Die Balance stimmt nicht: Da wächst laut Statistik zum einen die Zahl von Pflegekindern mit Migrationshintergrund in der Region, doch gleichzeitig gibt es zu wenige Pflegefamilien mit demselben Hintergrund. Dem will die Illertisser Türkisch-Islamische Gemeinde (Ditib) entgegensteuern und spricht von einer "Vorreiterrolle" im Landkreis. Aktuell habe es zwei Auslöser für die Initiative gegeben, erläutert Ismail Cangi, zweiter Ditib-Vorsitzender. "Wir sind über die Presse auf den Verein Hoffnungsstern in Neuss aufmerksam geworden, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt." Und dann erinnert er noch an den speziellen Fall eines Kindes in Senden, das in einer türkischen Pflegefamilie untergebracht werden wollte, "doch es gab keine".

Ditib-Vorstand und Mitglieder hätten sich daraufhin näher mit der Materie beschäftigt. Resultat: Eine Info-Veranstaltung mit Experten in der Schranne, "um die Wissenslücke etwas zu schließen, zu sensibilisieren". Ismail Cangi: "Es wäre toll, wenn es am Ende konkrete Ergebnisse gäbe und sich jemand bereiterklären würde, sich als Pflegefamilie zur Verfügung zu stellen." Von seinen sieben Vorstandskollegen seien drei ernsthaft daran interessiert.

"Der erste Schritt ist der entscheidende", meint Gülsüm Yalcinöz, die Schatzmeisterin des Vereins "Hoffnungsstern" ist. Es herrsche Aufbruchstimmung, Interesse sei da. Über die türkischen Konsulate in den Bundesländern versucht die Organisation, Pflegefamilien zu gewinnen, denn es herrsche großer Bedarf. Sie ergänzt: "Wir haben unsere eigene Kultur, wir leben anders." Das Pflegekind solle wie gewohnt weiterleben, solle auch die türkische Sprache nicht verlernen. Im Vordergrund steht für Gülsüm Yalcinöz das Wohl der Kinder, "das, was für sie am besten ist". Befragt nach ihren Erfahrungen, erzählt sie: "Die Familien wollen ein Kind haben und es nicht mehr hergeben."

Warum kommen Kinder in Pflegefamilien? Birgit Ummenhofer vom Neu-Ulmer Jugendamt nannte bei ihrem Kurzvortrag Sucht- und psychische Erkrankungen als häufigste Ursachen im Landkreis. Pubertäre Schwierigkeiten nähmen zu, Probleme wie Tod oder Scheidung zählte sie ebenfalls als Beispiele auf. Sie unterschied zwischen der Vollzeitpflege, also einer längeren Unterbringung, und der Bereitschafts- beziehungsweise Kurzzeitpflege, die maximal auf drei Monate angelegt sei.

"Der Vermittlungsprozess läuft über das Jugendamt", sagte sie. Es begleite die Pflegefamilien dann auch konstant. Als Grundvoraussetzungen und Anforderungen an die Pflegeeltern zählte Birgit Ummenhofer unter anderem Flexibilität, Toleranz, Belastbarkeit, Geduld und Empathie auf, "denn diese Kinder haben in der Regel viel erlebt". Dazu gehörten jedoch ebenso ein polizeiliches Führungszeugnis sowie gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse.

Erfahrungsberichte aus erster Hand gaben schließlich Pflegeeltern: "Man kommt auch an seine Grenzen", meinte eine Pflegemutter. Dennoch könne sie es nur empfehlen: "Wir tun es für die Kinder, egal aus welchem Land sie kommen oder aus welcher Kultur."