"Es wird alles ausgelotet, was ihm helfen könnte", sagt Renate Willbold-Vajagic. Sie setzt sich gemeinsam mit anderen Helfern aus Elchingen für den asylsuchenden Afghanen ein, der am Dienstagabend versucht hat, sich das Leben zu nehmen, um seine drohende Abschiebung nach Ungarn zu verhindern. "Alles, was uns Zeit verschafft, ist wichtig. Das Beste wäre es, wenn sein Asylverfahren in Deutschland verhandelt wird." Der Helferkreis sieht drei mögliche komplexe Ansatzpunkte, um ihm die Abschiebung zu ersparen.

USA-Visum Eine Möglichkeit könnte sein, den 24-jährigen Afghanen in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zu bringen, da er in Afghanistan für das US-Militär als Dolmetscher tätig war. Die USA vergeben für ehemalige Mitarbeiter aus Afghanistan und dem Irak spezielle Visa. "So ein Antrag braucht seine Zeit, da könnte es Probleme mit der deutschen Ausländerbehörde geben", sagt der Rechtsanwalt des Afghanen, Christoph Käss. "Die müssten ihn hierbehalten, bis der Antrag durch ist." Zudem könnte es schwierig werden, da die amerikanische Botschaft in Kabul auf ihrer Internetseite darauf hinweist, dass die Antragsteller vor ihrem Gesuch keinerlei Reisevorbereitungen anstellen sollen. Eine bevorzugte Aufnahme des Afghanen in Deutschland aufgrund seiner früheren Tätigkeit scheint nicht möglich: "Eine Vereinbarung zur Aufnahme ehemaliger Ortskräfte anderer Staaten in Deutschland existiert nicht", erklärt Harald Neymanns vom Bundesministerium des Inneren.

Kirchenasyl Um die Zeit bis zu einem möglichen Visum in den USA oder einer Duldung in Deutschland zu überbrücken, klären die Helfer die Möglichkeit eines Kirchenasyls ab. "Zur Zeit gibt es mehrere Fälle, wo Leute wegen Kirchenasyls auf die Gemeinden und Beratungsstellen zukommen", sagt Sigrun Grüninger von der Migrationsberatung der Diakonie Neu-Ulm. Das Kirchenasyl könne aber die Flüchtlinge, die wegen des Dublin-Verfahrens in das EU-Land ausgewiesen werden sollen, in dem sie zuerst registriert wurden, nicht auffangen. "Das ist unmöglich", betont Grüninger. Das sei nur in Ausnahmefällen möglich.

Man müsse auch beachten, was ein Kirchenasyl, während dem sich der Flüchtling nur auf dem Kirchengelände aufhalten dürfe, alles nach sich ziehe. "Es ist, als wenn ich ihn ins Gefängnis stecke", erklärt Grüninger. Der Flüchtling müsse betreut werden, brauche Essen und, wenn nötig, auch medizinische Versorgung. Es sei klar, dass die Bedingungen in Ungarn schlechter seien als in Deutschland, aber so sei es nicht zu stemmen. Käss hält ein Kirchenasyl derzeit nicht für nötig. Vielmehr hofft er, dass der Antrag auf Bejahung des Selbsteintrittrechts beim Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge schnell durchgeht.

Selbsteintrittsrecht Von diesem Recht kann die Bundesrepublik Gebrauch machen, wenn der Asylsuchende außergewöhnliche humanitäre Gründe, wie eine Krankheit, geltend machen kann. "Das Asylverfahren wird dann in Deutschland verhandelt", sagt Christiane Germann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Käss schätzt die Chancen seines Mandanten nicht schlecht ein.

"Für uns ist entscheidend, wie das Landratsamt handelt. Es muss abwarten, was das Bundesamt für Migration macht", sagt Käss. Wie lange es dauert, bis der Antrag durch ist, kann der Anwalt nicht beurteilen, er hofft aber darauf, dass die Dublin-Verfahren schneller behandelt werden. "Ich vertraue auf die Aussage des Landratsamtssprechers, dass sie meinen Mandanten, solange er im Krankenhaus ist, nicht ausweisen." Seine Reisetauglichkeit müsse ein Arzt vom Gesundheitsamt feststellen. "Das geht auch nicht so schnell", erklärt Käss.

Zahlen und Fakten

Ortskräfte Afghanen, die für deutsche Behörden oder die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet haben, müssen keinen Asylantrag stellen, sondern können eine so genannte Gefährdungsanzeige stellen. Laut Bundesministerium des Innern haben bis zum 3. September 1105 Afghanen solch eine Anzeige gestellt. In 451 Fällen wurde eine individuelle Gefährdung festgestellt und eine Aufnahmezusage für Deutschland erteilt, bislang sind jedoch erst 260 Visumanträge bei der deutschen Botschaft eingegangen.

Verfahren 2013 stellte Deutschland laut dem Bundesamt für Migration bei anderen EU-Staaten 35.280 Anträge zur Aufnahme von Flüchtlingen, die dort zuerst registriert worden waren. Davon 2441 an Ungarn, überstellt wurden 197 Flüchtlinge.