Senden/Weißenhorn Mit Kaffee in die Zukunft

"Gäste zu bedienen ist für mich keine Arbeit": Anton "Tony" Walser in seinem Café im Sendener Einkaufszentrum. Konzept und Einrichtung hat er sich allein ausgedacht. Aber er konnte dabei auch auf einige Erfahrung zurückgreifen. Foto: Dave Stonies
"Gäste zu bedienen ist für mich keine Arbeit": Anton "Tony" Walser in seinem Café im Sendener Einkaufszentrum. Konzept und Einrichtung hat er sich allein ausgedacht. Aber er konnte dabei auch auf einige Erfahrung zurückgreifen. Foto: Dave Stonies
Senden/Weißenhorn / NIKO DIRNER 10.08.2013
Anton Walser ist aus Tradition Gastronom: Jahrelang betrieb seine Familie den "Hasen" in Weißenhorn. Der 32-jährige Restaurantfachmann, einziger Walser-Spross, hat seine Berufung als Wirt neu interpretiert.

"Grüß di", "Hallo", "Tschüß", "Machs gut" - wer sich mit Anton Walser in seinem Sendener Café trifft, kommt kaum dazu, zwei ungestörte Sätze mit ihm zu sprechen. Ständig begrüßt oder verabschiedet der 32-Jährige Gäste. Und wenn der Andrang sehr groß ist, springt der Weißenhorner auf, um benutzte Tassen wegzuräumen. "Ich kann nicht anders", entschuldigt sich der gelernte Restaurantfachmann. "Mein Versuch, hier Büroarbeit zu erledigen, ist deshalb schon gescheitert. Das mache ich jetzt zu Hause." Nach Lehrjahren bei mehreren Top-Adressen der Gastronomie-Branche ist Walser seit 2008 mit "Tonys Coffee" im Sendener Iller-Center sowie legendären Partys in Weißenhorn zurück in der Heimat - und führt die Gastgeber-Tradition der Familie weiter.

Tradition? Aber sicher: Der 32-Jährige ist der fünfte Spross des Walser-Clans, der sich als Wirt verdingt. Sein Ur-Ur-Ur-Großvater Anton Walser I. legte mit dem Kauf des Lokals "Hasen" in der Weißenhorner Altstadt 1872 den Grundstein. Zuvor waren die Walsers aus Zermatt (Schweiz) nach Einsingen bei Ulm ausgewandert. In dem Restaurant, das zu den ältesten in der Fuggerstadt zählt, wuchs auch Anton Walser V. auf. "Bei uns war immer was los", erinnert er sich: am Samstagabend beispielsweise eine Hochzeitsfeier bis um 4 Uhr, am nächsten Morgen Frühstücksgäste. "Da habe ich auch mitbekommen, wie stressig die Gastronomie ist." Daran habe sich nichts geändert, doch die Gewohnheiten der Menschen seien andere: Dass sich nach 16 Uhr alle Handwerker zum Stammtisch versammeln und ein Weizen heben? Heute undenkbar. Und das Treffen der Landwirte immer am Mittwochvormittag? Gibt es nicht mehr. "Heute sind andere Konzepte gefragt", sagt der 32-Jährige. "Obwohl eine schwäbische Wirtschaft weiter ihre Berechtigung hat."

Sein Grundwissen hat Anton Walser in einem anderen Traditionshaus erworben: im "Feyrer" in Senden. "Das war eine tolle Ausbildung, von der ich bis heute profitiere." Der frischgebackene Abiturient hatte so gute Noten an der Fachschule, dass er nach eineinhalb Jahren fertig war. Er heuerte in einem großen Hotel in Frankfurt am Main an, war dann später für den Gourmet-Bereich der Allgäuer Top-Adresse Sonnenalp zuständig, ehe er zu Feinkost-Käfer nach München wechselt. Dort war der Weißenhorner Projektleiter für Veranstaltungen in aller Welt. Er organisierte von 2000 bis 2006 Partys bei Formel-Eins-Rennen, die Verpflegung für Messeauftritte von Volkswagen unter anderem in Tokio und das Catering für Spiele der Fußballweltmeisterschaft. Als ihm eine Beförderung bei Käfer angetragen wurde, schlug Walser aus. "Ich habe mich bewusst dafür entschieden, wieder nach Weißenhorn zurückzugehen."

Das hing auch mit der Erkrankung seiner Mutter zusammen, Vater Anton Walser IV. bat um seine Hilfe im "Hasen". Doch die Idee, etwas Eigenes zu machen, war präsent. Bei einem Einkauf in Senden fiel Walser am Iller-Center eine Bautafel auf: "Hier eröffnet ein Saturn" stand da, erinnert er sich. Also ein Kundenmagnet. Der Weißenhorner entwarf ein Konzept und schickte es nach London, wo der Eigentümer des Einkaufszentrums residiert. In der Berliner Niederlassung durfte er seine Idee en détail vorstellen - und er überzeugte. "Dabei war die Fläche eigentlich für ein weiteres Modegeschäft vorgesehen." Nachdem er auch eine Bank für sich gewonnen hatte, ließ der Weißenhorner seine Pläne umsetzen.

Das fertige Lokal teilt sich in drei Zonen - angefangen vorne bei den Stehtischen über einen Mittelbereich mit Tischen und Stühlen bis zur Kuschelecke mit Sofa und Sesseln. "Ich wollte immer, dass sich jeder bei uns wohlfühlt." Der Anfang war gleichwohl holprig, denn am Saturn wurde noch gebaut, als Walser fertig war. Doch nach der Eröffnung des Elektronikmarktes im Mai 2009, wozu Walser Kaffee ausschenkte, ging es bergauf. Schon bald konnte der Weißenhorner eine Auszubildende einstellen, die er inzwischen übernommen hat. Auch die zweite Auszubildende, die gerade als Beste in Schwaben ihre Abschlussprüfung gemacht habe, bekommt eine Anstellung bei ihm. Insgesamt rund 20 Mitarbeiter hat "Tonys Coffee" heute. Name und Konzept sind als Marke eingetragen. Der Kaffee ist eine eigene, besonders säurearme Röstung; wer einmal da war, kommt wieder, sagt der Gastronom.

Jeden Tag sei er für sein Lokal im Einsatz, der "Hasen" ist inzwischen verpachtet. Und trotzdem hat er da noch eine andere Sache am Laufen, die er gar nicht an die große Glocke hängen will: Ab und an macht er den "Engel" in Weißenhorn auf, die Einladung erfolgt über das Netzwerk Facebook - und der Laden ist stets rappelvoll: "Gute Musik, kühle Getränke und das Ambiente dieser alten Wirtschaft: Das gefällt den Leuten, ob jung oder alt. Das kann man aber auch nur dort machen. Das kann man nicht kopieren."

Kopieren könnte er hingegen sein Café - etwa in andere Einkaufszentren hinein. Anfragen dazu erreichten ihn oft, sagt Walser. Doch der 32-Jährige mag nicht so recht. Er will kein finanzielles Risiko eingehen. Er möchte für seine Familie da sein. Seit November ist er nämlich auch Papa - von Anton Walser VI.

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