Dienstleistung Mit dem Hausrat verschwinden Erinnerungen

Ein Umzug kann Anlass für die Auflösung eines Haushalts sein. Häufig ist aber ein Todesfall der Grund dafür, dass Gabi und Georg Kramer eine Wohnung ausräumen.
Ein Umzug kann Anlass für die Auflösung eines Haushalts sein. Häufig ist aber ein Todesfall der Grund dafür, dass Gabi und Georg Kramer eine Wohnung ausräumen. © Foto: mauritius-images
Weißenhorn-Obenhausen / Von Claudia Schäfer 12.10.2018

Wohnungsauflösung – immer wieder finden sich dazu Inserate im Anzeigenteil der Zeitung und in Wochenblättern. Überflüssiger Hausrat wird an Schnäppchenjäger abgegeben, manchmal, weil ein Pärchen zusammenzieht oder ein Umzug ansteht. Häufig ist aber ein Todesfall der Grund für die Wohnungsauflösung. Ein Mensch ist gestorben, und was die Erben nicht brauchen, muss weg.

Dann kann es gut sein, dass die Angehörigen den Hausmeisterservice von Gabi und Georg Kramer in Buch-Obenhausen anrufen. Für eine Wohnungsauflösung brauche man Fingerspitzengefühl, sagt Gabi Kramer und fügt hinzu: „Krass gesagt, geht es bei unserer Arbeit oft darum, Erinnerungen an das Leben eines Menschen zu beseitigen.“

Manchmal, sagt die 51-jährige, bekommen sie dabei ungewollt tiefe Einblicke in das Leben eines Menschen. Der Mann, in dessen Wohnung „Schnapsflaschen in jeder Ecke“ standen, was mag der für einen Kummer gehabt haben? Was ging im Kopf der Frau vor, die wohl als junge Frau eine Puppenstube für eine Tochter gebaut hat, die dann nie geboren wurde? Welche traurige Geschichte verbirgt sich im Leben des alten Herrn, in dessen Zuhause rein gar nichts an die eigenen Kinder erinnerte und dessen Nachkommen „eiskalt“ den Auftrag zum Räumen der Wohnung erteilten? Solche Fragen stelle sie sich immer wieder, erzählt Gabi Kramer.

Ganz anders lief es, als ein alter Mann starb, für den die Kramers schon lange den Winterdienst übernommen hatten. „Ein liebenswerter Mensch, ein richtiger Opa“ sei das gewesen, erinnert sich Gabi Kramer. Als sie gemeinsam mit den Angehörigen die Wohnung des Verstorbenen ausräumte, bestätigte sich ihr Eindruck: Er hatte viele Sachen der Kinder aufgehoben, darunter einen alten Puppenwagen, den er selbst gebaut hatte. „Er muss seine Kinder richtig lieb gehabt haben, er hat so viele Spielsachen gemacht“, erzählt Gabi Kramer. Den längst erwachsenen Erben sei der Fund der alten Sachen, an die sie gar nicht mehr gedacht hatten, sehr nahe gegangen: „Sie waren sehr traurig, aber auch sehr dankbar und froh, so einen Vater gehabt zu haben.“

Oft merkten Kinder erst während der Räumung, was ihnen manche Erinnerung bedeutet. „Da wurde ausgemacht, dass alles wegkommt, wir fingen an, den Container voll zu machen und plötzlich schrie der Sohn, wir sollen sofort aufhören.“

Was mit den Sachen geschehen soll, vereinbaren die Kramers mit den Auftraggebern genau. Das meiste lande in der Müllverbrennungsanlage, sagt Gabi Kramer. „Sonst hätten wir schnell eine Lagerhalle voll.“ Einige Sachen übernehmen die Erben, andere werden verkauft oder der Tafel gespendet. Wertvolle Stücke finden sich nur selten. Manchmal fallen Kramers Unterlagen in die Hände: „Die werden unbesehen zur Seite gelegt und den Erben gegeben.“ Diskretion sei ohnehin wichtig: „Von uns erfährt keiner außer dem Kunden, was wir aus einer Wohnung geholt haben.“

Immer wieder, erzählt die 51-jährige, sei sie beeindruckt, wie sorgsam ältere Leute mit ihren Sachen umgegangen sind. Eine ganz andere Wertschätzung gegenüber Möbeln oder Geräten sei da zu spüren als sie heute herrsche.

Mit einem Schmunzeln erinnert sich Gabi Kramer an eine Wohnungsauflösung, zu der auch die Entsorgung „mehrere Regal-Meter voller gefüllter Einweckgläser“ gehörte. Viele enthielten in Rum eingelegte Zwetschgen. Eines ums andere musste geöffnet und geleert werden: „Ich war allein durch den Geruch schon high.“

Dass es nicht unbedingt die wertvollen Dinge sind, die später einmal als wichtige Erinnerung an einen Menschen bleiben, ist nur eine Erkenntnis, die Kramers bei ihrem Job gewonnen haben. Die andere ist eine ganz persönliche, sagt Gabi Kramer: „Nach jeder Wohnungsauflösung denk’ ich, dass ich dringend daheim ausmisten sollte.“

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