Wain Leidenschaftlicher Pakt mit Worten

"Über die Romanfigur Wilhelm Meerbusch konnte ich Dinge schreiben, die ich in Ich-Form nicht hätte sagen können. So kann Meerbusch auch mal Dummheiten machen", beschreibt Helmut Gotschy die Entstehungsgeschichte seines neuen, zweiten autobiografischen Romans. Foto: Petra Ast
"Über die Romanfigur Wilhelm Meerbusch konnte ich Dinge schreiben, die ich in Ich-Form nicht hätte sagen können. So kann Meerbusch auch mal Dummheiten machen", beschreibt Helmut Gotschy die Entstehungsgeschichte seines neuen, zweiten autobiografischen Romans. Foto: Petra Ast
Wain / PETRA AST 05.04.2013
Der Schriftsteller Helmut Gotschy, der einst Gitarren und Drehleiern baute, schildert in einem autobiografischen Roman Erinnerungen an eine Zeit, bevor ihn seine Krankheit zwang, umzudenken

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Das Buch mit dem viel sagenden Titel "Der geschenkte Traum" ist die Chronik einer angekündigten Krankheit. Es erzählt von einem jungen Mann, Wilhelm Meerbusch, dem sein Arzt eine düstere Prognose mit auf den Weg gibt. Zu dieser Zeit ist der Protagonist der Geschichte 23 Jahre alt und erlebt in Freiburg ein berufliches und privates Desaster: Aus der Traum vom Gitarrenbauer, Aus die anvisierte Zukunft mit der geliebten Freundin.

Meerbusch flieht und versucht nach einer halbjährigen Orientierungsphase in Indien schließlich in Berlin, damals noch von der Mauer durchzogen, sein Glück als Instrumentenbauer. Hier in der alternativen Szene der anschwellenden Großstadt gelingt dem Autodidakt, wovon er zwischendurch nur noch in seinen kühnsten Träumen überzeugt war. Meerbusch baut Instrumente, verkauft sie in einem eigenen Laden und wird schon bald zur Koryphäe. Weltweit verkauft er von da an Drehleiern und Gitarren, 1200 Instrumente werden es am Ende, nach sage und schreibe 33 Jahren Berufsjahren sein.

Doch das Leben wirft dem virilen, voller Energie steckenden Wilhelm Meerbusch immer wieder Steine vor die Füße. Nicht zuletzt ist es die Krankheit, Meerbusch ist an Kinderlähmung erkrankt, die ihn dazu zwingt, den Bau von Gitarren und Drehleiern irgendwann aufzugeben. Nicht einfach für einen, wie er beim Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE erzählt, für den sein Beruf mehr Leidenschaft, denn Last war. "Da steckte mein ganzes Leben drin", erzählt er in seiner Schreibwerkstatt, die er sich im Dachgeschoss seines Wainer Hauses eingerichtet hat. Ein Aufzug führt in den lichtdurchfluteten Raum. Die Stufen würde Gotschy nicht mehr hinauf kommen. Vor zwei Jahren hat er seine Firma verkauft. Seither ist das Schreiben für ihn zum Lebenselixier geworden. Nach seinem Erstlingsband "Papaya mit Rosinen", in dem der 59-Jährige ein Roadmovie über seine Reisen verfasst hat, immer begleitet von den Tücken seiner Krankheit, legt Gotschy nun seinen zweiten autobiografischen Roman, 376 Seiten dick, vor. Die Geschichte, die die Entwicklung Wilhelm Meerbuschs vom zunächst erfolglosen Autodidakten hin zum weltweit erfolgreichen Instrumentenbauer dokumentiert, reicht zurück bis in die siebziger Jahre, und endet nach neun Jahren Berlin in Wain. Eine Zeitreise, geprägt von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die Gotschy eindringlich beschreibt. In der Weihungstal-Gemeinde findet der auf mittelalterliche Instrumente spezialisierte Meerbusch schließlich eine alte Mühle, die er umbaut, in der Gitarrenladen und Werkstatt Platz finden. Alles scheint perfekt, doch die Zerbrechlichkeit des Lebens begleitet ihn auch im längsten Abschnitt des Berufslebens. Ob Wilhelm Meerbusch Frieden schließt mit dem später erzwungenen Ausstieg aus dem geliebten Beruf, lässt Autor Gotschy offen. Ganz wie im richtigen Leben.

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