Sprache „Schwäbisch G’schwätzt“ wird immer weniger

THOMAS VOGEL 03.01.2018
Dialekt-Bewahrer kämpfen gegen Windmühlen, weil weniger „Schwäbisch g’schwätzt“ wird. Die Optimisten hoffen auf „Pflegemaßnahmen“, etwa in der Bücherei in Pfaffenhofen.

Wer sich mit Nikolaus Maucher bei ihm „dahoim“ verabredet, betreffs Erkundung des Stands der Mundart, kann selbst als eingeborener Schwabe noch ein blaues Wunder erleben. Sobald Maucher ins Erzählen kommt mit seiner sonoren Bassstimme, lassen Wort-Rätsel nicht lange auf sich warten – in Form von sorgsam eingestreuten ur-schwäbischen Begriffen. Mit schier diebischer Freude kramt Maucher sie hervor aus seinem imaginären Museum der bedrohten oder schon untergegangenen Wörter. Es ist, als würde diese Wörter-Sammlung mit einem Male wieder in den Alltagsmodus gestellt. Lebendig wird damit die Volkssprache, wie sie einstmals in den Dörfern rund um Weißenhorn, Mauchers Geburtsstadt, gesprochen wurde. Und auch das Weißenhorner „Städtles-Schwäbisch“ selbst, das schon wieder „a Muggaseggale“ anders ist.

Man könnte auch sagen: Maucher, der seit 40 Jahren in Pfaffenhofen lebt – „gewissermaßen ein heruntergekommener Weißenhorner“ – ist Sprach-Archivar, Begriffe-Sammler, Idiom-Artist. Oder einfach ein wenig aus der Zeit gefallen. Jedenfalls bildete all dies ein solides Fundament für die Berufung zum Mundartliteraten, als der er weithin in Bayerisch-Schwaben Bekanntheit genießt.

Hat die Mundart eine Zukunft? Zum Gespräch hat er Maria Störk dazu gebeten, die in Ravensburg aufgewachsene und heute in Beuren lebende Vorsitzende der Matzenhofer Schwabengilde, der 83 Mitglieder umfassenden Mundartpoetenvereinigung. So sitzt also die geballte Erfahrung am Kaffeetisch. In Zahlen ausgedrückt: die Autoren von zusammen mehr als 80 Einaktern, alle verfasst im Schwäbisch der hiesigen Gegend.

Wer dieses noch beherrscht und des Hochdeutschen mächtig ist, wächst zweisprachig auf. Laut Störk wäre das zu begrüßen, „denn das fördert das Gehirn“ und erleichtere die Zuordnung: In der Fremde „verrät mir allein schon der Tonfall, woher Leute kommen, mit denen ich ins Gespräch komme“.

Diese Zweisprachigkeit aber müsste schon in den Grundschulen systematisch gefördert werden, sagt Maucher. Auch müsste das schlechte Image aufpoliert werden. Er kann sich noch erinnern, als „wir Schwaben als die Deppen der Nation galten“. Das habe mehr mit dem Knausern an Worten zu tun als mit dem Dialekt selbst: „Wir Schwaben schießen eben in der Regel nicht so schnell mit Worten.“

Völlig verschwinden werde das Schwäbisch nicht, darin sind beide sich einig. Da ist der Förderverein Bayerische Sprache und Dialekte, Speerspitze der Dialekt-Bewahrer, schon weitaus pessimistischer. Minderheitensprachen, zu denen auch das bayerische Schwäbisch zählt, seien langfristig kaum zu retten, falls sich die Gesellschaft weiter so rasant verändere, so deren Meinung.

„Was die Städte betrifft, so ist das wohl so“, sagt Maucher. Denkt er an seine Enkel, die in München leben, findet er diese These bestätigt: „Die sprechen keinen Dialekt mehr, aber sie verstehen ihn wenigstens noch.“Für den ländlichen Bereich sieht Störk bessere Chancen. „Für Jüngere wird Dialekt zunehmend Teil der eigenen Identität.“ Ihrer Gilde fehlt gleichwohl der Nachwuchs.

Glossar fürs Theater

Als erstes, findet Maucher, verschwänden immer die Begriffe aus dem Umfeld der traditionellen Landwirtschaft im Zuge von deren Abwicklung. Denkt er an die Zukunft, sieht er gleichwohl die Chance, dass sich zumindest Sprachinseln erhalten werden, so lange dort Dialektpflege betrieben werde, in den Schulen und auf kulturellem Gebiet. Als Volks- und Alltagssprache aber sei der Dialekt auf Dauer in weiten Teilen wohl verloren.

Publikumsmangel verspüren die beiden Mundartliteraten aber nicht: „Das Theaterspielen hat sogar wieder zugenommen“, sagt Maucher. Ob sich da womöglich bereits Verständigungsprobleme ergeben? Er zumindest traut dem Beifall nicht rundweg. „Ich bin dazu übergegangen, bei meinen Stücken ein Glossar dazu zu schreiben.“

Angebot in Bücherei in Pfaffenhofen

Initiative Nikolaus Maucher und Maria Störk tanzen auf vielen Hochzeiten, wenn es um Mundart geht. Weil sie sich um den Nachwuchs sorgen, haben sie mit Mitstreitern die Initiative ergriffen: Sie zielt darauf, in der Pfaffenhofer Bücherei ein gebündeltes Angebot einzurichten, bestehend aus Mundartliteratur sowie aus Orts-, Heimat- und Vereinschroniken. Auch Schulen sollen eingebunden werden. Im Frühjahr sollen diese „Pflegemaßnahmen“ konkret werden.