Nersingen Türkisches Geflüster in Reihe eins

OLIVER HEIDER 17.11.2012
Gut 30 Besucher hat ein Vortrag über die Erziehung von Grundschulkindern nach Nersingen gelockt. Nur zwei der Gäste waren türkischsprachig - trotz Dolmetscherin und groß angelegter Werbung vorab.

Didem Celikan und Sibel Sirin sind in Eile. 75 Minuten haben sie aufmerksam einem Vortrag im Musiksaal der Nersinger Grundschule gelauscht. Doch jetzt müssen sie vor dem offiziellen Ende schnell heim. Ihre Ehemänner haben Nachtschicht - und brauchen das Auto. Doch für ein kurzes Fazit draußen vor der Eingangstür haben die beiden Frauen noch Zeit. "Ich werde die Tipps zuhause sofort ausprobieren", sagt Celikan. Sie ist begeistert, ebenso wie ihre Bekannte: "Der Vortrag war super."

Die beiden 40-jährigen Mütter sind am Donnerstagabend Teil eines besonderen Experiments. Erstmals wird im Landkreis Neu-Ulm ein Vortrag, den die Volkshochschule (VHS) und der Nersinger Förderverein "Chance auf Bildung - Zeit für Kinder" veranstalten, simultan ins Türkische übersetzt. Adelheid Schmid, Diplom-Psychologin und Trainerin für gewaltfreie Kommunikation, referiert über die Erziehung von Grundschulkindern. Der zweistündige Kurs ist Teil der VHS-Elternschule. Bereits beim ersten Vortrag der Reihe im Oktober - für Eltern von Drei- bis Sechsjährigen - stand Ilknur Karakaya als Dolmetscherin parat. Türkischsprachige Leute waren nicht erschienen.

Anders nun diesmal. Neben den gut 30 deutschsprachigen Besuchern sind Celikan und Sirin dabei. Mit der Dolmetscherin sitzen sie in der ersten Reihe. Laut Karakaya zum einen deshalb, weil keine anderen Plätze frei waren. Zum anderen, um den beiden Frauen, die so gut wie kein Wort Deutsch sprechen und im Förderverein einen Sprachkurs belegen, zu zeigen, "dass sie akzeptiert und willkommen sind".

Folgerichtig hält Schmid ("Ich finde das Experiment total klasse") immer wieder einige Sekunden inne, um Karakaya Zeit fürs Übersetzen im Flüsterton zu geben. Als die Referentin wissen will, was die Anwesenden bei dem Verhalten ihrer Kinder aufrege, sagt Celikan: "Wenn mein Kind sich für nichts zuständig fühlt im Haushalt." Andere ärgert es, wenn der Nachwuchs alles ausdiskutieren will - oder schmollt.

Schmid rät, den Kindern keine Vorwürfe zu machen, sie als Mensch so anzunehmen, wie sie sind, ihrem Verhalten aber durchaus Grenzen zu setzen. Sie plädiert für ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem Eltern sowohl die Bedürfnisse ihrer Kinder als auch ihre eigenen zur Sprache bringen sollten. Eltern sollten auch das Verhalten der Kinder nicht interpretieren, sondern nur den Fakt benennen - und so ins Gespräch kommen.

Nach über einer Stunde will Sirin noch eine Frage loswerden: "Wie verhalte ich mich, wenn sich mein Sohn total verschließt und traurig ist?" Schmid: "Fragen Sie ihn, ob er will, dass sie verstehen, warum er traurig ist." Vielleicht müsse sie ihn das drei-, vier-, fünfmal fragen, weil "Kinder nicht gewohnt sind, dass wir so mit ihnen sprechen". Aber irgendwann werde sie verstehen, welches Bedürfnis ihres Sohnes der Grund für sein Verhalten sei.

Während die anderen Gäste weiter Schmids Worten lauschen, sind Celikan und Sirin auf dem Sprung. Vor der Eingangstür will die SÜDWEST PRESSE noch von ihnen wissen, welche Gründe die beiden dafür sehen, dass außer ihnen keine türkischsprachigen Gäste da waren, obwohl VHS und Förderverein im Vorfeld mit Plakaten und Flyern groß geworben hatten - unter anderem auch an der Straßer Moschee. Celikan und Sirin können es sich nicht erklären. "Wir werden in unserem Bekanntenkreis nachfragen und weitersagen, wie toll der Vortrag war", sagt Celikan. Es habe sich gezeigt, dass viele Eltern ähnliche Probleme hätten.

Die Dolmetscherin ist optimistisch, dass der Besuch der beiden Frauen "vielleicht der Anstoß dafür ist, dass das nächste Mal mehr kommen". Karakaya zieht ein positives Fazit: "Es war spannend." Das Übersetzen habe gut funktioniert inmitten der anderen Besucher. Mit Ausnahme einer Frau habe sich niemand gestört gefühlt. Bei so manchen Fachbegriffen, wie etwa "neuronaler Vernetzung", sei sie aber ins Schwitzen gekommen, sagt Karakaya. Dennoch hätten beide Frauen viel verstanden und mitgenommen.

Info Im dritten Vortrag der VHS-Elternschule in Nersingen referiert Adelheid Schmid am 24. Januar über die Erziehung von Pubertierenden. Los geht es in der Anton-Miller-Mittelschule in Straß um 19 Uhr.