Sie waren gut drauf  beim Aufbau ihres Verkaufsstandes für das Vöhringer Stadtfest, Mehmet Yilmaz und seine Mitstreiter von der türkisch-islamischen Gemeinde Ditib. Bis sie am Nachmittag die Nachricht erreichte, dass sie sich erneut auseinandersetzen müssen mit den Moschee-Gegnern in der Stadt. Diese scheinen sich wie vor fünf Jahren im Verein Pro Vöhringen zu sammeln. „Das macht mich traurig“, sagte Yilmaz der SÜDWEST PRESSE. Dabei hatte vor zwei Wochen alles so gut ausgesehen.

Damals hatte, wie berichtet, der Stadtrat bei nur einer Gegenstimme von Sascha Hinterkopf, CSU, die Bauvoranfrage für den Bau einer Moschee an der Adalbert-Stifter-Straße durchgewunken. Hatte mehrheitlich gegen die CSU sogar zwei Ausnahmegenehmigungen erteilt. Demnach darf zum einen ein 16 Meter hohes Minarett entstehen, obwohl die Bauhöhe auf 10 Meter begrenzt ist. Auch müssen nicht 100 Parkplätze gebaut werden, die rechnerisch nachzuweisen wären. Wie es seitens der Stadt hieß, kann die Moschee – weicht der Bauantrag nicht wesentlich von der Voranfrage ab – ohne weitere Genehmigung gebaut werden. Die Freude war groß bei den Vöhringer Muslimen, die seit1989 in beengten Räumen in der Brucknerstraße beten: Die vor fünf Jahren wegen des Widerstandes auf Eis gelegten Pläne können nun doch wahr werden.

Doch jetzt ist Pro Vöhringen wieder auf den Plan getreten. Jener Verein, der bereits vor fünf Jahren massiv Front gemacht hatte gegen die angebliche „Groß-Moschee“. Unter anderem, indem der Geschäftsführer der islamkritischen Organisation Pax Europa zu einem Vortrag gebeten wurde. Jetzt überlegt der Pro-Vöhringen-Vorsitzende, Orgelbauer Stefan Heiß, den Ratsbeschluss mit einem direktdemokratischen Element auszuhebeln. Er hat für Dienstag zu einer Veranstaltung ins Sporthotel Ihle eingeladen, die den Titel trägt: „Moschee in Vöhringen, Bürgerentscheid?“. Auf Anfrage sagt Heiß, noch sei nichts beschlossen, „weil wir erst die Bürgerinnen und Bürger von Vöhringen anhören wollen“.

Heiß betont aber, Pro Vöhringen habe nichts zu tun mit der Facebook-Seite „Vöhringen braucht keine Moschee“. Dort wird auch für eine „Bürger-Abstimmung“ geworben. Und es ist eine angeblich von der NPD verfasste Stellungnahme zu lesen, in der es heißt: „Moscheen sind die sichtbarsten Symbole der Islamisierung Deutschlands, und die Islamisierung ist – neben der Asylflut – die bedrohlichste Form der Überfremdung unserer Heimat.“ Die Seite hat 1248 Anhänger. Das Gegenstück „Vöhringen pro Moschee“, kommt auf 691 Fans. Diese Seite wird so beschrieben: „Für alle, die nicht blindlings der Hetze und Stimmungsmache folgen. Für eine schöne Moschee in Vöhringen.“

Mehmet Yilmaz sagte: „Ich verstehe nicht, warum Pro Vöhringen jedes Mal Aktionen gegen uns startet.“ Seit 34 Jahren gibt es den Ditib-Verein in Vöhringen, seit 1989 beten die Muslime in der Brucknerstraße. Die Räumlichkeiten dort seien zum einen zu klein. Außerdem hätten sie dort zu wenige Parkplätze. Und es gebe auch immer wieder Probleme mit den Anwohnern – gerade jetzt in der Fastenzeit Ramadan, wenn die Moschee vor allem abends besucht ist. „Wir wollen die Nachbarn nicht mehr stören.“ Am neuen Standort grenzen nur Gewerbebetriebe an. Was an der Adalbert-Stifter-Straße entstehen soll, sei unwesentlich größer als das jetztige Domizil. Die Pläne seien vor dem Stadtratsbeschluss den Fraktionen vorgestellt worden, und deren Wünsche seien auch eingeflossen. „Wir haben viel geändert, das wird keine klassische Moschee“, sagt Mehmet Yilmaz. Die Kuppel etwa, die den Gegnern von jeher missfällt, sei nur von zwei Seiten sichtbar, sonst verdeckt. Zudem erhalte die Moschee ein „europäisches Minarett“.

Yilmaz betont auch, dass man mitnichten gleich zu bauen anfangen könne. Zunächst einmal solle nun der Stadt Vöhringen das Grundstück, etwa 4500 Quadratmeter, abgekauft werden. „Dann müssen wir anfangen, Spenden zu sammeln und uns um Kredite kümmern. Denn wir haben kein Geld.“

Daten zur geplanten Moschee

1000 Türken Die türkisch-islamische Gemeinde Ditib in Vöhringen hat 185 Mitglieder, sagt Vorsitzender Mehmet Yilmaz. Er schätzt, dass insgesamt rund 1000 Menschen mit türkischem Pass in Vöhringen leben. Dazu kämen etwa 400 Muslime aus anderen Ländern, etwa aus Bulgarien, vom Balkan oder aus dem arabischen Raum. Ditib ist eine Abkürzug für Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, eine halbstaatliche Institution. Diese stellt den Imam.

Abmessungen Der Gebetsraum misst laut Plan 18 auf 18 Meter und bietet Platz für rund 270 Gläubige. Die Moschee soll neben der Kuppel ein 16 Meter hohes Minarett zieren. Ergänzend soll ein Haus gebaut werden, das Platz bietet für einen Gemeinschaftsraum, für Schulungs- und Aufenthaltsräume sowie für eine Wohnung für den Imam. Auf die Südseite kommt eine Palisadenwand, die zum Minarett hin ansteigt. Geplant sind 34 Parkplätze.

Kommentar von Niko Dirner: Reden statt trommeln

Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Grund, gegen den Bau einer Moschee in Vöhringen zu sein. Die Muslime sind schon da, sie haben seit Jahren einen Treffpunkt und wollen sich nun größere und modernere Räume schaffen. Das ist alles. Beschämend genug, dass sie dafür nur ein Grundstück am Rande eines Gewerbegebietes ergattern konnten. Gerade in Vöhringen, wo 2010 der damalige katholische Pfarrer gefordert hatte: Die Moschee gehört in die Stadt.

Vor fünf Jahren war der Widerstand von Pro Vöhringen - an den sich die NPD anhängte - zu groß. Die türkisch-islamische Gemeinde legte ihr Projekt auf Eis. Kaum hat sie nun das Okay für einen mit allen Rats-Fraktionen abgestimmten Entwurf, trommeln die Gegner wieder ihre Truppen zusammen. Und müsen sich gleich von islamfeindlichen Parolen im Internet distanzieren. Natürlich ist ein Bürgerentscheid generell ein gutes Instrument. Zuerst aber sollte man versuchen, Ängste in Gesprächen ausräumen. Mehmet Yilmaz spricht übrigens, mancher mag es kaum glauben, echt gut Deutsch.