Historie Technik aus Museum verschrottet?

Tatsachen schaffen im Auftrag von Hensoldt: Bei diesem Anblick kamen den ehemaligen Entwicklern die Tränen. Der auf dem Boden liegende Schrank sei der Prototyp des Schreibfunktrupp A, dem ersten digitalen Funksystem der Bundeswehr.
Tatsachen schaffen im Auftrag von Hensoldt: Bei diesem Anblick kamen den ehemaligen Entwicklern die Tränen. Der auf dem Boden liegende Schrank sei der Prototyp des Schreibfunktrupp A, dem ersten digitalen Funksystem der Bundeswehr. © Foto: Gottfried Bergmann
Nersingen/Ulm / Niko Dirner 01.02.2018
In Nersingen sind wohl Teile des ehemaligen Telefunken-Museums zerstört worden. Die Aktion könnte ein Nachspiel haben.

Eigentlich wollten Detlef Gröbe und Gottfried Bergmann nur mal wieder nach ihren Schätzen schauen. Nach den Exponaten des von ihnen aufgebauten AEG-Telefunken-Museums „Radar und Funk“. Seit Spätherbst 2016 lagern die Apparate und Röhren in der Halle eines Metzgermeisters in Nersingen. Übergangsweise, bis sich Raum und Geld für ein Museum finden. Vor Ort aber brach für die beiden Ingenieure eine Welt zusammen. „Die Ausstellungsstücke sind zerstört worden“, sagt Bergmann. Der Ulmer Stadtrat Hans-Walter Roth spricht nun von einem „Skandal“.

Gröbe und Bergmann trafen am Dienstag auf Mitarbeiter eines Recyclingunternehmens, die gerade Ausstellungsstücke in einen Container verluden. „Alles ist verschrottet worden“, klagt Gröbe. In ihrem Beisein, berichtet Bergmann, hätten die Arbeiter etwa ein großes Gerät „einfach umgekippt“. Dabei handele es sich um den Prototyp des Schreibfunktrupp A, dem von 1986 bis 1990 entwickelten ersten digitalen Funksystem der Bundeswehr. Entwickelt eben von Gröbe und Bergmann im Telefunken-Werk an der Wörthstraße in Ulm.

Dort war das Museum 18 Jahre lang untergebracht, es wurde geschlossen im Vorfeld des Verkaufs des Ulmer Werks von Airbus Defence and Space an den amerikanischen Finanzinvester KKR im Februar 2017. Seither gehört das Werk zur Hensoldt-Unternehmensgruppe. Der ehemalige Leiter der Standortdienste, Richard Gebler, erhielt dann wohl den Auftrag, einen neuen Platz für die Sammlung zu suchen. Er hatte die Idee, einen Bunker auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) im Nersinger Klassenhartwald dafür herzurichten. Vorauseilend wurden hunderte Exponate schon mal in Nersingen zwischengelagert. Das Bunker-Projekt hat sich inzwischen aber zerschlagen.

Man sei vielmehr dabei, sagt Hensoldt-Pressesprecher Lothar Belz, alle Ausstellungsstücke zurück ins Werk zu holen. „Um den Bestand in trockenen und sicheren Räumen zu lagern.“ Schließlich seien die meisten Exponate als bewegliches Kulturdenkmal unter Schutz gestellt. Ziel sei ein Museum, das aber könne aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf dem Werksgelände sein. Die Rückführung sei praktisch abgeschlossen. In Nersingen sei kein „Kulturgut“ verschrottet worden. „Büroausstattung, Elektroschränke oder Messgeräte von Drittherstellern gehören nicht in die Kategorie Kulturgut.“ Hensoldt habe sogar, um Missverständnisse auszuschließen, einen Mitarbeiter und zwei neutrale Sachverständigen vor Ort gehabt. Der Rest sei gemäß der gesetzlichen Vorgaben entsorgt worden.

Förderverein in Startlöchern

Für den Ulmer Stadtrat Roth steht hingegen fest: „Hensoldt treibt ein Foulspiel. Hier ist ein Teil der Kriegs- und Nachkriegs-Geschichte der Stadt Ulm vorsätzlich vernichtet worden.“ Der Mediziner ist seit 2016 Fürsprecher für die Telefunken-Sammlung, wirbt für ein Technik-Museum irgendwann in der Wilhelmsburg. Vor Monaten schon habe er in Wiblingen eine Halle aufgetrieben. Ein Förderverein könne „auf Knopfdruck“ gegründet werden. Doch Hensoldt habe nicht auf seinen Brief reagiert (siehe Infokasten). Ein Problem sei, dass niemand die Miete bezahlen wolle.

Er lasse nun von der Stadt prüfen, ob geschützte Geräte verschrottet worden sind. „Ist das so, überlege ich, ob ich bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Holger Martin als Generalmanger der Firma Hensoldt stelle.“

Museums-Freunde: Exponate nicht aufteilen

Problem Im November 2016 schrieb Hans-Walter Roth vom Freundeskreis des Telefunken-Museums an Holger Martin, Hensoldt-Chef in Ulm: „Sehr geehrter Herr Martin, … allen Ihren Vorschlägen zum Erhalt des Museums kann zugestimmt werden, allerdings gibt es da ein wesentliches Problem. Der Freundeskreis bzw. der daraus gebildete Förderverein ist nicht in der Lage, die Kosten für die Unterbringung, Wartung der Sammlung etc. zu übernehmen. Das gilt auch für die Stadt Ulm. Eine Trennung der Exponate in solche, die im Firmenbesitz bleiben, und solche, die dann dem Verein oder der Stadt gehören würden, wird abgelehnt. Das Museum muss eine Einheit bilden.“