Als Dozent und Professor an renommierten Universitäten wie Heidelberg, Marburg, Erlangen und Berlin hat Klaus Sames jahrzehntelang den menschlichen Alterungsprozess erforscht. Das Spezialgebiet des anerkannten Gerontologen und Anatomie-Experten ist die Kryonik. Der Begriff ist vom griechischen Kryos abgeleitet, das Eis bedeutet. In der Kryonik hat der 75-Jährige seinen ganz privaten Weg gefunden, dem unausweichlichen Ende zu entgehen: "Ich verdränge den Tod nicht, ich suche einen Ausweg."

Seit sechs Jahren lebt Sames in Senden. Aufgewachsen ist er in Hessen und machte dort als Pfarrerssohn eine "fromme Karriere". Irgendwann, erinnert er sich, sei dieser Weg nicht mehr vorstellbar gewesen. Er wandte sich der Medizin zu, um wissenschaftliche Antworten auf die Frage zu finden, warum der Mensch sterben muss.

Was er fand, ließ ihn resignieren. "Der menschliche Körper ist viel zu kompliziert." Irgendwann könnte es Lösungen geben, aber erst in 200, 300 Jahren. Zu spät für Klaus Sames. Ein Student brachte ihn auf die Idee: Warum nicht eingefroren die Zeit überdauern? Und so unterschrieb der Wissenschaftler Anfang der 80er einen Vertrag, der ihn für 28.000 Dollar zu einem Patienten des Cryonics Institute in Detroit machte. In den USA wird sein Körper nach seinem Tod in einem Stickstofftank lagern, bis Wissenschaft und Technik so weit sind, ihm und anderen Kryonikern ein neues Leben zu ermöglichen. Nanotechnologie sei dafür der Schlüssel, glaubt der Gerontologe. Irgendwann, hofft er, werden winzig kleine Nanopartikel seine alten Zellen reparieren oder die tödlichen Krankheiten anderer Kyoniker heilen können.
 


Außer in Detroit gibt es weltweit noch zwei Einrichtungen, in denen Kryoniker lagern, eine in Russland und eine weitere in den Vereinigten Staaten. In Deutschland, sagt Sames, sei Kryonik als Bestattungsart "weder verboten noch erlaubt". Für ein eigenes Institut fehle es hierzulande an Menschen, Juristen und Geld. Also müssten die rund 65 deutschen Kryoniker nach ihrem Tod auf eine lange Reise gehen.

Zur Vorbereitung dieser Reise zählt jeder Augenblick. Klaus Sames weiß genau, was er sich für seine Todesstunde wünscht: "Dass jemand sehr schnell Eiswürfel besorgt, etwa die Menge, die ich wiege, und mich damit bedeckt." Zusätzlich zur Kühlung, erklärt der Kryoniker, bekomme er Medikamente wie Heparin gespritzt, um Blutklumpen zu vermeiden und Zellschäden vorzubeugen. Im Einbalsamierraum des Ulmer Bestattungsinstituts Streidt zeigt Sames die Apparaturen, die dort für den Falls seines Todes bereit liegen: Eine elektrisch betriebene Säge zum Auftrennen des Brustkorbs, eine Chirurgenklemme und die Pumpe einer Herz-Lungen-Maschine. Sie soll über diverse Schläuche, Filter und Vorrichtungen langsam bis zu 75 Prozent seines Bluts gegen ein Frostschutzmittel austauschen. In Trockeneis wird er dann auf die Reise nach Detroit gehen, und im Cryonics Institute auf die Temperatur von Minus 194 Grad heruntergekühlt. "Vitrifizieren" nennt Sames diesen Vorgang, bei dem das Frostschutzmittel nicht zu Eiskristallen, sondern zu einer glasähnlichen Masse erstarrt.

Soweit die Theorie. Sames gibt aber zu, "recht lässig" mit seinem eigenen Tod umzugehen. Er wandert gerne in den Bergen, fernab von Eiswürfeln und Frostschutzmitteln. Ein Alarmierungsgerät, das jederzeit ein Abfallen seines Pulses registrieren und ein Kryonikteam herbeirufen könnte, gibt es noch nicht. Das Infokärtchen, das Fremde im Notfall auf die richtige Versorgung des Kryonikers hinweisen soll, trägt er nicht immer bei sich. "Solange ich noch auf 2000 Höhenmeter komme, bleibt mein Herz nicht einfach stehen", meint Sames. Er hofft, dass sein Ende planbar kommt, in einem Krankenhaus, mit Ärzten, die richtig vorbereitet sind.

Und was, wenn er in hunderten von Jahren aufgeweckt wird, in einer ihm fremden Welt? "Ein Mensch mit normaler Intelligenz wird klarkommen", ist sich Sames sicher. "Die Zukunft ist doch sehr interessant." Dann erzählt er das "nette Geschichtchen" vom Kryoniker, der in der Zukunft in einem Zoo landet: "Aber bei guter Verpflegung."

Zu schaffen macht dem 75-Jährigen, dass er ein mögliches zweites Leben alleine antreten muss. "Ich werde meine ganze Familie verlieren", sagt Sames ungewöhnlich ernst. Die Tochter, Freunde - er konnte sie nicht von der Kryonik überzeugen. "Der Tod ruft Angst, Entsetzen und Hilflosigkeit hervor, die schlimmsten Gefühle, die es gibt." Doch was zählt, ist der Traum, diese "zehn Prozent Chance", die Sames sich selbst und dem Experiment Kryonik gibt. Er wolle noch "alle Frauen kennen lernen, alle Inseln und alle Galaxien bereisen". Wenn er in eine Bibliothek gehe und all die Bücher sehe, erschrecke er. Das müsse nicht so sein, sagt Sames: "Wenn ich sie alle noch lesen könnte. Irgendwann."

Konservierung im Eis bislang Stoff für Science-Fiction