Energie Poker um Not-Kraftwerke beginnt

So könnte die Anlage aussehen, die die SWU bei Leipheim errichten wollen.
So könnte die Anlage aussehen, die die SWU bei Leipheim errichten wollen. © Foto: Visualisierung: SWU
Region / Niko Dirner 13.07.2018
Stromnetzbetreiber schreiben aus, ohne sich auf einen Brennstoff festzulegen. Die SWU stehen weiterhin zu ihrer geplanten Anlage.

Winter Ende 2022: Die Atomkraftwerke in Deutschland sind abgeschaltet, es ist windstill und wolkenverhangen – das Stromnetz droht in die Knie zu gehen. Damit die Lichter anbleiben nach dem Atom-Aus, sollen bis dahin Erzeugungsanlagen mit Kickstartfunktion errichtet werden. Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) haben ein gasbetriebenen Kraftwerk auf dem ehemaligen Fliegerhorst bei Leip­heim projektiert. Das Genehmigungsverfahren ist bereits weit gediehen. Nun ist klar, wie sich die Übertragungsneztzbetreiber die Notfall-Kraftwerke vorstellen.

Denn gerade ist auf der europäischen Vergabeplattform TED die Ausschreibung der so genannten besonderen netztechnischen Betriebsmittel veröffentlicht worden. Demnach wollen Amprion, Tennet und Transnet BW auf Knopfdruck bis zu 1200 Megawatt abrufen können. Aufgeteilt werden soll diese „Wirkleistung“ in zwölf Lose zu jeweils 100 Megawatt, die zu 400-Megawatt-Paketen gebündelt werden.

Die Anbieter können sich auf ein Los oder auf Lospakete bewerben. Gefordert wird weiterhin, dass die Anlagen innerhalb einer halben Stunde die volle Leistung erreichen und dann mindestens 38 Stunden ununterbrochen liefern können. Ein Brennstoff wird in der Ausschreibung bewusst nicht genannt. Damit wären nicht nur Gas-Kraftwerke möglich, sondern theoretisch auch intelligente Systeme zur Steuerung der Stromnachfrage oder Speicher-Lösungen.

Stadtwerke zurückhaltend

Was bedeutet diese Ausschreibung nun für die SWU? Ist das geplante Gas-Großkraftwerk mit einer Leistung von zwei mal 300 Megawatt noch passend? Dazu will Pressesprecher Sebastian Koch nichts sagen. Zum einen seien die Unterlagen noch nicht ausgewertet. Zudem dürften die Stadtwerke „aus Gründen einer möglichen Marktbeeinflussung während des Ausschreibungsverfahrens keine Informationen“ herausgeben. Auch nicht zum eigenen Vorhaben. Koch verrät aber noch, dass das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren laufe und noch in diesem Jahr abgeschlossen werden soll.

Schon heute ist das SWU-Projekt weiter gediehen als die beiden Konkurrenz-Vorhaben. Wie berichtet, will die Schweizer Firma PQ Energy im Gemeindegebiet von Gundelfingen eine ebenfalls gasbetriebene Netzstabilitätsanlage mit einer Leistung von bis zu 1200 Megawatt erstellen. Der RWE-Konzern plant auf einer Fläche östlich des Atomkraftwerkes Gundremmingen gar eine Anlage zur Netzstabilisierung mit einer Leistung von bis zu 1800 Megawatt. Von PQ Energy war keine Stellungnahme zu bekommen. Für die RWE antwortet Sprecher Jan Peter Cirkel man sei noch dabei, die umfangreichen Ausschreibungsunterlagen auszuwerten. Arg viel Zeit bleibt den Experten dazu indes nicht.

Zuschlag bis April 2019

Bis 1. August haben Interessenten noch Zeit, um ihren Hut in den Ring zu werfen. Drei weitere gegeneinander und um die 1200 Megawatt konkurrierende Kraftwerksprojekte gibt es auch nordwestlich von Stuttgart, eine weitere Anlage ist nördlich von München geplant. Der Zuschlag soll dann bis April 2019 erteilt werden. Betriebsbereit sein müssen die Kraftwerke ab 1. Oktober 2022 – und das mindestens zehn Jahre lang. Bis 2032 sollen dann neue Stromleitungen von den Windrädern im Norden nach Süden installiert sein.

Info Die Ausschreibung für die „besonderen netztechnischen Betriebsmittel“ ist auf der europäischen Vergabeplattform TED abrufbar.

Anlage hat für Ernstfall auch Heizöl gebunkert

Projekt Die Übertragungsnetzbetreiber sehen nach dem Aus für alle Atomkraftwerke im Jahr 2022 eine Versorgungslücke von bis zu 1200 Megawatt in Süddeutschland. Wie berichtet, wollen die SWU zusammen mit Siemens zwei 330-Megawatt-Gasturbinen installieren, deren Erzeugung in windschwachen und sonnenarmen Zeiten das Stromnetz stabilisieren oder eben dieses nach einem Blackout wiederaufbauen soll. In minimal 15 Minuten könnte die Anlage hochfahren und mit Gas Strom erzeugen. Im Notbetrieb, wenn also rundherum alles dunkel ist, würden die Turbinen zunächst mit Heizöl gespeist und könnten dann bis zu 72 Stunden durchhalten. In einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern sollte es dann nach und nach wieder Strom geben.

Leitungen Parallel zum immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren für das Kraftwerk haben SWU und Siemens mit der eigens gegründeten Gaskraftwerk Leipheim GmbH & Co. KG ein Planfeststellungsverfahren für den Anschluss ans Strom- und Gasnetz gestartet. Demnach sind eine vier Kilometer lange Stromleitung und eine sechs Kilometer lange Gasleitung geplant.

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