Cannabis-Behandlung Urteil: Schwerkranker bleibt auf Therapie-Kosten sitzen

Andreas Butzmann aus Pfaffenhofen leidet seit Jahren an einer seltenen neurologischen Erkrankung und unter starken Schmerzen. Er konsumiert Cannabis zu therapeutischen Zwecken.
Andreas Butzmann aus Pfaffenhofen leidet seit Jahren an einer seltenen neurologischen Erkrankung und unter starken Schmerzen. Er konsumiert Cannabis zu therapeutischen Zwecken. © Foto: Dave Stonies
Von Carsten Muth 16.12.2017
Wer muss die Cannabis-Therapie bezahlen? Ein Gericht weist die Berufung von Andreas Butzmann aus Pfaffenhofen zurück und gibt dessen Krankenkasse recht.

Nach dem Urteil ist Andreas Butzmann fassungslos. Er schüttelt den Kopf, sagt: „Meine Existenz ist zerstört, weil ich einen Gendefekt habe, weil ich krank bin.“ Soeben hat das Landessozialgericht in München die Berufung des 34-Jährigen aus dem Pfaffenhofener Ortsteil Beuren zurückgewiesen und damit ein Urteil bestätigt, das das Sozialgericht Augsburg in erster Instanz gefällt hat. Demnach muss die Krankenkasse nicht für die Kosten aufkommen, die der Schwerkranke von Mai 2014 bis März 2017 in seine Cannabis-Therapie investiert hat. 40.000 Euro.

Wie berichtet, leidet Andreas  Butzmann an einer Drucklähmung. Eine seltene neurologische Erkrankung, die zur Schädigung der Nerven und zu Empfindungsstörungen führt, heftige Schmerzen in Armen und Beinen verursacht. Cannabis lindert sein Leiden.

Die beklagte Krankenkasse habe nach den Regeln gehandelt, sagt das Landessozialgericht unter Berufung auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2015 – wonach die Kasse die Cannabis-Behandlungskosten in besagtem Zeitraum „nur im Ausnahmefall“ hätte übernehmen können. Bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Ein solcher Ausnahmefall ist Andreas Butzmann für das Gericht nicht. Dieses folgt der Einschätzung des Medizinischen Diensts der Krankenkassen. Deren Gutachter kommen zu dem Ergebnis, dass Drucklähmungen nicht lebensbedrohlich sind, es überdies keine gesicherten Studien gibt, die die Wirksamkeit von Cannabis bei dieser Erkrankung belegen.

Butzmanns Ärztin widerspricht. Laut der Medizinerin war und ist das Leben des Schwerkranken in Gefahr. Weil dieser herkömmliche starke Schmerzmittel nicht verträgt. Zeitweise brachte er nur noch 58 Kilo auf die Waage, bei einer Größe von 1,83 Meter, die Folgen von stundenlangem Erbrechen und Zusammenbrüchen. Früher musste der Pfaffenhofener mitunter mehrmals pro Monat den Notarzt rufen. „Die behandelnden Ärzte selbst haben mir dann meine Morphiumpflaster heruntergerissen“, berichtet der 34-Jährige. Seine Mutter Barbara ist überzeugt: „Hätte er nicht auf Cannabis umgestellt, wäre er heute tot.“ Inzwischen hat Andreas Butzmann wieder ein paar Pfund mehr auf den Rippen. Die Schmerzen sind erträglicher. Er kann mit seinem Hund Mo spazieren gehen. „Auch wenn ich meine Pausen brauche.“

Der Pfaffenhofener hat seit Jahren eine Erlaubnis für den Erwerb von Marihuana-Produkten, ausgestellt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die er nun nicht mehr benötigt. Denn seit einer vom Bundestag angeschobenen Gesetzes­änderung im vergangenen März können Ärzte Cannabisblüten und -extrakte auf Rezept verschreiben, bei schweren Erkrankungen auch auf Kosten der Krankenkassen. Was bei Andreas Butzmann der Fall ist.

 Der Richter am Landessozialgericht wirbt am Ende seiner Urteilsbegründung um Verständnis beim Kläger. „Eine Beurteilung in einem solchem Fall muss immer auf das Krankheitsbild als solches abzielen“, sagt der Richter zu Andreas Butzmann. „So ist nunmal die Rechtslage.“

Eine Revision lässt die Kammer nicht zu. Damit bleibt Butzmann, der vom Sozialverband VdK rechtlich beraten wird,  theoretisch nur noch der Gang vors Bundesverfassungsgericht. „Das würde dann aber richtig teuer“, sagt der Pfaffenhofener. „Außerdem weiß ich nicht, ob ich dafür überhaupt die Kraft hätte.“

Große Hilfsbereitschaft

Schulden Andreas Butzmann ist Frührentner. Der gelernte Lebensmitteltechniker erhält 640 Euro Erwerbsminderungsrente. Butzmann hat sich hoch verschulden müssen, eigenen Angaben zur Folge rund 50.000 Euro investiert, um seine Cannabis-Therapie zu finanzieren. Von denen noch rund 25.000 Euro übrig sind, Die Leser der SÜDWEST PRESSE haben im vergangenen Jahr mehr als 11 000 Euro für den Schwerkranken  gespendet. „Die Hilfsbereitschaft der Menschen hat uns sehr bewegt“, sagt Mutter Barbara Butzmann.

Konto Wer spenden möchte, kann dies auf die Konten der „Aktion 100 000“ tun: Sparkasse Ulm, IBAN DE47 630 50000 0000 1000 03, BIC: SOLADES1ULM oder Ulmer Volksbank, IBAN: DE79 6309 0100 0002 3640 18, BIC ULMVDE66. Stichwort: Andreas.