Natur Naturschützer beklagen Entfremdung von Natur

Faszination Natur: Wer Lebensräume erhalten möchte, etwa für Schmetterlinge, sollte nach Ansicht von Fachleuten seinen Garten möglichst naturnah belassen.
Faszination Natur: Wer Lebensräume erhalten möchte, etwa für Schmetterlinge, sollte nach Ansicht von Fachleuten seinen Garten möglichst naturnah belassen. © Foto: Rudolf Mick
Region / Von Claudia Schäfer 03.08.2018

Momentan gibt die Natur alles. In den Gärten stehen die Sommerblumen in voller Blüte, das Obst reift an den Bäumen. Dazwischen Schmetterlinge, Bienen, Fliegen und anderes Getier. Vom großen Insektensterben also keine Spur, könnte man meinen. Doch Fachleute sehen das anders. Nicht eine Moment­aufnahme sei entscheidend, sondern die Entwicklung. Und die sei verheerend.

Ralf Schreiber vom Landesbund für Vogelschutz im Landkreis Neu-Ulm sagt: „Es hat sich nichts zum Positiven verändert.“ Längerfristige Beobachtungen ließen nur einen Schluss zu: „Es werden immer weniger Insekten.“ Seltene Arten seien am Verschwinden, sogar aus Biotopen. Das liege daran, dass Biotope „Inseln“ seien, die Distanz zu anderen natürlichen Lebensräumen oft zu weit. Der Gen-Austausch funktioniere so nicht mehr richtig. Es komme auch nicht mehr zur Zuwanderung von Tieren in die Biotope, wohl aber zur Abwanderung, denn Insekten seien ja nicht absolut ortsfest: „Woher soll ein Tier wissen, dass es besser nicht davonfliegen sollte, weil es nur im Biotop überleben kann?“

Gerade der Kreis Neu-Ulm sei von seiner natürlichen Ausstattung immer schon eher „an der unteren Kante“ gewesen, auch wegen des hohen Versiegelungsgrads. Da schmerze der zunehmende Schwund von Lebensräumen für Insekten umso mehr.

Dass es derzeit vielen so vorkommt, als gebe es viele Insekten und als sei ihr Verschwinden kein Thema, liegt laut Schreiber an einer veränderten Wahrnehmung: „Die Leute achten mehr darauf. Also registrieren sie auch mehr.“ Besonders natürlich die großen Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, Kohlweißling oder Kleiner Fuchs. Wie es aber bei der Mehrzahl der kleinen Tagfalter aussehe, wisse kaum einer.

Den Bauern wegen der intensiven Landnutzung und des Pestizid-Einsatzes Vorwürfe zu machen, greift laut Schreiber zu kurz. Eine andere Agrarpolitik müsse her, die Subventionen an vernünftige  Naturschutzmaßnahmen knüpfe. Werde etwa nur ein Prozent jeder Agrarfläche als Blüh- oder Brachstreifen belassen, könnte ein Netz an Lebensräumen entstehen, „kein Bauer würde in den Ruin getrieben“. Und dann könne natürlich auch jeder Privatmann etwas tun, im eigenen Garten.

Auffälliger Rückgang

Das sagt auch Katja Groner, die stellvertretende Vorsitzende der BUND-Gruppe Erbach. Eine „absolute Entfremdung von der Natur“ hat die Diplom-Biologin ausgemacht, sogar auf dem Land. Mit Hilfe eines Mähroboters tot gemähte Rasenflächen, pflegeleichte Bepflanzungen mit sterilen Blumen, Steinwüsten statt Gartenzäunen. Selbst Bäume seien out, sagt Groner: „Die lassen nämlich im Herbst die Blätter fallen. Und das will doch keiner.“

Das Insektensterben sei Thema, doch beruhige es viele, derzeit viele Schmetterlinge und anderes Getier zu beobachten. Im Vergleich zu früher seien es aber erschreckend wenige, 2018 sei „sehr auffällig“. Es gebe trotz Obstfülle wenig Wespen: „Jede Wespe, die sich um meinen Klarapfelbaum herumtreibt, kann ich mit Namen begrüßen.“ Auch Groner sagt, das langfristige Monitoring der Insektenbestände zeige einen drastischen Rückgang vieler Arten. Ausnahmen gebe es ausgerechnet bei den von Menschen ungeliebten Tieren wie Stechmücken. Und auch bei den Zecken, die streng genommen keine Insekten sind, sondern Spinnentiere.

Auf Blühfolge achten

Wer etwas tun wolle gegen das Insektensterben und die massiven Folgen auch für den Menschen, müsse einfach weniger tun – also den Garten „unaufgeräumt“ lassen. Groner rät: Beim Pflanzenkauf keine sterilen Züchtungen ohne Pollen wählen oder die stark gespritzte Ware aus Supermärkten. Die sei „Gift“ für Bestäuber. Es sei auch wichtig, beim Pflanzenkauf auf die Blühfolge zu achten, damit es immer Nahrung für nektarsuchende Insekten gebe.

Nicht nur für Insekten bringe ein naturnaher Garten Vorteile, sagt Kroner. An heißen Tagen sorge er für ein angenehmes Mikroklima: „Wer sich derzeit mal in den Schatten einer Markise und dann in den Schatten eines Baums setzt, weiß, was ich meine.“

Exkursion in Sendener Stadtpark

Zählaktion Alle Naturfreunde, besonders Familien, sind aufgerufen, den Landesbund für Vogelschutz (LBV) im Kreis Neu-Ulm von heute an bis 12. August bei einer Insekten-Zählaktion zu unterstützen. Gezählt wird eine Stunde lang, im Garten, auf dem Balkon, auf der Wiese, am See. Die Ergebnisse können dem LBV online gemeldet werden. Weitere Infos gibt es unter www.lbv.de/lbv-kreisgruppe-neu-ulm.html.

Information Wer mehr erfahren möchte über heimische Insekten, hat dazu morgen, Samstag, ab 9 Uhr bei einer LBV-Exkursion Gelegenheit. Treffpunkt: 9 Uhr, Parkplatz am Stadtpark in Senden.

Beratung Fragen, etwa zu  einem insektenfreundlichen Garten, beantwortet BUND-Expertin Katja Groner: Tel. (0731) 666 95 oder bund.ulm@bund.net

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