Soziales Theas unbändiger Lebenswille

Senden / ROLAND SCHÜTTER 22.07.2017

Thea Thiess sitzt im Buggy und hört zu. Sie ist aktiv, dreht den Kopf, beobachtet. Das Mädchen ist ein ganz besonderes Kind. Mehrfach war sie dem Tode nahe. Dass die Vierjährige am Leben ist, gleicht einem kleinen Wunder. Denn alle Prognosen waren bei ihrer Geburt negativ. Doch Thea hat einen unbändigen Willen, in dieser Welt zu sein – trotz ihrer Zerebralparese.  Eine Bewegungsstörung,  deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt. Ihr Zwillingsbruder kommt von der Seite und stupft sie leicht, er ist lieb zu ihr. Der gesunde Joas weiß, dass seine Schwester anders ist. Holger und Simone Thiess aus Senden erleben als Eltern, dass beide Kinder  voneinander profitieren.

Inklusion und Integration pur: „Wir unternehmen normale Sachen mit den beiden Wunschkindern, gehen auf die Spatzenwiese, den Spielplatz  oder wo anders hin“, erzählt die 36-jährige Mutter. Für sie ist Joas eine Hilfe, weil sie mit den Kleinen überall hingeht und sich nicht versteckt. So läuft auch der Schwimmkurs des Buben ab: Joas lernt die neue Bewegungsart, und seine Schwester plantscht nebenan.

Der Geist ist wach

Mit ihrer Motorik hinkt Thea altersmäßig hinterher und wird ihr Leben lang auf Hilfsmittel zur Fortbewegung angewiesen sein. Doch der Geist ist wach. Grund genug für das Paar, Thea mal zu etwas Besonderem mitzunehmen, in die Oper oder dem Neujahrskonzert. „Das spricht sie an, sie ist ganz dabei und schläft nicht ein“, sagt die engagierte Mama, die genauso wie Ehemann Holger (37) für ihre Tochter kämpft, jede Stunde, jeden Tag.

Thea braucht viel Therapie und Zuwendung. Glücklicherweise sind die Großeltern Anita und Rudolf Kempf sowie Theresia und Horst Thiess zur Stelle. Dienstpläne stellen die Betreuung des kleinen Mädchens sicher. Die Behinderung äußert sich anhand von Störungen des Nervensystems, der Muskulatur im Bereich der Motorik und ist immer wieder mit einer Spastik verbunden.

Die Ursache: Mutter Simone hatte eine Schwangerschaftsvergiftung, mit der Folge, dass die Zwillinge im Bauch nicht richtig versorgt waren. So mussten die Kinder in der 30. Woche zur Welt kommen, viel zu früh.  Thea bekam am dritten Tag eine Infektion und eine Sepsis. Die Diagnose der Ärzte: Sie werde wahrscheinlich nicht überleben. Das Wunder geschah, trotz massiver Hirnblutungen überlebte Thea, es ging bergauf. Die Mediziner waren der Meinung, Thea werde niemals selbständig essen oder atmen können. Dazu kam die Gefahr eines Wasserkopfs und neurologischer Erkrankungen, etwa Epilepsie.

Beten für die kleine Thea

Viele Angehörige und Freunde der Familie aus der Friedenskirche beteten damals für die Kleine. Aus dieser Gottesnähe schöpften Simone und Holger Thiess Kraft. Sie erlebten, wie die Tochter selbständig atmen, langsam schlucken und essen konnte – zur Überraschung aller. Sie lernte das Essen zuerst mit der Pipette, tröpfchenweise. Später konnte Thea an Mamas Brust trinken. Die Ernährung heute: langsam. Löffel für Löffel.

Bald stand eine Shunt-Operation an, um Hirnwasser aus dem Kopf absaugen zu können. Familie Thiess wagte in dieser Krise die sterile Versorgung daheim, legte eine Matratze auf den Wohnzimmertisch sowie Tücher, nahm Mundschutz, jede Menge Kanülen und medizinisch notwendiges Material mit und sah, wie sich die anfangs tiefbraune Flüssigkeit Tag für Tag aufhellte. Thea hatte Glück, die Sache funktionierte. Später wurde eine seltene Epilepsie festgestellt. Thea musste Cortison nehmen, schrie viel zu Hause. „Eine nervenaufreibende Zeit“, stellt Holger Thiess rückblickend fest. Der in Ulm als Softwareentwickler tätige Vater verzichtet auf seine Karriere, weil ihm die Familie wichtiger ist.

Außer der permanenten Pflege sind regelmäßige Termine beim Physiotherapeuten, der Logopädin und der Sehschule notwendig. Die Rumpfstabilität bei Thea wurde besser, sie lernte die rechte Hand zu bewegen, während das mit der linken noch deutlich schlechter klappt. Simone, die in Elternzeit befindliche Pflegepädagogin, sagt: „Unser Ansatz ist es, vorhandene Fähigkeiten zu stärken.“ Das aufrechte Sitzen wird durch eine Reittherapie auf einem Pony des Alpaka-Hofs gefördert.

Thea kennt überall Menschen

Im Heilpädagogischen Zentrum, dem Lindenhof, geht es Thea und Bruder Joas gut, sie fühlen sich wohl in diesem integrativen Kindergarten.

Thea ist gerne auf dem Spielplatz beim Rutschen und beim Schaukeln. Das macht ihr Spaß, und sie lacht viel. Überall kennt sie Menschen. Nicht zuletzt in der Friedenskirche im Neu-Ulmer Wiley, wo sie schon bei Vielen auf dem Arm war und kürzlich als Schmetterling beim Kindermusical mitspielte. Immer mittendrin. So wie ihre Mutter, die dort gerne Projektarbeiten wie beim Ostergarten übernimmt. Ehemann Holger mag Gitarrespielen in einer Gruppe. Beide waren leidenschaftliche Motorradfahrer und sind es im Herzen immer noch.

„Hüftsubluxation“ lautete jetzt eine neue Diagnose, ein Rückschlag. Kommenden Donnerstag steht in der Orthopädischen Kinderklinik Aschau eine Hüftoperation an. Auch wenn sich den Eltern die Frage aufdrängt, warum dies schon wieder sein muss, ist es typisch für die Grunderkrankung. Toll wäre es, wenn das Laufen mit Hilfsmitteln möglich wäre, eine Geduldssache. Die Fachärzte sind sehr zuversichtlich, dass Thea auch das schafft, weil ihre körperlichen Voraussetzungen dafür gut sind. Dennoch sind die Thiess’ glücklich und zufrieden und genießen das Familienleben mit den heranwachsenden Kleinkindern.

Die Zukunft? Weil Thea viel versteht und sich das Kleinhirn nachweislich erholte, ist es ihren Eltern wichtig, dass sie den Zugang zur Außenwelt erhält. Dafür sind sie bereit, viel zu investieren. Im Frühjahr 2018 soll ihre Tochter eine erste Delphin-Therapie in der Karibik machen, eine erfolgversprechende Methode, für die die Familie Spender sucht. Wenn sich im November erneut Nachwuchs bei Familie Thiess einstellt, wird es spannend, wie sie mit dem Baby umgehen wird. Bestimmt auf ihre eigene Art.

Spendenaktion für Delfintherapie

Eindrücke: „Thea entdeckt die Welt“ lautet der Name einer Spendenaktion für Theas  Delfintherapie auf Curaçao. Weitere Informationen und Einblicke ins Familienleben im Internet auf Facebook unter www.facebook.com/EntdeckeTheasWelt.

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