Wenn Thomas Pfundner sich ins Gelände aufmacht, wird er zum Detektiv und Schatzsucher. Seine Schätze sind aus Stein, historische Grenzsteine, die Auskunft geben über Eigentums- und Rechtsverhältnisse vergangener Jahrhunderte. 600 Grenzsteine aus ganz Bayerisch-Schwaben beschreibt Pfundner in seinem neuen Buch, über 100 davon stehen im Landkreis Neu-Ulm.

Es sind das Interesse an Geschichte und die Freude an der Natur, die den evangelischen Pfarrer aus Holzschwang bei seinen Wanderungen entlang alter Grenzen antreiben. Dort, wo sich sonst nur wenige Spaziergänger hin verirren, sucht er steinerne Zeugen der Vergangenheit, die ihm mit ihren Jahreszahlen, Symbolen, Wappen und Monogrammen verraten, wer wann in welchem Bereich das Sagen hatte im Gebiet rund um die alte Reichsstadt Ulm. Dazu muss er die Inschrift oft erst mit Kreide sichtbar machen.

Zwölf Arten von Grenzsteinen gebe es und fast alle habe er im Kreis Neu-Ulm schon entdeckt, erklärt Pfundner: Jagdsteine, die angaben, wer in welchem Bereich jagen durfte oder Geleitsteine, Relikte aus Zeiten, in denen Nachbarn in Verträgen die Durchreise mit freiem Geleit und mit Geleitschutz regelten. Einer dieser seltenen Steine steht bei Straß. Auch Burgfriedenssteine gab es, die Rechtsbezirke absteckten oder Zehentsteine, die über Abgaberechte Auskunft gaben. Die ältesten dieser Grenzsteine im Kreis stammen aus dem 16. Jahrhundert, der älteste in Schwaben von 1480.

Manchmal verraten alte Karten den Standort der Grenzsteine, manchmal bekommt der Pfarrer durch Zufall einen Hinweis. So stieß Pfundner nur durch den Tipp eines Bürgers auf einen Stein bei Jedelhausen, der sich als alter Grenzstein der Reichsstadt Ulm aus dem Jahr 1523 entpuppte. "Das war ein echter Volltreffer."

Der Hinweis eines Holzschwanger Gastwirts brachte Pfundner auf die Spur einer Serie von ehemals hundert Grenzsteinen, mit denen das Kloster Wiblingen 1790 einen großen Besitz im westlichen Eschach bei Holzschwang markiert hatte. Auf die ersten beiden Steine stieß Pfundner ganz in der Nähe des Waldfestplatzes, von dort aus entdeckte er bei seinen Streifzügen rund 40 weitere Steine der Serie.

Als er die eingeschlagenen Linien sichtbar gemacht hatte, fand er auf fast allen Steinen ein Patriarchenkreuz, ein "W" für Wiblingen und die Jahreszahl 1790. Einige Steine zeigten auf der Rückseite die Besitzzeichen der angrenzenden Bauern: Pflugmesser, Sensen oder gekreuzte Pferdeköpfe. Damals, so Pfundner, seien oft Runen als Markierung hergenommen worden, "eine alte Zeichensprache, die sich gut in den Stein einmeißeln ließ".

Ein Stein, gefunden in den Gabeln einer von der Leibi unterspülten Baumwurzel, gab dem geschichtsinteressierten Pfarrer erst einmal Rätsel auf. Die Inschrift zeigte die Jahreszahl 1701 und die drei Buchstaben "M", "A" und "W", die Rückseite ein "K". "Damit konnte ich erst einmal gar nichts anfangen." Schließlich habe er nachgeforscht, wer denn 1701 in Wiblingen das Sagen hatte. "Da kam ich schnell auf einen Abt Modestus." Dieser einflussreiche Mann hatte sich also mit seinen Initialen auf dem Grenzstein verewigen lassen. Das "K" stand für den Nachbarn, den Grafen Fugger zu Kirchberg.

Auch wenn die alten Herrschaftsverhältnisse längst nicht mehr gelten, hat gerade dieser Grenzstein noch eine Funktion, berichtet Thomas Pfundner. Denn heute markiert der Standort des Steins die Gemeindegrenze zwischen Holzschwang und Volkertshofen.

Seine Ausflüge ins Gelände, ausgestattet mit Kartenmaterial, Kreide und Kamera, sieht Pfundner als "Entspannung", auch wenn er von manchen Querfeldein-Touren durch Brombeerhecken und Brennnesselgestrüpp etwas lädiert zurückkommt. Er sieht sich in der Rolle des Bewahrers, der nicht nur entdecken, sondern dokumentieren möchte und dazu eine umfangreiche Datenbank angelegt hat. Denn in Bayern stehen Grenzsteine als "Kleindenkmäler" nicht unter Denkmalschutz und sind in keiner offiziellen Liste erfasst. Dabei, so Pfundner, können sie helfen, so manche Lücke im Wissen über frühere Besitz- und Herrschaftsverhältnisse zu schließen.

Die Chance, sein Hobby über das neue Buch "Historische Grenzsteine in Bayerisch-Schwaben" einem größeren Kreis zugänglich zu machen, freut den Pfarrer. "Ein großer Glücksfall, dass sich für diese absolute Nische überhaupt ein Verlag interessiert hat." Insgesamt umfasst das Buch die Beschreibung von über 600 Grenzsteinen in Bayerisch-Schwaben, rund 150 sind auf Fotos abgebildet.

Einer der schönsten im Landkreis Neu-Ulm hat einen Ehrenplatz im Buch: Es ist ein Stein aus dem Jahr 1658, der im Oberroggenburger Wald östlich von Christertshofen steht. Er zeigt das Wappen der Grafen Fugger-Kirchberg-Weißenhorn mit Neuffenhörnern, Fuggerlilien und Kirchberger Mohrin. In der Gegend ist der Stein unter dem Namen "Hiasl-Stein" bekannt: Der als "bayerischer Hiasl" bekannte Wilderer Mathias Klostermayr soll sich dort gern mit seinen Kumpanen getroffen haben. Wurde er von der Obrigkeit entdeckt, konnte er durch einen einfachen Sprung das Herrschaftsgebiet wechseln - und sich so der Verfolgung entziehen.