Illertissen Schulbrüder: Eine Ära geht zu Ende

Illertissen / HELMUT FRANK 04.01.2012
Der Orden der Schulbrüder hat in der europäischen Bildungslandschaft Spuren hinterlassen, auch in Illertissen. Dort ist jetzt eine Ära zu Ende gegangen, aber der Geist "lasallianischer Erziehung" lebt weiter.

Die Schulbrüder wirken weltweit in 79 Ländern und 917 Einrichtungen. Knapp 5000 Schulbrüder begleiten 850 000 Kinder und Jugendliche. Angesichts dieser Zahlen scheint es unbedeutend, dass die letzten vier Brüder der "Sektion Deutschland" jetzt ihren Wohnsitz von Illertissen nach Laubegg in Österreich verlegten. Doch der Umzug bedeutet gleichzeitig auch das Ende einer über eineinhalb Jahrhunderte dauernden Ära - in Deutschland und in Illertissen.

Aus Frankreich waren die ersten Brüder 1850 nach Koblenz gerufen worden, wo ihr Aufbauwerk im Deutschen Bund begann. Nach der Niederlage des Kaiserreiches im 1. Weltkrieg stand den Geistlichen im Deutschland der Weimarer Republik ein breites Feld der Jugenderziehung und Bildung offen. Vielerorts wurden Werke zur Schüler- und Lehrlingsbildung gegründet.

In diese fruchtbare Zeit fällt auch die Ankunft der ersten drei Lasallebrüder im Illertal, die 1919 unter Bruder Gottfried Hart die 1912 begründete Realschule in Dietenheim übernahmen. Jene wurde bereits 1925 in die neu errichtete "Herz-Jesu-Heim"-Realschule mit Internat umgewandelt und nach Dornweiler in der Gemeinde Au verlegt. Die Chance, in idyllischer Einsamkeit große Flächen für den Schulbedarf und zusätzlich ab 1931 für eine Landwirtschaft, den Bruckhof mit einer Fläche von 40 Hektar von der Familie Zanker erwerben zu können, ließen die weitblickenden Gründerbrüder nicht ungenutzt verstreichen. Für den Orden in Deutschland und die Bildungslandschaft um Illertissen erwies sich dieser kühne Gebietserwerb trotz des Risikos hoher Dauerverschuldung als wegweisend. Viel später lagen Bauflächen für das Schulzentrum mit den weitläufigen Sportanlagen und für die Internats-Gebäude jeweils schon bereit.

Dramatisch ausgebremst wurde der Orden durch die Nazis, als er mit 300 Ordensangehörigen den Höhepunkt seiner Entwicklung in Deutschland erreicht hatte. Die Werke der Brüder wurden von 1936 an nach und nach geschlossen. Anders als im Kaiserreich verharrten an einigen wenigen Standorten aber doch noch Brüder, auch in Illertissen. Das Schulgebäude mit 220 Schlafstellen und Brüderwohnräumen wurde 1936 zu einem Schulungsheim für Führerinnen des RAD (Reichsarbeitsdienst) umfunktioniert. Jetzt bot der Landwirtschaftsbetrieb auf dem Bruckhof für die aus ihrem eigenen Haus Vertriebenen Zuflucht und notdürftiges Auskommen durch den Aufbau einer Nutriapelztierzucht. Dafür wurde die "Farm" gebaut, jenes Gebäude nördlich der heutigen Aula, das heute den modernen Sprachheilkindergarten beherbergt. Schwerwiegend war ein großes Feuer, das 1939 alle Gebäude des Bruckhofs in Schutt und Asche legte. Die Brüder bauten mühsam den Hof wieder auf.

In den Wirtschaftswunderjahren blühte der Standort Illertissen auf. Nach aufreibenden Erfolgsjahren zeigten sich aber auch Auszehrungserscheinungen in der deutschen Ordensprovinz: Die Brüderzahl stagnierte, das Durchschnittsalter stieg, die Novizen blieben aus. Es schlug die Stunde der Konzentration - zugunsten von Illertissen. Nach der Schließung des Mutterhauses "Maria Thann" 1969 übersiedelten viele Brüder ins Illertal. Für sie wurde eigens ein Seniorat erbaut, das eine eigene Brüdergemeinde bildete. Somit lag der Sitz der deutschen Ordensprovinz von nun an im bayerischen Illertissen.

Nach der Schließung Bad Honnefs (1987) blieb das Kolleg der Schulbrüder als einziger Standort übrig. Unter anderem auf dem bundesweit gefragten Internat beruhte der Ruhm des Kollegs als "Oxford des Illertals". So war die Schließung des Internats1986 ein wichtiger Einschnitt. 1990 verloren die Illertisser Schulbrüder ihre Selbstständigkeit und gehörten von nun an zum Schulwerk der Diözese Augsburg. Die aktiven Brüder versahen weiterhin ihren Schuldienst und die Leitung lag wie schon seit 1982 in der Hand von Bruder Norbert Fleig. Da aber jüngere Brüder im Konvent komplett fehlten, war das Ende absehbar. 2005 schied als letzter Schulbruder der Schulleiter Fleig aus dem Schuldienst aus. Damals wohnten noch elf Brüder und ein Spiritual in Illertissen. Die Johannes-von-La-Salle-Realschule und das Kolleg der Schulbrüder werden seither allein von nicht dem Orden angehörigen Laien getragen.

Was bleibt? Beide Kollegien haben sich aktiv dafür ausgesprochen die Erinnerung an die Schulbrüder im Namen weiter zu tragen. Sie fühlen sich auch dem lasallianischen Geist verpflichtet. Ein anspruchsvolles Ziel. Denn auch die Pädagogen wissen, dass die Schulbrüder sich um die Bildung ganzer Generationen verdient gemacht haben. Der vergleichsweise geräuschlose Abgang ist nicht verwunderlich: Die Schulbrüder wollten immer schon Gott und der Jugend dienen und waren bescheiden: Für große Ehrungen bleibt da kein Platz.

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