwelle vieler ist extrem weit unten. „Als Feuerwehrmann bist du der letzte Idiot.“

Was man sich anhören müsse, wenn Straßen gesperrt würden, sei „weit unter der Gürtellinie“. Verständnis hätten die Wenigsten. Die konkreten Beschimpfungen will Ott nicht wiederholen. Nur so viel: „Wenn sie einen verklagen wollen, ist es noch am besten.“ Und Schneid sagt: „Mittlerweile ist es schlimmer, eine Straße zu sperren, als einen Unfall zu bearbeiten.“ Was er sich bisweilen anhören müsse, weil er in seiner Freizeit helfen wolle, „zieht einen runter“. Und Ott ergänzt: „Darüber denkt man oft mehr nach als über das Unfallgeschehen an sich.“

Längst gehört das richtige Verhalten in diesen Situationen zur Ausbildung der Einsatzkräfte. „Ich sage meinen Leuten, dass sie sich bei Beschimpfungen und verbalen Angriffen einfach wegdrehen und keinesfalls in eine Diskussion einsteigen sollen“, sagt Theinert.

Keine Einsicht

„Dass die Leute gucken, gab es immer schon“, sagt der Kommandant. Heute werde aber längst jedes Maß überschritten: Viele filmen und fotografieren ungeniert, schieben Pylonen beiseite, laufen über die Autobahn bis zur Unfallstelle vor und sind bei Ermahnungen völlig uneinsichtig. „Das ist zum Teil dramatisch, wie wild die Leute auf Bilder und Videos sind.“ Hier sei der Gesetzgeber gefragt, findet Theinert: „Wir brauchen dringend drastische Strafen für Gaffer.“

Besonders krass sei die Situation vor einigen Wochen auf der Autobahn gewesen, erzählt Ott: Nach einem schweren Verkehrsunfall habe ein anderer Autofahrer zunächst vorbildlich Erste Hilfe geleistet. Kaum, dass die Feuerwehr vor Ort war und die Betreuung des schwerverletzten Unfallfahrers übernahm, habe der Mann jedoch das Handy gezückt und gefilmt. „Das ist irre.“

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