Serie Landwirtschaft im richtigen Maß

Klaus Vidals Jungtiere raufen gerne, mal nur spielerisch, mal geht es um die Rangfolge.
Klaus Vidals Jungtiere raufen gerne, mal nur spielerisch, mal geht es um die Rangfolge. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Pfaffenhofen / Lukas Wetzel 07.05.2018
Bio-Bauer Klaus Vidal ist für vernünftige Arbeitszeiten. Freizeit ermöglicht politisches Engagement und Meinungsbildung.

„Muhhh“, ertönt es laut aus dem Ruhebereich des Stalls. „Du bist der Oberchef, fühlst dich schon als Deckbulle, auch wenn noch ein paar Zentner fehlen“, kommentiert der 55-jährige Landwirt Klaus Vidal das Muhen des männlichen Jungtiers. Die Kälber raufen wild miteinander, dann rangelt eines mit einer Mutterkuh. „Jetzt führst du dich auf und nachher nuckelst du bei der Mama“, witzelt Vidal. Ihm gehört der Vidalhof in Pfaffenhofen. Für die kleinen Kälber sei das Raufen spielerisch, bei den älteren gehe es auch um die Rangfolge.

Drei Kälbchen, drei größere Jungtiere, zehn Mutterkühe und fünf Ochsen hält der Landwirt auf seinem Hof, den es schon seit 1874 gibt, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Vidal übernahm ihn 1991, stieg direkt auf Bioland um, wechselte 2013 aber zum Biokreis. Der Grund: Ein Hof mit 200 Kühen war Bioland beigetreten. „Das ist mit Bio nicht mehr vereinbar. Ich will mit meinem Hof nicht für Bioland werben, wenn dessen Produktmengen von den großen Betrieben kommen“, sagt Vidal. Der Ursprung des ökologischen Anbaus verblasse, wenn es nur noch um Betriebswirtschaft gehe. Statt mehrerer Bioverbände plädiert der Landwirt für einen einzigen Verband in Deutschland. „So gibt es keine Reibungsverluste durch Konkurrenz.“

Systematischer Freizeitmangel

Doch nicht nur Bioland kehrte Vidal den Rücken. Im Jahr 2000 trat er beim Bauernverband aus. „Ich fühle mich vom Verband nicht vertreten, es bringt mich als kleiner Bauer in den Nachteil.“ Er schloss sich noch im selben Jahr der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) an. „Die AbL macht dem Bauernverband den Alleinvertretungsanspruch streitig.“ Der Verein fordere, dass die Arbeitsleistung der Bauern honoriert wird. Der Bauernverband befürworte dagegen, dass staatliche Fördergelder an die Höfe mit der meisten Fläche fließen. Das benachteilige kleine Bauernhöfe.

„Ich möchte in einer vernünftigen Zeit ein vernünftiges Einkommen verdienen“, sagt der Landwirt. „Ein Bauer sollte noch am öffentlichen Leben teilnehmen können.“ Vidal engagiert sich in der AbL und in der ÖDP Weißenhorn-Pfaffenhofen. In seiner Holzwerkstatt liegt noch eine Pressspanplatte aus den 90er Jahren. Darauf ist ein Plakat geklebt mit der Aufschrift: „Tschernobyl ist nicht vergessen. Vernunft setzt auf sanfte Energie. ÖDP.“ Unvernunft sieht Vidal in der Gesellschaft walten: „Mir scheint das mit der mangelnden Freizeit hat System. Man wird permanent gehetzt und kann sich keinen Standpunkt mehr bilden.“

Auch die Kälber raufen nicht nur, sie brauchen zuweilen ihre Ruhe. Dafür ist der Kälberschlupf da, ein Fluchtraum mit kleinem Durchgang, durch den nur die Jungtiere schlüpfen können. „Das ist wie bei uns: Manchmal geht einem die Mutter auf die Nerven. So kann man sie sich ein bisschen auf Distanz halten“, witzelt Vidal. Er führt seine Kühe nicht auf die Weide. Dafür haben sie einen 150 Quadratmeter großen Stall mit 60 Quadratmetern Auslauf. Auf Antibiotika und Kraftfutter verzichtet er komplett.

Bäcker und Hobbyimker

Wer in Vidals Hofladen einkauft, kann sich die Tiere vorher im Kuhstall anschauen. Im Laden gibt es aber nicht nur Rindfleisch zu kaufen, sondern an Eigenprodukten auch  Gemüsesorten wie Lauch, Kartoffeln und Kürbisse, Gebäck und Honig. Überdies baut Vidal auf 18,5 Hektar Ackerland Kleegras, Dinkel, Weizen, Hafer, Roggen, Lupine und Ackerbohnen an. Überschüsse, die er nicht direkt vermarktet, gehen an die Erzeugergemeinschaft Kornkreis. Seine 60-jährige Ehefrau Eva Vidal kümmert sich um die Vermarktung, ihr Mann um die Produktion. Klaus Vidal ist gelernter Landwirt und Bäcker, darüber hinaus Hobbyimker.

Noch fünf Jahre will der Landwirt den Hof betreiben. „Dann sollte ich wissen: Nimmt’s einer oder nicht?“ Seine vier Kinder wollen das Unternehmen momentan nicht übernehmen. „Ich sollte jetzt einen jungen Menschen begeistern können, ihm ehrlich eine Perspektive aufzeigen können“, sagt Vidal.

Gegen das Höfesterben

Arbeitsgemeinschaft In einer fünfteiligen Serie stellen wir Landwirte vor, die nicht Mitglied im Bauernverband sind, sondern in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Diese setzt sich für den Erhalt kleinerer und mittlerer Höfe ein. Ihre agrarpolitischen Positionen stehen häufig im Widerspruch zu denen des Bauernverbands.