Kreis Neu-Ulm Landrat Geßner: Herzensbildung contra Raffgier

An die 100 Vertreter von Schulen, Jugendhilfe, Wirtschaft und Kommunen haben die Bewerbung als Bildungsregion beschlosssen. Foto: Jürgen Bigelmayer
An die 100 Vertreter von Schulen, Jugendhilfe, Wirtschaft und Kommunen haben die Bewerbung als Bildungsregion beschlosssen. Foto: Jürgen Bigelmayer
Kreis Neu-Ulm / MICHAEL JANJANIN 17.11.2012
Die Bildungsregion Neu-Ulm wächst weiter: Organisiert wird sie von der Landkreisverwaltung. Die Ideen für Projekte kommen von der Basis - mehr als 100 Menschen, die Kontakt mit der Jugend haben.

Zum zweiten Dialogforum für die Bildungsregion Neu-Ulm war auch Jugend da: Der Mittelschüler Tobias Kugelmann war mit dem Vöhringer Schulleiter Thomas Pelikan und Tanja Hörmann vom Elternbeirat gestern ins Landratsamt gekommen, um das Konzept mit auf den Weg zu bringen. In dieser Ausprägung ist es bis jetzt einmalig in Bayern.

"Da stecken viele gute Ideen für die Schule drin, wäre schön, wenn die Wirklichkeit würden", sagte der Jugendliche zum Abschluss des Forums. Dieses bildet den Abschluss der Vorbereitungen, damit der Landkreis als Bildungsregion von Kultus- und Sozialministerium zertifiziert zu werden kann. Die Initiative hat als Ziel, "im Zusammenwirken von Schulen, Kommunen, Jugendhilfe, Arbeitsverwaltung, Wirtschaftsorganisationen und Unternehmen einer Region die Zukunft der jungen Menschen mit einem Angebot zu sichern, das ihnen die Wahrnehmung ihrer Bildungs- und Teilhabechancen ermöglicht". Wie sehr diese zurzeit vernachlässigt werden, erbost Landrat Erich Josef Geßner. "Das hält uns auf katastrophale Weise das verantwortungslose, nur nach Profitmaximierung gierende Treiben der Banker, Fondsmanager, windigen Immobilienhaie und Finanzspekulanten, aber auch nicht weniger Politiker vor Augen." Je mehr Kirchen an Einfluss verlieren, die Familien durch soziale Not, Zeitarmut und Scheidung zerrütten, desto wichtiger sei es, "dass Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen das Defizit an Herzensbildung ausgleichen - soweit das überhaupt möglich ist".

Die Anstrengung, gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden, heißt seit gut zwei Jahren im Landkreis Neu-Ulm Bildungsregion: den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule erleichtern, mit Projekten an Kindertagesstätten und Schulen Technikbegeisterung zu wecken, Berufsfindung zu erleichtern, Anleitung für eine gute Bewerbung zu geben, Hausaufgabenbetreuung zu stärken. Auf dieser Basis hat das erste Dialogforum fünf Arbeitskreise gebildet: An die 100 Projektideen, Vorschläge und Denkanstöße für eine Optimierung des Schulsystems wurden gesammelt. Zum Beispiel Übergänge organisieren und begleiten: Nicht nur der Wechsel vom Kindergarten zur Grundschule soll leichter werden, berichtete Raphael Bögge aus den Arbeitskreisen. Er ist zentraler Ansprechpartner für die Mitwirkenden an der Bildungsregion. Der persönliche Referent des Landrats organisiert basisdemokratische Programme in der Region Neu-Ulm. Seine Themen: Kreisentwicklung, Klimaschutz - und jetzt Bildung.

Schülerlotsen sollen den Kindern die Orientierung an weiterführenden Schulen erleichtern. Überhaupt gelte es, den Austausch zwischen den Schularten zu verbessern, damit möglichst viele zu einer Ausbildung finden, die ihren Fähigkeiten und Vorstellungen entspricht. Als Drehscheibe des Austauschs von Ideen und Informationen "wurde eine in regelmäßigen Abständen tagende, regionale Bildungskonferenz vorgeschlagen", ergänzte Bögge. Lehrer, Direktoren, Schüler, Eltern, Wirtschaftsvertreter - sie sollen eine Art Vollversammlung der Region bilden.

"Spannend wird auch die Frage sein, wie wir im Grenzgebiet die Kinder und Jugendlichen an unseren Schulen halten." Hilfreich wäre zum Beispiel, eine Internetplattform einzurichten. "auf der sich die Eltern und Kinder über Schulprofile und Übertrittsmöglichkeiten informieren können". Geßner als Vorsitzender des Verwaltungsrats der Sparkasse Neu-Ulm/Illertissen freut sich, dass "diese zusammen mit dem Schulamt den Aufbau der Kompetenzakademie Neu-Ulm vorantreibt". Diese wird Ansprechpartnerin für Lehrer, Kinder, Jugendliche und Eltern sein - zur Unterstützung bei der Berufsfindung. Sobald der Kreisjugendring seine neuen, großen Räume in Neu-Ulm bezogen hat, soll auch dieser verstärkt als Kooperationspartner einsteigen.

Bei dem Wettbewerb "Technik und ich" und Projekten wie der "Forscherwerkstatt", die Mittel dafür hat der Schulausschuss vergangene Woche bewilligt, geht es darum, Interesse für technische Berufe zu wecken. "Ein Projekt, das letztendlich auch der Fachkräftesicherung dient." Bögge kann sich eine Art Ferienakademie Technik vorstellen - analog zur Kunstveranstaltung des Nikolaus-Kopernikus-Gymnasiums in Roggenburg. Großen Raum nehmen Projekte ein zur Förderung "junger Menschen in besonderen Krisen". Stärkung der Schulsozialarbeit ist eine der Forderungen - "und interkulturelle Pädagogik". Sprachförderung gebe es zwar im Landkreis: "Aber wird sie auch zielgerichtet eingesetzt?" Es gelte, die Angebote auf ihre Effektivität zu überprüfen, um möglichst viele Kinder und Jugendliche zu erreichen. Das formulierte Ziel, bei dem auch die Freiwilligenagentur Hand in Hand helfen kann: "Dass alle Kinder, die unsere Tageseinrichtungen verlassen, die deutsche Sprache beherrschen und ihre Schulkarriere leichter starten können."

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