Antirassismus-Tag Spontane multi-kulturelle Musik-Session

Das „Köhler’s“ wurde gerockt beim Anti-Rassismustag in Illertissen.
Das „Köhler’s“ wurde gerockt beim Anti-Rassismustag in Illertissen. © Foto: Thomas Vogel
Von Thomas Vogel 23.03.2018

So etwas bezeichnet man gemeinhin als „die Kneipe rocken“. Freilich ist das „Köhler’s“ als Restaurant und Bar gastronomisch höher angesiedelt. Und statt Rock erklang eine Fusion aus iranischer, arabischer und afrikanischer Musik, verstärkt durch vokale Beiträge der Gäste. Musikalische Migranten unterschiedlichster Herkunftsländer hatten beim „Anti-Rassismus“-Abend am Mittwoch das kleine Lokal in einen von Spontaneität und Herzlichkeit geprägten Musikclub verwandelt. Am Rande kam es zu zahlreichen Wiederbegegnungen von Leuten, die sich schon lange nicht mehr gesehen haben.

Eigentlich war das ja etwas anders geplant gewesen von Daniel Sperl, seines Zeichens Mitarbeiter der Beratungsstelle für ausländische Flüchtlinge beim Diakonischen Werk Neu-Ulm. Etwas strukturierter halt, typischer deutsch eben. Sperl gelang es dann wie durch ein Wunder in dem brechend vollen Lokal noch Gehör zu finden für seine Ansprache. Der Wortbeitrag richtete sich frontal gegen rassistisches Denken und mündete in der rhetorischen Frage: „Was berechtigt denn den einen, sich über den anderen stellen zu wollen?“ Das Ergebnis, „wenn Rassismus als Idee“ erfolgreich werde, sei am Ergebnis des Zweiten Weltkriegs erkennbar. Millionenfachen Tod führte der Sozialpädagoge aus, um dann eine Parole auszugeben, die an diesem Abend gleich mal auf musikalische Weise umgesetzt wurde: „Zusammen und nicht gegeneinander.“

Erst bearbeitete der in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon aufgewachsene Assaad Touk, der in Bellenberg bei „Dreiklang“ Unterricht gibt und gleichzeitig am Ort noch einen Falafelstand führt, seine Trommel. Dann stieg der aus Syrien stammende Alali Twann mit seiner Langhalslaute, dem Saz, mit ein. Dann Christopher Nwatu aus Nigeria, der in der Weißenhorner Gastronomie arbeitet ebenso wie der Afghane Rahim Laegi. Ehe man sich versah, hatte sich eine ausgewachsene Perkussions-Sektion gebildet, die dem Abend zu dynamischem Drive verhalf. Touk, ausgebildeter Musiker und Lehrer und seit 1971 schon in Deutschland lebend, korrespondierte mit afrikanischen Bongas und genoss diese Session sichtlich, je stärker sie anschwoll.

Lachen im Chor

Schließlich firmierten die Besucher sogar zum Chor. Der Exil-Iraner Milad Darwish hatte ein Traditional ins Deutsche übersetzt – die Intonation von „Wir wollen lachen“ wurde zum Beweis, dass auch ein Spontanchor nicht zwangsläufig im Chaos enden muss.

Wer es nicht leicht hatte war Bedienung Amira Volz, die bosnische Wurzeln hat und sich immer wieder einen Weg durch die Pulks erlächeln musste. Die größte Überraschung aber bescherte dieser Abend wohl einer Frauenrunde. Sie hatte sich zu einer geschäftlichen Besprechung verabredet . Weil Musik jedoch bekanntlich mit Geräusch verbunden ist, war an den Austausch organisatorischer oder finanzieller Gedanken nicht zu denken. Angesäuert? „Nö“, kam als Antwort zurück. Schließlich gerät man ja nicht alle Tage in ein improvisiertes Konzert mitten im nächtlichen Illertissen.

Eine Aufgabe für die Zivilgesellschaft

Aktion Überall gibt es dieser Tage die von Vereinten Nationen propagierten „Internationalen Wochen gegen Rassismus“, hierzulande getragen von einer gleichnamigen Stiftung. Die Illertisser Veranstaltung war eine von rund 2000 in Deutschland. „Die Überwindung des Rassismus darf nicht nur Politikern überlassen werden. Die Zivilgesellschaft muss aufstehen“, heißt es in einer Erklärung.