Roggenburg Vom Stall ins Büro und zurück

Roggenburg / CHRISTA KANAND 03.08.2013
Familie, Haushalt, Landwirtschaft, Exportkauffrau, Sportübungsleiterin und Altenpflegerin. Alles eine Frage der Organisation für Rosa Glogger aus Roggenburg.

Biberach. Landluft. Es riecht nach frisch gemähtem Heu und nach Stall. Sperrangelweit sind beide Stalltore geöffnet – Einflugschneise für Rauchschwalben und Frischluftzufuhr für zwei Reihen braun und weiß gefleckter Kühe. Neugierig blinzeln sie dem Besucher entgegen, lassen sich streicheln und schlecken das angebotene frische Grünfutter mit schnalzender Zunge. Gelassen mahlen die Wiederkäuer. „Füttern ist meine Aufgabe“, sagt Rosa Glogger. Ihr ist anzusehen, dass sie zupacken kann. Zweimal am Tag verteilt sie Unmengen an frischem Grünfutter, Mais, Getreide, Schrot und Kraftfutter. „Aber melken ist nicht so meine Sache. Für die Melkanlage ist mein Mann Martin zuständig. 650 Liter Milch gehen täglich an die Molkerei, 100 Liter an die Kälber.“ Der Landwirt im Vollerwerb bestellt 17 Hektar Land, doch morgens und spätnachmittags legt er bei den 45 Kühen die Zapfhähne an – bei Konni, Karla, Floh und wie sie alle heißen. Im Stall und draußen unter dem Dachtrauf nisten auch etliche Rauchschwalben. Sie halten im Haus und Hof lästige Fliegen und Bremsen in Grenzen.

Tradition und Moderne liegen nahe beieinander in dem zweistöckigen Bauernhaus in der Weiherstraße im südlichen Teil von Biberach, einem knapp 1000-Seelen-Dorf. Es gehört zur Gemeinde Roggenburg im Landkreis Neu-Ulm. Nach Andreas Schmidts Buch „Biberach und Asch“ entstand der Hof im Jahre 1598. Der Langbau besteht aus Wohnhaus, Kuhstall und Scheune; im Hof befinden sich Landmaschinen, Futtersilo, Brennholzvorräte für den Doppelkaminofen als einzige Heizquelle und weitere Stallungen für 20 Kälber und 45 Jungbullen. Auf dem Dach ist eine Photovoltaik-Anlage aufgebaut.

Morgens um fünf Uhr ist für das Ehepaar Glogger die Nacht vorbei: raus aus den Federn, rein in den Stall. Die Tiere diktieren den Tagesablauf, auch das Land will bestellt sein. Die Feldarbeit erledigt Martin Glogger meist alleine. „Nur wenn es in den Wald geht, helfe ich oft mit“, sagt seine Frau. „Durch die heißen Tage haben sich die Borkenkäfer schlagartig vermehrt. Da ist Eile angesagt. Das befallene Holz muss geschlagen werden, damit gesunde Bäume keinen Schaden nehmen. Arbeit gibt?s reichlich“, sagt die 54-Jährige, die in der Nähe von Krumbach in der elterlichen Landwirtschaft groß geworden ist. „Ich wusste also, was mich bei meiner Einheirat in Biberach erwartete.“ Ein Fulltime-Job? „Einer? Ich habe mehrere Jobs: Familie, Haushalt, Landwirtschaft, Exportkauffrau, Sportübungsleiterin und Altenpflegerin. Alles eine Frage der Organisation. Nur manchmal, da hätte ich gerne einen 28-Stunden-Tag.“

Die Mutter zweier erwachsener Töchter ist gelernte Exportkauffrau. Sie beherrscht Wirtschaftsenglisch und -französisch für die Korrepondenz. Dass sie ihren Beruf in Heimarbeit auf dem Dorf ausüben kann, überrascht dann doch. „Erst die Kühe, dann der PC. Ich arbeite für eine Heidenheimer Logistik-Firma, die mir 2004 ein komplettes Büro zuhause eingerichtet hat. Das Computerzeitalter macht`s möglich. „Meine Kontakte sind weltweit.“ Indien, Nordafrika, Südamerika zeigt sie auf der Weltkarte über dem Schreibtisch. Ihre Firma liefert Dienstleistungspakete für verschiedene Industriezweige, darunter Maschinenbau und Medizintechnik. Ihre Aufgaben: erforderliche Versand- und Bankdokumente ausstellen, Akkreditivabwicklung im Fachjargon. „Im Augenblick liefern wir Feuerwehrautos ohne Ende um die ganze Welt.“ Flott und blind tippt Glogger weiter. „Erledigt! Jetzt sende ich die Dokumente per Fax. Alles muss ordnungsgemäß für den Frachtversand und Zoll parat sein, wenn die Ware per Flugzeug Frankfurt verlässt.“

Das Leben auf dem Bauernhof ist definitiv kein Zuckerschlecken. Bäuerin, Bauersfrau, Landfrau – welche Bezeichnung passt am besten? Rosa Glogger lacht: „Ich sage oft: der Trottel für alles.“ Entspannung findet sie bei Hobbys. Sie sammelt alte Postkarten und Urkunden, ihr Stolz ist ein Auszug aus dem Grundsteuer-Kataster in klarer Sütterlin-Handschrift aus dem Jahr 1828. Zeit findet die Landfrau auch für ihren Garten neben dem Haus, wo Blumen, Gemüse, Küchenkräuter und Himbeeren gedeihen – und für fantasievollen Blumenschmuck vor dem Haus. Ein bunter Hingucker aus alten Küchenutensilien, klimpernden Einweckdeckeln und blühenden Sommerpflanzen.

Bei Sommerhitze sucht die leidenschaftliche Schwimmerin Abkühlung im nahen Roggenburger Weiher. „Unsere Abend-Schwimm-Gruppe trifft sich oft dort. Aber ohne meinen Mann. Er ist ein bekennender Nichtschwimmer. Sein Herz schlägt fürs Skifahren“, erzählt Rosa Glogger.

Der Mittwoch ist bei Gloggers Vereinstag. Für die Familie bedeutet der Zusammenhalt im Dorf ein Stück Lebensqualität. Seit 35 Jahren leitet die Sportbegeisterte als Übungsleiterin eine große Frauen-Sport-Gruppe des FC Ebersbach bei Krumbach. Mit tänzerischer Gymnatik halten sich die Damen fit. Anfang September fährt die Damenclique an die Ostsee. „Fünf Tage in der Nähe von Rostock. Ich platze schon vor Vorfreude. Urlaub machen auf einem Bauernhof mit Tieren ist sowieso Mangelware.“ Verwandte springen dann ein, die älteste Tochter Anja wird die Tiere füttern. Die 30-Jährige arbeitet nach ihrem Studium als Bank-Controllerin in Memmingen. Doch es zieht sie mit ihrem Lebenspartner zurück nach Biberach, wo jüngst viele junge Familien gebaut haben. Ihr künftiges Haus auf dem elterlichen Grundstück ist in ökologischer Bauweise schon im Rohbau fertig. „Für meine Schwiegermutter, die gegenüber in ihrem Austragshäusle wohnt, sind die Bauarbeiten spannend wie fernsehen“, erzählt Rosa Glogger, die die 88-Jährige betreut und pflegt. Zu deren Namenstag Anna hat sie kürzlich eine Kaffeerunde ausgerichtet. „Fünf hoch betagte Damen, alle mit Stock oder Rollator, das sah richtig ulkig aus. Die Bauarbeiter kamen gar nicht mehr aus dem Lachen heraus.“ Gegen Vereinsamung im Alter seien Nachbarschaftskontakte das beste Gegenmittel. Auf dem Dorf werden noch Kontakte gepflegt: Besonders am 6. und 7. September beim großen Dorffest, wenn der KLBJ Biberach auch das 25-jährige Jubliläum feiert.

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