Echthaarperücke Schüler spendet Haare für kranke Kinder

Bellenberg / Petra Laible 12.10.2018
Er wurde beleidigt, doch der zwölfjährige Adrian hielt durch und ließ sich die Haare wachsen – für eine Spende.

Drei Jahre lang hat Adrian durchgehalten und sich von nichts und niemandem beirren lassen. Kurz nach seiner Kommunion entschied sich der damals Achtjährige aus Bellenberg (Landkreis Neu-Ulm), die Haare ein bisschen wachsen zu lassen. Weil er leidenschaftlich gerne Schlagzeug spielt und sein Vorbild, Schlagzeuger Harry Reischmann aus Neu-Ulm (Bonfire, Gregorian), lange Haare hat.

Dann sah er eine Dokumentation im Fernsehen: über kranke Kinder, die ihre Haare verloren haben, über die Möglichkeit Haare zu spenden und daraus kostenlose Echthaarperücken für sie zu machen. „Es war richtig toll, als die Kinder mit den Perücken freudestrahlend vom Friseur gekommen sind“, erzählt er. „Das hat mich angespornt, das auch zu machen.“

„Nie ins Zweifeln gekommen“

Damit begann für den inzwischen Neunjährigen ein Spießrutenlauf. Aus dem Kurzhaarschnitt wurde ein kinnlanger Übergangsschnitt. Dann waren die Haare so lang, dass er einen Zopf binden konnte. Anfangs habe noch keiner etwas gesagt, „später kam es dann dick“, erzählt Adrian. „Sie haben mich als Mädchen gehänselt“, ihn mit fiesen Ausdrücken beleidigt, beschimpft – die Mitschüler mit ihren kurzen Haaren. Manches Mal war es so schlimm, dass er weinend im Schulbus saß. Mehr mag er dazu nicht sagen.

Doch von seinem Vorhaben brachte ihn die Schikanen nicht ab. „Ich bin nie ins Zweifeln gekommen, ich habe immer an die Kinder gedacht, die sich freuen.“ Außer seiner Familie und den engsten Freunden hatte er niemandem davon erzählt. „Das war meine Sache“, meint der Zwölfjährige. „Ich bin das Risiko nicht eingegangen, dass sie noch mehr Witze über mich machen.“ Ihm und seinen Freunden seien Äußerlichkeiten nicht besonders wichtig. „Mich interessiert es auch nicht, wenn einer ein Kleid trägt.“

Friseurin teilt die Geschichte auf Facebook

In diesem September war Adrians Mähne an die 40 Zentimeter lang – das reichte. Vor zwei Wochen besuchte er mit seiner Mutter eine Friseurin im Allgäu, die mit dem Verein „Die Haarspender“ (siehe Infokasten) zusammenarbeitet. Zöpfe wurden geflochten und abgeschnitten. Er sei glücklich gewesen, sagt der Zwölfjährige, weil er an die Kinder gedacht habe. „Jeder soll schöne Momente haben.“

Noch nie war bei der Friseurin ein Junge gewesen, der sich gezielt die Haare wachsen ließ und spendete. Sie war so berührt davon, dass sie nachfragte, ob sie Adrians Geschichte auf Facebook teilen dürfe. Die Familie stimmte zu – und es ging los. „Diese Welle haben wir nicht erwartet“, sagt seine Mutter Jutta. Interviews mit Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern. Und nicht nur das: Für seinen Einsatz bekommt Adrian ein Privatkonzert mit der Band The Boss Hoss, die seine Aktion toll fand, vermittelt vom Radiosender Antenne Bayern. 20 Leute kann er einladen. „Es ist ausverkauft“, erklärt er. Seine Liste ist bei 15 voll. „Es sollen die kommen, die mich über die Jahre begleitet haben – im Guten.“

Nachdem bekannt wurde, warum sich Adrian die Haare wachsen ließ, entschuldigten sich die Mitschüler bei ihm, erzählt er. „Das finde ich toll.“ Über den Zuspruch freut er sich. „Es ist schön, dass es so vielen Leuten gefällt, was ich gemacht habe“, sagt Adrian und bedankt sich gleich für die „netten Kommentare“ auf Facebook und per E-Mail. Noch ein Fernsehinterview, dann soll bei ihm wieder der Alltag einkehren. Fest steht für ihn, dass „die Haare erst mal kurz bleiben.“

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Für Fernsehbeitrag nach Berlin

Projekt „Die Haarspender“ ist ein 2016 gegründeter, gemeinnütziger Verein. Ziel: Kindern zu helfen, die ihr Haar durch Krankheiten wie kreisrunder Haarausfall oder eine Krebsbehandlung verloren haben. Der Haarverlust belaste und isoliere die Kinder zusätzlich, informiert der Verein. Mit Haar- und Geldspenden können maßgeschneiderte Echthaarperücken gefertigt werden, die helfen sollen, den Kindern etwas Normalität in ihren Alltag zu bringen. Vier bis fünf Haarspenden braucht man laut Verein für eine Echthaarperücke. Diese koste bis zu 3000 Euro und seien für viele Familien nicht finanzierbar.

Reaktionen  Ein Fernsehbeitrag mit Adrian war dieser Tage in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks zu sehen. Nun freut sich der Zwölfjährige sehr auf eine Flugreise mit seiner Mutter nach Berlin, wo der Sender Sat 1 ebenfalls mit ihm drehen wird.

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