Von der Frühförderung im integrativen Kindergarten, in Lindenhofschule und Werkstätten bis hin zu Wohnheimen reicht das Netzwerk, das der Verein Lebenshilfe Donau-Iller in mehr als fünf Jahrzehnten in der Region für Menschen mit Behinderung und ihre Familien aufgebaut hat. Emine Kocak,   Mitarbeiterin der Sendener Werkstätten, möchte, dass in ihrem Heimatland Türkei Ähnliches entstehen kann. Deshalb engagiert sie sich dort seit Jahren in Zusammenarbeit mit einer Behindertenschule bei Istanbul für den Aufbau einer Werkstatt.  Eine Delegation der Schule hat sich jetzt vor Ort über das Lebenshilfe-System informiert.

Eine Woche lang besuchten Schulleiter und Lehrerinnen der Atasehir Lions Özel E?itim Mesleki-Schule viele Standorte der Lebenshilfe in der Region, darunter die Werkstätten Illertissen und Senden sowie die Gärtnerei St. Moritz. Begleitet wurden sie von Meltem Ogten, einer Vertreterin der Bezirksregierung Atasehir. Von der Regierung soll das Projekt mit Fördergeldern unterstützt werden.

Ogtens Eindrücke und die der Schulvertreter waren durchweg positiv. „Was hier behinderten Menschen an Hilfen gegeben wird, gibt es bei uns nicht“, sagte Schulleiter Sezgin Cekuc. Und das, obwohl nach seinen Schätzungen mehr als zehn Millionen Menschen mit Behinderung in der Türkei leben.

Derzeit besuchen rund 90 Schüler die 2009 gegründete und vom örtlichen Lions Club finanzierte Schule bei Istanbul, alle sind zwischen 14 und 23 Jahre alt. Eine Chance, nach der Schule auch Arbeit zu finden, haben allerdings nur die Allerwenigsten. Oft kehren sie zu ihren Familien zurück und bleiben dort für den Rest ihres Lebens.

Das soll sich nun ändern: Emine Kocak hat vor Ort ein Netzwerk ins Leben gerufen  und einen Verein gegründet, der nicht nur zufällig übersetzt „Lebenshilfe“ heißt. In einem weiteren Stockwerk der Schule soll schon ab September eine kleine Werkstatt aufgebaut werden, wo die behinderten jungen Erwachsenen nach der Schulzeit arbeiten können.

Kocak denkt an „kleine Anfänge“ mit selbst gemachten Holzwaren, Korbwaren und anderen Eigenprodukten. So habe die Lebenshilfe Donau-Iller in den 60er Jahren auch begonnen: „Wir fangen klein und beständig an und bauen dann weiter auf.“ Dem entsprechend wird der Lehrplan der Schule angepasst: Momentan stellen die Schüler im Unterricht kleine Hocker und Tische her. Diese handwerklichen Fähigkeiten sollen künftig noch mehr geschult werden. „Bisher mussten wir die Jugendlichen nach dem Ende ihrer Schulzeit traurig heimschicken und konnten nichts daraus machen aus dem, was sie gelernt haben“, sagt eine der türkischen Lehrerinnen während des Besuchs. „Jetzt bekommen sie eine Perspektive.“

Besonders beeindruckt waren die Besucher aus der Türkei vom Arbeitssystem der deutschen Werkstätten-Gruppen, in denen Schwache und Stärkere ihren Fähigkeiten entsprechend zusammen arbeiten. Die Arbeit eines jeden habe so einen Wert, lobten die Gäste. Werkstätten-Leiter Dieter Bader verwies auf die große Gründlichkeit, mit der in den Werkstätten gearbeitet werde: Die Fehlerquote etwa beim Sortieren von Teilen sei geringer, als es der Auftraggeber früher in der eigenen Firma erlebt habe.

Was an der Schule bei Istanbul passiere, sei ein Modellprojekt, nicht nur für die Region, sondern die ganze Türkei, betonte Emine Kocak. Das sehen auch die Türken so. Das deutsche Lebenshilfe-Team habe ihnen sehr geholfen, hieß es. Auf jeden Fall werde der Kontakt bestehen bleiben. „Es gibt noch viel zu tun.“