Die Sonne Spaniens ist bis nach Schwaighofen spürbar, denn mit dem Beginn der europäischen Urlaubssaison laufen allsommerlich vermehrt Aufträge bei den Milchwerken Schwaben ein. Dann wird in dem Neu-Ulmer Unternehmen, das die Marke Weideglück vertreibt, vermehrt Sahne für Eisdielen oder Käse für Pizzerien nachgefragt. Spanien sei bei Touristen mittlerweile beliebter als die Türkei oder Griechenland, sagt Karl Laible, der geschäftsführende Vorstand – an der Auftragslage sei das erkennbar.

Laible hält einen Chip an die Tür der 2013 fertig gestellten Käserei und rüttelt am Knauf – nichts. „Ich bin meist zu schnell“, sagt der 55-Jährige, bevor er bewusst einen Moment wartet und sich die Tür dann öffnen lässt. Bei der Eröffnung vor drei Jahren sei die Käserei noch europaweit die modernste gewesen, mittlerweile gebe es sicher auch andere, sagt Laible. Durch die 23 Millionen Euro Investition können die Neu-Ulmer statt der bisher 20.000 nun 28.000 Tonnen Käse pro Jahr produzieren.

Mit dem Öffnen der Tür schlägt dem Besucher ein streng säuerlicher Geruch entgegen, der sich mit jedem Schritt in Richtung Produktionshalle verstärkt. Es ist ungewöhnlich ruhig, die Maschinen stehen still. Ein einzelner Arbeiter, komplett in Weiß, steigt am Ende der Halle in ein Becken hinab. Immer, nachdem die Maschinen 24 Stunden produziert haben, wird eine fünfstündige Pause zum Reinigen eingelegt.

Während dieser Ruhepausen übernehmen die Bakterien die Arbeit: In turmartigen Kesseln – den „Käsefertigern“ – verwandelt sich angewärmte Milch durch die Zugabe von Lab und Milchsäurebakterien in eine joghurtartige, stichfeste Masse, in Gallerte. Daneben, im „Formenbahnhof“ stehen hunderte leerer Käseformen, die später mit der Gallerte gefüllt werden sollen. Wie der Käse Stunden später aussieht, ist ein Raum weiter zu sehen: Dort schwimmen  hunderte Käselaibe in schwimmbeckengroßen Salzlake-Behältern.

Der ruhige Eindruck trügt allerdings: Wegen der sommerlich bedingt hohen Auftragslage haben die fertigen Käselaibe kaum mehr Zeit, lange genug zu ruhen. Normalerweise müssen die Goudas, Emmentaler oder Tilsiter zwei bis sechs Wochen reifen. Derzeit kommt es aber schon mal vor, dass der Käse nach einer Woche Neu-Ulm verlässt. Mit der mehrtägigen Lkw-Fahrt, der Lagerung und dem Verkauf komme der Käse aber auf seine benötigte Reifezeit, so Laible. In der Verpackungsstation lässt sich der hastige Versand erahnen: Unaufhörlich laufen  etwa 30 Zentimeter lange Käseziegel über das Band, werden unter Vakuum in Plastik eingeschweißt. Zehn mal zehn Zentimeter sind sie breit – das gängige EU-Sandwichformat. Etwa 40 Prozent der Produkte werden europaweit exportiert.

Auf eine möglichst kurze Lagerung läuft es dagegen in der Frischeproduktion hinaus. Dort sind mehrere Mitarbeiter mit der Produktion und dem Verpacken von Joghurt und anderen Desserts beschäftigt, etwa 15 Arbeiter im 24-Stunden-Schichtbetrieb. Eine Frau stapelt leere Ein-Kilogramm-Becher in eine Maschine, wo sie mit Joghurt befüllt werden – griechisch, fettarm oder fruchtig. Die Fruchtmasse wird über ein gesondertes Rohr zugeführt und direkt beim Einfüllen mit dem Naturjoghurt vermischt. Laible beobachtet das Geschehen: „Im Bereich der Ein-Kilogramm-Becher sind wir Marktführer.“ Milch wird auch produziert, allerdings nur in 10-Liter-Eimern, für Großverbraucher wie Kasernen, Krankenhäuser oder Heime.

Im angrenzenden Lager sind neben den Produkten mit Weideglück-Logo auch Billigmarken gestapelt. „Wir verkaufen auch an Discounter wie Netto oder Aldi“, sagt Laible. In den Packungen ist derselbe Inhalt. Allerdings zahlen die Discounter entsprechend weniger – für die Landwirte bleibt nicht viel übrig. Derzeit werden etwa 80 Prozent der H-Milch und 70 Prozent der Frischmilch über Discounter verkauft. „Wir Deutschen sind beim Essen auf Billig getrimmt, Lebensmittel spielen keine große Rolle.“ Um dem entgegen zu wirken, will Laible die eigene Marke umso mehr vorantreiben. „Die Marke ist nicht so anfällig für Preisschwankungen.“ Je mehr Marke verkauft werde, umso mehr Geld bleibe für die Landwirte übrig. Als Genossenschaft sei es verpflichtend, die Profite an die Landwirte weiter zu leiten. Schließlich seien die 1022 Milcherzeuger, die in der Genossenschaft organisiert sind, die Eigentümer des Unternehmens.

Aktuell zahlt Weideglück den Bauern 24 Cent für den Liter Milch mit 4,2 Prozent Fett. Bei einem bundesweiten Durchschnitt zwischen 22 und 25 Cent, liegt das Unternehmen damit im oberen Drittel. Üppig ist der Preis für die Bauern, die etwa mit 30 Cent Kosten pro Liter Milch rechnen, trotzdem nicht. „Es ist immer noch zu viel Milch auf dem Markt“, sagt Laible. Dazu kämen Außenwirkungen wie das Russland-Embargo oder die Ölkrise.

Für die Bauern sei es ein Teufelskreis: Um die niedrigen Preise aufzufangen, stocken viele ihre Milchproduktion auf, wodurch das Überangebot verschärft wird und die Preise weiter sinken. Laible ist sich aber sicher, dass in dieser Konjunktur der Tiefpunkt erreicht ist und es fortan wieder bergauf gehen muss. Wegen der verminderten Zugabe von Kraftfutter und der sommerliche Hitze, gäbe es weniger Milch auf dem Markt. Im Bezug auf den Milchpreis ist Laible sich sicher: „Weniger wird es nicht mehr.“ Weideglück habe das Tal erreicht.

An der Spitze des Unternehmens steht kein Bauer

Person Seit 2013 arbeitet Karl Laible (Foto) bei den Milchwerke Schwaben. Der gelernte Handelsfachwirt ist dort geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Er sei kein Bauer, sagt er. Sein landwirtschaftlicher Hintergrund besteht  aus Erinnerungen, wie er zum Beisiel als kleiner Bub zugeschaut hat, wie man die Kühe aus dem Stall trieb.

Unternehmen Täglich holen die Weideglück-Lastzüge etwa eine Million Liter Milch bei 1022 Landwirten  vom Neckar bis ins Allgäu ab. Durchschnittlich liefert jeder landwirtschaftliche Betrieb etwa 320 Kilogramm Milch pro Jahr ab. In Schwaighofen arbeiten rund 180 Angestellte, die Milchwerke produzieren jährlich etwa 27 500 Tonnen Schnittkäse, 21 000 Tonnen Milchpulver und 80 500 Tonnen Frischeprodukte, wie Joghurt oder Desserts in der Betriebsprache heißen.