Handel Modegeschäft in Nersingen schließt nach 30 Jahren

„Die Mode“ war lange ihr Leben: Geschäftsführerin Lilly Mack schließt ihr Geschäft in der Nersinger Bahnstraße zum Ende des Jahres. Wie es danach weitergeht, ist noch unklar.  Foto: Andreas Spengler
„Die Mode“ war lange ihr Leben: Geschäftsführerin Lilly Mack schließt ihr Geschäft in der Nersinger Bahnstraße zum Ende des Jahres. Wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Foto: Andreas Spengler © Foto: Foto: Andreas Spengler
ANDREAS SPENGLER 19.11.2016

An den Vertreter der Modemarke Olymp erinnert sich Lilly Mack noch genau. Wie er ihren unscheinbaren Laden in Nersingen betrat, einen kritischen Blick über die Garderobenständer warf und sagte: „Aber Frau Mack, für unsere Mode müssen sie mir eine Bühne schaffen!“ Naturboden, Hochglanz, eine neue Fassade. Das wäre vielleicht ein erster Schritt gewesen in die neue Zukunft. Ein zweiter: Mack hätte Online gehen müssen. „Jetzt soll ich mich auch noch im Internet schlau machen?“, fragte sich die 55-Jährige. Doch den Lieferanten, den Outletstores und Modegiganten konnte sie keine Parole bieten.

2010 bot sich eine dritte Perspektive: In Nersingen eröffnete das Einkaufszentrum Riedle. Mack überlegte, ob sie „reingehen“ sollte. Größere Bühne, mehr Laufkundschaft, vielleicht ein Lob vom Olymp-Vertreter. Aber Mack erzählt: „Wir wollten nicht zwischen Takko und  Kik, wir sind doch ein Fachhandel.“ Jetzt steht die Geschäftsführerin in ihrem Laden und muss die Geschäftsschließung bekannt geben, zum Jahresende. Die Fassade ist überspannt mit Räumungsverkaufsschildern. Alles muss raus. Groß und protzig, so wie es nie ihre Art war. Und Mack sagt, sie freue sich auf die neue Freiheit. Aber dann kommen ihr doch die Tränen.

Aufwand wird immer größer

30 Jahre lang hat die gelernte Schneiderin in Nersingen Kleidung verkauft, zunächst fünf Jahre lang Kindermode in ihrem Privathaus, und seit 1993 auf 100 Quadratmetern Mode für alle, in dem Geschäft in der Nersinger Bahnstraße. In keinem einzigen Jahr habe sie Verlust gemacht, doch jetzt müsse sie zusehen, wie ihr Laden immer seltener besucht wird. Vielleicht könnte sie mit einem Kraftakt, das Ruder nochmals rumreißen. Doch allmählich sei sie „werbemüde“, der Aufwand werde immer größer und junge Familien als Kunden zu gewinnen, zunehmend schwieriger.

In guten Zeiten, um die Jahrtausendwende, war das anders: Damals ließen sich ganze Familie von ihr einkleiden. „Vom Kind bis zum Papa“. Mack verstand es, sich einen treuen Kundenstamm aufzubauen.

Hela Kraus aus Nersingen ist eine der Kunden der ersten Tage. An diesem Vormittag probiert sie eine dunkle Stoffhose und einen blauen Pullover an und klagt: „Für mich ist es schlimm, dass die Lilly zumacht.“ Fast alles habe sie dort gekauft. Stets gab es neben Mode- und Stilberatung auch aufmunternde Worte und ein freundschaftliches Gespräch. Wenn Lilly Mack von ihren Kunden erzählt, wird sie erneut wehmütig: „Es gab so viele Augenblicke, in denen man sich mit den Kunden freuen konnte.“ Dann erzählt sie von einer Frau, die einen wichtigen Vortrag halten musste und verzweifelt nach dem passenden Outfit suchte. Mack konnte ihr helfen. Oder von einer Dame, die freudestrahlend in den Laden kam, mit den Sätzen auf den Lippen: „Mein Mann ist zum Wandern gefahren und jetzt tu’ ich mir was richtig gutes.“ Manche nahmen die Kleidungsstücke zur Probe mit nach Hause, Mack vertraute ihnen.

Ihre „wundervollen Stammkunden“ hätten ihr stets den Rücken gestärkt, wie auch ihre Mitarbeiter. Den Gedanken, das Geschäft aufzugeben, besprach Mack zunächst mit ihren Angestellten. Erst als alle vier einen neuen Job in Aussicht hatten, gab sie das Ende bekannt.

Zukunft unklar

In wenigen Wochen wird Mack zum letzten Mal ihren Laden aufschließen. Sie selbst hat die Räume nur nur gemietet. Wer danach einzieht, ist unklar. Mehrere Gespräche laufen. Und Mack? Sie erzählt, dass es vielen kleinen Modeläden so erginge wie ihr. Aber die Lage sei nicht aussichtslos. Noch will sie sich nicht zur Ruhe setzen. „Dafür bin ich gar nicht der Typ.“ Konkrete Pläne gebe es noch keine, aber dann fügt sie hinzu: „Meine Kunden sollen sich mal überraschen lassen.“

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